Archivierter Artikel vom 24.11.2017, 16:18 Uhr

Vier Kinder, eine Mama

Alleinerziehende mit Kindern stellen in Rheinland-Pfalz die zweithäufigste Familienform nach der klassischen Ehe. Franziska Knura fühlt sich trotzdem oft wie ein Mensch dritter Klasse behandelt. Sie erzählt aus ihrem Alltag als Mutter von vier Kindern.

Von Marion Ziegler
Die Wohnung in der Bad Emser Innenstadt ist für Franziska Knura und ihre vier Kinder inzwischen viel zu klein. Aber die Suche nach einer größeren ist schwierig. 
„Sie sind nicht der Traum jedes Vermieters“, bekommt die Alleinerziehende zu hören. <br /><br />
Die Wohnung in der Bad Emser Innenstadt ist für Franziska Knura und ihre vier Kinder inzwischen viel zu klein. Aber die Suche nach einer größeren ist schwierig. 
„Sie sind nicht der Traum jedes Vermieters“, bekommt die Alleinerziehende zu hören.

Foto: Sascha Ditscher

Aus großen dunklen Augen starrt die kleine Dita auf den Wohnzimmertisch. Der Paketbote an der Tür und dazu das Gebell von Miniatur-Bullterrier Pascha haben das gut zwei Monate alte Mädchen geweckt. Aber Dita wackelt friedlich in ihrem rosa Strampler und schaut neugierig vom Schoß ihrer Mama herunter. Sie ist das jüngste von vier Kindern. Mama Franziska Knura ist alleinerziehend. Und damit fühlt sich die 31-Jährige manchmal wie ein Mensch dritter Klasse.

Welche größeren Posten fallen bald an? Dank Zettel am Kühlschrank behält Franziska Knura den Überblick.
Welche größeren Posten fallen bald an? Dank Zettel am Kühlschrank behält Franziska Knura den Überblick.
Foto: Sascha Ditscher

Der Alltag der fünfköpfigen Familie in Bad Ems ist durchgetaktet. Um 6.20 Uhr muss Felix, mit elf Jahren der Älteste, aus dem Haus. Zu seiner Förderschule im 30 Kilometer entfernten Neuwied braucht er mit dem Taxibus eineinhalb Stunden. Nachmittags wird er zur Tagesbetreuung nach Koblenz gebracht, macht dort Hausaufgaben, spielt, manchmal stehen Ausflüge an. Sozialschwachen Familien finanziert das Jugendamt diese Betreuung. Gegen 18 Uhr kommt Felix nach Hause. Unterdessen sind die sechsjährige Jalila und der vierjährige Rafael von 6.30 Uhr bis 17.30 Uhr im Kindergarten. Ein privater Kindergarten. Im Gegensatz zur beitragsfreien öffentlichen Kita zahlt Knura dort für zwei Kinder monatlich bis zu 200 Euro. Aber dafür ließen sich die verlängerten Öffnungszeiten besser mit ihren Dienstschichten als Sicherheitskraft vor dem Mutterschutz vereinbaren.

Die Betreuung privat zu organisieren, ist für Alleinerziehende nicht außergewöhnlich, sagt Hildegard Joniszus vom Verband alleinstehender Mütter und Väter (VAMV). Ob auf dem Land oder in der Stadt, oft schließt die Kita vor dem Ende der Schicht, berichtet die Vorsitzende des Koblenzer Orts- und Kreisverbands. „Viele beißen in den sauren Apfel und passen sich den äußeren Bedingungen an.“ Sie treten beruflich kürzer, arbeiten in Teilzeit. Das aber verhindert nicht nur einen Karriereaufstieg, sondern rächt sich auch später bei den Rentenansprüchen. Joniszus (54) war selbst Alleinerziehende, ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Erst einen kleinen Teil ihrer bisherigen Berufsjahre konnte sie in Vollzeit arbeiten. „Man muss sich wirklich im Klaren darüber sein, dass man in der Rente in einem 450-Euro-Job weiterarbeitet“, sagt sie.

