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    Berlin/Wiesbaden

    Analyse: Schwarz-Grün in Hessen als Testlauf?

    Hessen ist schon einmal das Labor für neue Mischungen gewesen. Jahrzehntelang hatte es nur schwarz-gelbe, schwarz-rote und rot-gelbe Regierungen in Deutschland gegeben. Bis SPD-Ministerpräsident Holger Börner das bis dahin Undenkbare wagte: eine rot-grüne Koalition.

    Gibt es bald die nächste Premiere in Hessen? Der Grüne Joschka Fischer (rechts, bei seiner Vereidigung zum Landesumweltminister) führte die hessischen Grünen 1985 in die erste rot-grüne Landesregierung.
    Gibt es bald die nächste Premiere in Hessen? Der Grüne Joschka Fischer (rechts, bei seiner Vereidigung zum Landesumweltminister) führte die hessischen Grünen 1985 in die erste rot-grüne Landesregierung.
    Foto: DPA

    Von unserem Berliner Korrespondenten Gregor Mayntz

    Das war 1985, und bei seiner Vereidigung als Vize-Regierungschef tat Joschka Fischer allen Skeptikern den Gefallen, in Turnschuhen in die Regierungsverantwortung zu latschen. Zwei Jahre später war das Experiment bereits gescheitert, das Bündnis zerbrach. Trotzdem war weitere elf Jahre später das Eis auch auf Bundesebene gebrochen, Fischer Vizekanzler der ersten rot-grünen Bundesregierung.

    Wiederholt sich jetzt die Geschichte mit Schwarz-Grün?

    Raue Umgangsformen

    Börner hatte an der Absurdität einer rot-grünen Perspektive damals zuvor keine Zweifel gelassen. Bei Protesten gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens bedauerte er ausdrücklich, Krawallmachern „nicht selbst eins auf die Fresse hauen“ zu dürfen.

    Früher habe man das beim Bau „mit der Dachlatte erledigt“. Und doch bildete er danach mit den Flughafengegnern eine gemeinsame Regierung. Das Hindernis verbal aufgeblasener Gegnerschaft müssen CDU und Grüne knapp drei Jahrzehnte später nicht einmal überwinden. Zwar ist auch dieses Mal der Flughafen das größte Problem auf dem Weg zu einem Bündnis.

    Doch einen „Korridor“ für eine mögliche Verständigung haben CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier und Grünen- Fraktionschef Tarek Al-Wazir bereits bei den Sondierungsgesprächen gefunden. Auch Grünen- Wähler erkennen die Bedeutung des Flughafens für die hessische Wirtschaft und wollen nicht, dass ihre Partei ihn stranguliert.

    Und auch CDU-Wähler zeigen sich zunehmend geplagt vom Fluglärm und erwarten von ihrer Partei, dass es leiser wird. Aufhorchen ließ Al-Wazir bereits bei den Sondierungen, als er die Distanz in den Positionen zum Streitthema Flughafen zwischen Grünen und CDU einerseits sowie Grünen und SPD andererseits als gleich groß definierte.

    Die bisher zu hörenden Floskeln von den „größeren natürlichen Schnittmengen zwischen SPD und Grünen“ waren damit Geschichte. Allerdings hat Al-Wazir auch seine persönliche Geschichte im Verhältnis zur CDU aufzuarbeiten gehabt. Er war gerade vier Jahre Abgeordneter im hessischen Landtag, als der damalige CDU-Spitzenkandidat Roland Koch mit einem Stimmungswahlkampf gegen den rot-grünen Doppelpass 1999 den Wahlsieg in Hessen errang – diese Stimmung richtete sich auch gegen Al-Wazir persönlich.

    Er gehörte als Sohn einer deutschen Mutter und eines jemenitischen Vaters zu den wenigen Hessen mit zwei Pässen.

    Ganz rechts und ganz links

    Hessen als Testlabor für neue Farbmischungen ist von besonderem Reiz, weil kaum ein Landesverband bei der CDU traditionell „rechter“ und kaum ein Landesverband bei den Grünen „linker“ war.

    Doch beide haben sich gewandelt. Die Zeiten eines konservativ- polarisierenden Alfred Dregger, „natürliches Feindbild“ eines jugendlichen Al-Wazirs, sind lange vorbei, wiewohl die Hessen-CDU ihre Parteizentrale inzwischen nach dem langjährigen Landesvorsitzenden und Unionsfraktionschef benannt hat.

    Bundesvize Volker Bouffier gilt zwar als Stimme der Konservativen an der Parteispitze, doch zu dem „Berliner Kreis“ der CDU-Konservativen um Hessens Fraktionschef Christean Wagner behielt er ein so herzliches wie distanziertes Verhältnis – und schlug sich auf die Seite von Parteichefin Angela Merkel. Zudem hat Volker Bouffier aus den Fehlern der Länderkollegen gelernt.

    Mehr als einmal haben sich die baden-württembergischen Christdemokraten schon gefragt, ob sie nicht doch noch regieren könnten, wenn sie den Grünen Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert hätten, statt mit einem schroff-konservativen Stefan Mappus eine Anti-Grünen-Kampagne zu fahren.

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