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    Außenminister Steinmeier: Der Herr der Krisen

    Das Treffen mit dem russischen Präsidenten im Kreml ist gerade vorbei, da greift Frank-Walter Steinmeier schon zum Handy.

    Hat im Moment alle Hände voll zu tun: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erweist sich in einer Zeit, in der sich die internationalen Krisen zuspitzen, als der richtige Mann für das Amt.
    Hat im Moment alle Hände voll zu tun: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erweist sich in einer Zeit, in der sich die internationalen Krisen zuspitzen, als der richtige Mann für das Amt.
    Foto: dpa

    Von unserem Berliner Korrespondenten Jan Drebes

    Eben hat der Außenminister noch mit Wladimir Putin über die Ukraine gesprochen, jetzt geht er die vergleichsweise profane Agenda des nächsten Ministerfrühstücks in Berlin durch. Doch sein Gesprächspartner spürt das nicht. Steinmeier, das sagen nicht nur SPD-Parteifreunde, schenkt einem immer seine volle Aufmerksamkeit. Egal, unter welchen Belastungen der 58-Jährige steht.

    Im Moment sind diese enorm, die Liste der Krisen ist lang: Ukraine-Krieg, Kampf gegen den IS, Eskalationen im Nahen Osten, Afghanistan, Irak und obendrein noch Ebola. Doch der Feuerlöscher-Minister ist in der Rolle seines Lebens. Obwohl er das Auswärtige Amt bereits zum zweiten Mal führt, entsteht dieser Eindruck vor allem jetzt.

    Steinmeier ist überall und lächelt trotzdem: Innerhalb einer Woche machte er kürzlich mehrere Tage Station in Israel, flog nach Brüssel, wollte von dort nach Südafrika, schob aber auf Geheiß der Kanzlerin noch Kiew und Moskau dazwischen und kam schließlich zum Wochenende aus Kapstadt wieder. Ein solches Pensum ist für ihn fast zur Normalität geworden.

    "Nie habe ich den Minister aufbrausend oder cholerisch erlebt", sagt ein enger Mitarbeiter aus dem Auswärtigen Amt. Steinmeier gilt intern und auf dem internationalen Parkett der Diplomatie als ruhig, besonnen, strapazierfähig, cool. Er ist zugänglich, stets im Stoff, weiß, wovon er spricht, braucht wenig Schlaf, nimmt selten Urlaub.

    Und sein Privatleben hält Steinmeier privat. Nur als seine Frau Elke Büdenbender 2010 schwer erkrankte, machte er das öffentlich, weil er sich als damaliger SPD-Fraktionschef eine Auszeit nehmen wollte. Steinmeier spendete seiner Frau, mit der er seit 1995 verheiratet ist, eine Niere und wurde zum Kämpfer für den Organspendeausweis.

    Wer aber verstehen will, wie es der Mann zum derzeit beliebtesten Politiker der Republik gebracht hat, muss in einem Atemzug den Werdegang von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) nennen. Steinmeier wuchs wie sein Mentor Schröder in einfachen Verhältnissen im Kreis Lippe auf. Im Januar 1956 kam er als Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin in Detmold zur Welt. Anders als Schröder machte er regulär am Gymnasium Abitur, studierte nach dem Wehrdienst Jura in Gießen.

    Die Wege der beiden kreuzten sich, als Steinmeier 1993 vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder zu dessen persönlichem Referenten gemacht wurde. Wenig später stieg er zum Chef der Staatskanzlei auf, leitete nach Schröders Wahl zum Bundeskanzler 1998 die Geheimdienste aus dem Kanzleramt und wurde kurz danach Chef desselben. Fortan war Steinmeier gesetzt: Nach Schröders Abwahl in der Großen Koalition von 2005 bis 2009 als Außenminister und in den Oppositionsjahren danach als Fraktionschef.

    In der ersten Auflage der heutigen GroKo harmonierten Regierungschefin Angela Merkel und Steinmeier bereits. Es ist kein Geheimnis, dass sie nun froh ist, Steinmeier als Außenminister zu haben - in einer Zeit, in der sich die internationalen Krisen deutlich zugespitzt haben. Doch für Steinmeier schien nicht immer die Sonne. Als einer der Architekten der Agenda-Politik war er mit Schröder heftiger Kritik in der SPD ausgesetzt.

    Die Sicherheitsdiskussionen nach dem 11. September 2001 machten ihm zu schaffen. Als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel 2009 schließlich sah er blass aus. Heute ist der innenpolitische Gegenwind eher harmlos. Er genießt fraktionsübergreifend Respekt für seine Leistung. "Ein Glücksfall", kommentiert einer aus dem gegnerischen Lager.

    Eins aber, das weiß man in seinem Umfeld, lässt Steinmeier aus der Haut fahren: Wenn politische Kritik persönlich wird. Als er Ende Mai auf dem Berliner Alexanderplatz für die SPD eine Rede im Europawahlkampf hielt, wurde er von Demonstranten lautstark als Kriegstreiber beschimpft. Ihm platzte der Kragen, er schrie die Protestler minutenlang nieder, der stets Beherrschte zeigte Nerven. Steinmeier als Mensch - seine Beliebtheitswerte stiegen.

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