Archivierter Artikel vom 22.04.2018, 06:00 Uhr
Koblenz/Casablanca

Tausche brave Rheinbrise gegen raue Atlantikluft: Ein Koblenzer leistet Friedensdienst in Marokko

Matthias Franz (19) aus Koblenz-Rübenach leistet zwölf Monate lang Friedensdienst in der marrokanischen Metropole Casablanca – und lernt dabei nicht nur eine andere Kultur, sondern auch sich selbst besser kennen.

Lesezeit: 7 Minuten
Jeden Tag von neun bis sechs und oft darüber hinaus im Einsatz für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen in der marokkanischen Millionenstadt Casablanca: Der 19-jährige Matthias Franz aus Koblenz-Rübenach leistet in Nordafrika sein Freiwilligenjahr ab.
Jeden Tag von neun bis sechs und oft darüber hinaus im Einsatz für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen in der marokkanischen Millionenstadt Casablanca: Der 19-jährige Matthias Franz aus Koblenz-Rübenach leistet in Nordafrika sein Freiwilligenjahr ab.
Foto: Claus Ambrosius

Salam aleikum! Ein kleiner Junge betritt schüchtern grüßend das quietschbunt bemalte Parterregeschoss des ehemaligen Kirchenbaus mitten in Casablanca, der marokkanischen Megapolis am Atlantik mit ihren mehr als drei Millionen Einwohnern. Der Kleine ist ein bisschen zu früh fürs Mittagessen aufgetaucht – eher ungewöhnlich in Marokko, wo viele Verabredungen für konkrete Uhrzeiten sich eher als mehr oder weniger verbindliche Absichtserklärungen entpuppen. Er setzt sich vorsichtig in einen der vielen mit Stoff bespannten Sessel. Matthias Franz, etwa zehn Jahre älter und ein paar Köpfe größer, spricht ihn freundlich in einer Sprache an, die mit ihren Kehllauten und vertrackten Konsonanten zwar sehr an Arabisch erinnert, dann aber auch viele französische Anteile eingeflochten zu haben scheint: Was war das denn, bitte? „Das ist marokkanisches Darija!“, erklärt der 19-Jährige. Und dann genauer für den Gast aus der deutschen Heimat: ein nordafrikanischer, vor allem in Marokko verwendeter Dialekt des Arabischen, der mit vielen Bestandteilen des Französischen, aber auch von der von großen Bevölkerungsanteilen gesprochenen Berbersprachen geprägt ist.

Dass Matthias sich einmal ausgerechnet auf Darija würde gut verständigen können: Das wurde dem gebürtigen Koblenzer nicht an der Wiege gesungen. Und auch später, auf seinem schnurgeraden Schulweg, der ihn wie rund 120 andere Absolventen zum Abitur am Koblenzer Max-von-Laue-Gymnasium führen sollte, war eine besondere Sprachbegabung nicht sein ersten Aushängeschild, auch nicht im Französischen, das Matthias mangels Begeisterung nach der zehnten Klasse sogar ganz beiseitelegte. Ein vorschneller Entschluss, wie sich zeigen sollten, denn ...
Bonjour! Eine schon von Weitem an ihrem unaufdringlichen Chic, aber auch am dafür umso berückenderen Parfum unschwer als Französin zu erkennende Dame schwebt durch den Raum und entschwindet nach kurzem Austausch von Höflichkeiten und einem Seufzen über die vielen Dinge, die noch zu tun sind, in die oberen Stockwerke. „Ja, mein Französisch ist wirklich viel besser geworden!“, freut sich Matthias Franz. Das war übrigens eine von mehreren in Casablanca lebenden Franzosen, die dem Haus schon seit vielen Jahren ehrenamtlich verbunden ist. Das Haus: Es ist das Hauptquartier der gemeinnützigen Gesellschaft „L’heure joyeuse“, die sich seit Jahrzehnten um Kinder und Jugendliche verdient macht – auch in dem properen mehrstöckigen Gebäude in Casablanca. Übersetzt ins Deutsche, bemühen sich die zahlreichen ehrenamtlichen und festen Mitarbeiter also um eine „fröhliche Stunde“ – und noch viel mehr. Allein an diesem Standort werden rund 40 Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen betreut, weitere 40 werden mit täglichem inoffiziellen Unterricht dabei unterstützt, möglichst den Weg auf die öffentlichen Schulen (zurück) zu finden, wieder andere werden gar auf eine Berufstätigkeit vorbereitet im hauseigenen Ausbildungszentrum.