Die nächsten zwei Jahre will Franziska Knura in Elternzeit bleiben. Dabei liebt sie ihren Beruf, wollte schon immer im Veranstaltungsschutz arbeiten. 2016 schulte die gelernte medizinische Fachangestellte um. „Es werden händeringend Frauen gesucht, auch Mütter“, sagt sie. Aber der Job lässt sich gerade für Alleinerziehende nur schwer mit der Familie vereinbaren. In der Regel fallen Wochenendeinsätze und Nachtdienste an. „Nachts kann ich mir keine Tagesmutter holen.“ Für private Babysitter gibt es vom Jugendamt keine Unterstützung. Und auch Bekannte kann Knura nicht einspannen. Der Vater der drei Älteren kommt seine Kinder ab und zu besuchen. Seit Anfang 2016 sind er und Knura getrennt. Für den ältesten Sohn zahlt er Unterhalt. Für die anderen Kinder bekommt Knura Unterhaltsvorschuss. Zuletzt war der Vater Ende August zu Besuch. Das war kurz vor der Geburt der Jüngsten. Sie hat einen anderen Vater, der seine Tochter noch nie gesehen hat. „Wir haben Streitigkeiten. Da kam bis jetzt gar nichts.“ Knura will keinem Mann mehr hinterherrennen. „Sie verpassen unheimlich viel. Ich finde es traurig, aber mehr auch nicht.“ Man kann ja keinen zu seinem Glück zwingen. „Gell, Schatz?“, fragt sie und knuddelt die kleine Dita.

„Ich bin komplett auf mich allein gestellt.“ Vor neun Jahren zog Knura aus dem Donnersbergkreis bei Kaiserslautern nach Bad Ems wegen eines Partners und weil der Arbeitsmarkt besser aussah. Aber sie will wieder zurück, um näher bei der Mutter zu sein. Eine Wohnung sucht sie seit drei Jahren, denn die Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Bad Emser Innenstadt ist für die inzwischen fünfköpfige Familie längst zu klein. Mindestens vier Zimmer sollten es sein. Fündig ist Knura noch nicht geworden. Nach den Vorgaben des Amts darf die Kaltmiete für eine 100-Quadratmeter-Wohnung höchstens rund 420 Euro kosten, rechnet Knura vor. „Man ist gezwungen, in Rattenlöcher zu ziehen.“ Als sie den Bürgermeister ihrer Heimatgemeinde um Rat gefragt hat, habe der nur lapidar gesagt: „Sie sehen es selbst, Sie sind nicht der Traum jedes Vermieters.“

Auch anderswo fühlt sich Knura als Alleinerziehende mit vier Kindern und Hund nicht willkommen. Etwa, wenn die Leute im Supermarkt mit den Augen rollen oder wenn andere Eltern auf dem Spielplatz Abstand halten. „Es hat ziemlich lange gedauert, bis wir Kontakte geknüpft haben“, sagt Knura. Für Anerkennung für Alleinerziehende in der Gesellschaft kämpft auch der Verband VAMV. In Koblenz besteht er seit gut 40 Jahren, auf Bundesebene seit mehr als 50 Jahren, sagt Hildegard Joniszus. „Zum Glück sind die sozialen Bedingungen heute viel besser geworden“, sagt die Kreisvorsitzende. Dass jemand alleinerziehend ist, taugt selbst im Dorf nur noch kurz für Gesprächsstoff. Es gibt mehr Hilfs- und Beratungsangebote für Alleinerziehende, der Verband muss seltener direkte Hilfe im Einzelfall leisten. Wichtiger ist dagegen die politische Lobbyarbeit geworden. Der VAMV kämpft für bessere Rahmenbedingungen für betroffene Eltern, für Lohngleichheit, für bessere Betreuungsmöglichkeiten wie etwa die flexible 24-Stunden-Kita.

