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    Magdeburg

    Linke: Tortenwurf lässt Kritiker verstummen

    Zwei Personenschützer springen aus dem Wagen, sichern den Hoteleingang, dann öffnet sich die Tür der Limousine. Doch es ist nicht die Bundeskanzlerin, kein Bundesminister und auch kein Ministerpräsident, der zur Übernachtung das Magdeburger Maritim-Hotel gewählt hat.

    Tortenstar statt Buhfrau: Beim Parteitag wurde Fraktionschefin Sahra Wagenknecht Opfer der Attacke eines 23-jährigen Mannes, Mitglied einer "Antifaschistischen Initiative", der die Linken-Politikerin wegen ihrer Äußerungen zur Flüchtlingskrise mit einer Sahnetorte bewarf. Der Mann erreichte mit seiner Aktion letztlich das Gegenteil: Über die umstrittenen Aussagen wurde nicht mehr diskutiert. Stattdessen wurde Wagenknecht gefeiert.  Foto: dpa
    Tortenstar statt Buhfrau: Beim Parteitag wurde Fraktionschefin Sahra Wagenknecht Opfer der Attacke eines 23-jährigen Mannes, Mitglied einer "Antifaschistischen Initiative", der die Linken-Politikerin wegen ihrer Äußerungen zur Flüchtlingskrise mit einer Sahnetorte bewarf. Der Mann erreichte mit seiner Aktion letztlich das Gegenteil: Über die umstrittenen Aussagen wurde nicht mehr diskutiert. Stattdessen wurde Wagenknecht gefeiert.
    Foto: dpa

    Vorn und hinten eskortiert, betritt die Linken-Politikerin Petra Pau das Atrium. Der Tortenwurf von Magdeburg hat nicht nur die Betroffene, Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht, schockiert. Auch das Bundeskriminalamt, das dafür sorgen soll, dass den Spitzenpolitikern der Republik keiner zu nahe kommt, hat die sichtbare Sicherung hochgefahren.

    Die Überraschung, selbst als sozialistische Linke vor antifaschistischen Aktivisten nicht sicher zu sein, obwohl man sich gewöhnlich hinter gemeinsamen Protestaufrufen versammelt, hat sich am Folgetag von Mitgefühl für Wagenknecht in Begeisterung verwandelt. Nach ihren von vielen Linken abgelehnten Äußerungen zur Flüchtlingspolitik hätte Wagenknecht die meistkritisierte Figur des Parteitages werden können. Nun ist sie die Meistgefeierte.

    Dabei hätte diese Rolle eigentlich den Parteichefs gebührt. Zumal sie, um Stimmung für ihre Wiederwahl zu machen, ordentlich die linke Seele massierten, das "Riesenarschloch" Donald Trump (so Bernd Riexinger) genauso verwünschten wie die Politik der SPD als "Totalausfall" werteten (so Katja Kipping). Nach den drei Wahlschlappen und der Kritik von Ex-Fraktionschef Gregor Gysi an einer "saft- und kraftlosen" Partei bleibt die Abstrafaktion bei den Personalentscheidungen zwar aus, aber Riexingers Zustimmung schrumpft von 89 auf 78 Prozent, Kippings von 77 auf 74.

    Ein Problem an diesem Magdeburger Parteitag ist sein Ort. Hier hatten die Linken eigentlich ihren zweiten Ministerpräsidenten feiern wollen. Stattdessen sackten ihre Stimmenanteile unter die der AfD, verloren sie selbst angestammte Direktwahlkreise an die neue politische Kraft. Das nehmen Gegner eines Regierungskurses als Beleg, dass die Linke damit nur verlieren könne.

    Auch Wagenknecht nimmt nur in Interviews das Wort "koalitionsfähig" in den Mund, beim Parteitag selbst setzt sie auf klare Kante gegen den Rest der Welt. Sie analysiert als Ursache für den Rechtsruck in Deutschland, in Europa und in den USA die jahrzehntelange Politik des Neoliberalismus, wie er von CDU, CSU, FDP, aber auch von SPD und Grünen betrieben worden sei. Diese Politik habe dazu beigetragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Sozialstaat zu zerstören. "Die Neoliberalen haben da gesät, wo die Rechten ernten", ruft Wagenknecht in den Saal, und donnernder Applaus kommt zurück.

    Der Tortenwurf verhindert, dass sich in Magdeburg die Linke selbst zu einem klareren Kurs durchringt. Ja, gegen Rassismus, gegen Sparpolitik, gegen Hartz IV, gegen Auslandseinsätze, gegen die Nato – darauf können sie sich schnell verständigen. Doch in langer Übung haben sich die Strömungen in der Partei sorgsam austarierend verfestigt. Beim Buhlen um Stimmen und Stimmung wissen zwar alle, welche Knöpfe sie drücken müssen, doch wenn es ganz konkret wird, etwa bei der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, dann klingen die Antworten immer anders, wenn sie von Parteichef Riexinger oder von Parteichefin Kipping kommen, von Fraktionschefin Wagenknecht oder Fraktionschef Bartsch.

    Zum Parteitag hat Gysi einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten von SPD, Linken und Grünen angeregt. Er will, dass eine andere Politik realistisch wählbar wird, weil sich ein Lager formiert. Thüringer Linken-Vordenker im Umfeld der einzigen Linken-Regierung haben vorgerechnet, dass alle drei zusammen nur 5 Prozentpunkte hinzugewinnen müssen, damit es klappt. Doch in Magdeburg gab es keine derartige Kursansage. Nur das Wort "absurd" zu Gysis Vorschlag. So bedauert denn die SPD, dass es zu keinem gemeinsamen Projekt kommt und präferiert als Perspektive die Ampel mit FDP und Grünen, während diese die Bedingungen für schwarz-grüne Perspektiven in den Blick nehmen.

    Nach den donnernden Selbstvergewisserungen durch Tortenstar Wagenknecht fuhren die Delegierten innerlich aufgebaut nach Hause, obwohl etliche auch darüber murrten, mit Wagenknecht nicht über die Flüchtlingspolitik hatten streiten zu können. Doch ob die verblassende Attraktivität durch diesen Parteitag gestoppt werden konnte, erscheint eher zweifelhaft. In den vergangenen sechs Jahren hat die Linke bereits ein Viertel ihrer Mitglieder verloren.

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