Zu Fuß sind es für Franziska Knura und ihre Kinder keine 300 Meter zur Emser Therme. Aber den Eintritt dort kann sich die Familie nicht leisten. Drei Stunden in der Therme kosten für alle fünf zusammen 47,60 Euro – eine Erwachsene, drei Kinder unter zwölf Jahren, ein Baby bei freiem Eintritt. „Das ist mehr als ein Wocheneinkauf“, sagt Knura. Familienrabatt gibt es nicht. Willkommen zu sein, fühlt sich anders an. Stattdessen verbringen die Knuras Zeit auf dem Spielplatz. Manchmal geht es in den Indoor-Spielplatz Spaßfabrik nach Lahnstein. Aber ihre Kleinen freuen sich auch, wenn alle zusammen zu Hause mit Bügelperlen Bilder gestalten. „Meine Kinder sind sehr genügsam“, erzählt Knura.

„Finanziell kann ich mich gar nicht beschweren.“ Trotzdem lässt sich nur selten etwas beiseitelegen. Knura tippt Zahlen ins Smartphone ein, um zu überschlagen, wie viel jeden Monat übrig bleibt. Auf der Minusseite stehen da gut 500 Euro Warmmiete, die aber das Amt übernimmt. Rund 150 Euro gibt es für Strom und Nahrungsmittel monatlich obendrauf. Den größten Batzen auf der Habenseite macht das Kindergeld aus, von dem die Familie größtenteils lebt. Weitere Fixkosten wie etwa die für die Betreuung rausgerechnet, bleiben rund 500 Euro im Monat übrig – für Kleidung, für Weihnachtsgeschenke, für Familienaktivitäten, für alles, was Spaß macht. „Ich komme meist auf null raus“, bilanziert Knura. Das Plus und Minus bleibt immer etwa gleich. Werden die Zahlungen aus einem Topf größer, schrumpfen dafür die aus einem anderen Topf.

Mit ihren 500 Euro kann sich Knura nach Einschätzung von Joniszus vom VAMV glücklich schätzen. „Das ist in der Regel geringer oder gar nicht da“, berichtet die Verbandsvorsitzende. Viele Alleinerziehende müssen ganz genau kalkulieren, was es zu essen gibt, welche neue Hose das Kind bekommt. Schwimmbadbesuche müssen sie absagen und den Kindern den Rücken stärken, wenn sie in der Schule geärgert werden, weil sie Kleider der Geschwister auftragen. Auch Knura verzichtet für ihr finanzielles Polster auf vieles. Das Auto hat sie aufgegeben, spart so monatlich 250 Euro. „Das ist ein absolutes Luxusgut.“ Seit Januar raucht sie nicht mehr, auch Tabak ist ein Luxusgut. Von 60 Euro kauft Knura nicht eines, sondern gleich zwei oder drei Paar Schuhe. „Ich bin sowieso sehr sparsam. Man gewöhnt sich, glaub' ich, dran.“ Dafür muss sie an anderer Stelle nicht jeden Euro zweimal umdrehen. Planbare Ausgaben sind auf einem Zettel am Kühlschrank vorgemerkt, Unvorhergesehenes ist einkalkuliert. Im August zum Beispiel war noch Geld übrig. Und da hat Knura eben schon einmal die Weihnachtsgeschenke gekauft.

Marion Ziegler

Familienformen

Alleinerziehende mit Kindern machen in Rheinland-Pfalz 22,5 Prozent der Familien aus, die zweithäufigste Familienform nach der klassischen Ehe (72 Prozent), wie der Mikrozensus des Statistischen Landesamts 2016 ergab.

Knapp 70 Prozent der Alleinerziehenden haben ein Kind, ein Viertel hat zwei Kinder. Etwa 13 Prozent der Alleinerziehenden haben zwei Kinder unter 18 Jahren.

Die Düsseldorfer Tabelle schlüsselt auf, wie viel Unterhalt ein Elternteil für ein Kind zahlen muss, gestaffelt nach seinem Nettoeinkommen. Weil sich der Zuschnitt der Einkommensklassen ändert, stehen manche Kinder ab 2018 finanziell schlechter da. Beispiel: Bei 1800 Euro netto betrug der Satz für ein bis zu fünfjähriges Kind bislang 360 Euro monatlich. Ab 2018 sind das nur noch 348 Euro.