Und es gibt noch den Bereich für die ganz kleinen Sorgenkindern: Dreimal pro Woche können sich insgesamt rund 150 Mütter Spezialmilch für untergewichtige Säuglinge abholen und werden mit ihren Kindern von Ärzten kostenfrei betreut. Und spätestens hier war es für Matthias vor einigen Wochen mit der Fröhlichkeit vorbei: Erst vor Kurzem starb ein Baby, das mit seiner Mutter diesen „service bébé“ bei L'heure joyeuse besuchte, an den Folgen einer frühzeitigen Entlassung aus dem Inkubator. Der sonst meist unkaputtbar gut gelaunte junge Mann wird ganz ernst, als er davon erzählt: „Meine Mitbewohnerin arbeitet öfters in diesem Bereich, ihr wird immer berichtet, dass Frühchen, die Kinder armer Eltern sind, aus den Brutkästen der staatlichen Kliniken viel zu früh nach Hause in eine unsichere Zukunft entlassen werden.“

Matthias, nach eigener Einschätzung als Spross einer typischen Mittelstandsfamilie umfassend sorgenfrei groß geworden, hat in den ersten Monaten seines Freiwilligendienstes mehrere solcher Momente erlebt, in dem ihm bewusst wurde, wie gut es die Deutschen doch haben: „Von einer weitgehenden Chancengleichheit, die wir in Deutschland genießen, ist Marokko sehr weit entfernt“, fasst er es zusammen. Die Kinder, die bei seinem Arbeitgeber auf Zeit ins Förderprogramm aufgenommen werden, erhalten solch eine unerwartete Chance: Sie wachsen meist bei unverheirateten Müttern auf – im in Gesellschaftsdingen sehr konservativen Marokko ein denkbar schlechter Start.

Ahlan! Eine kleine Gruppe unterbricht das Gespräch, Matthias wechselt wieder in den örtlichen Dialekt des Arabischen. Ein kleines Mädchen, seit Kurzem hier gefördert, ist mit seiner Mutter und einem Geschwisterchen in den Keller gekommen. Das Gespräch dauert etwas länger, es scheint auch ernst zu sein. Und es nimmt Matthias auch emotional mit. „Das ist so ein Fall. Das Mädchen ist unheimlich fleißig, es brennt darauf, hier lernen zu dürfen – wann immer es denn den weiten Weg von den Außenbezirken in die Innenstadt antreten darf.“ Und auf ihren kleinen Schultern ruht viel Verantwortung: Die Mutter zog schon vier Kinder ohne Vater groß, als die Kleine in die Förderung aufgenommen wurde. Als kurz darauf noch eine kleines Geschwisterchen auf die Welt kam, gab die Mutter das Neugeborene überfordert bei einer anderen Frau ab – das kleine Mädchen beharrte darauf, das Baby zurückzuholen. Knallharte Realität für Menschen, die von Dirham zu Dirham, von kargem Lohn zu kargem Lohn leben. Wenn dieser einmal am Fünften statt am Ersten eines Monats überwiesen wird, hat Matthias mitbekommen, kann das einer Katastrophe gleichen.

Die Möglichkeit, zwischen Abitur und Studium einen einjährigen Friedensdienst zu leisten, begreift er mittlerweile als absoluten Luxus – noch mehr als das, er hadert sogar damit: „Wenn ich bedenke, dass an meiner Stelle ein fest angestellter marokkanischer Educateur eingesetzt werden könnte, der keinerlei Sprachbarriere hat und sofort mit den Kindern loslegen könnte, spornt mich das extrem an.“ Das mag erst verwundern, immerhin bekommt er „nur“ einen Mietzuschuss und Taschengeld, landet damit bei umgerechnet knapp 400 Euro: Im Gespräch mit einem einheimischen Deutschlehrer in einem Sprachinstitut wird klar, dass das mehr ist, als mancher staatlicher Lehrer als Berufseinsteiger nach mehrjährigem Studium zur Verfügung hat. Umso froher ist Matthias, mittlerweile nicht nur im Büro kräftig mitarbeiten und die Kinder wenigstens beaufsichtigen zu können, sondern auch eigenverantwortlich einen Englischkurs auf den Weg gebracht zu haben und für seine Schützlinge täglich zum gleichwertigeren Gesprächspartner zu werden.
Guten Tag! An diesem Nachmittag kommt ein marokkanischer Mittzwanziger bei L’heure joyeuse vorbei. Ahmed, so sein Name, hatte Matthias auch als Gast zum Deutschkurs mitgenommen, wo er für sein nächstes großes Ziel büffelt: einen Studienplatz in Deutschland. Europa überhaupt, aber vor allem die Bundesrepublik ist ein Traumziel für die vielfach sehr gut ausgebildete marokkanische Jugend – auch für den bei afrikanischen Wettbewerben hocherfolgreichen Breakdancer Ahmed. Er hatte sich im Herbst bei L’heure joyeuse erkundigt, wann wohl wieder ein deutscher Freiwilliger im Einsatz sei, mit dem er Deutsch lernen könnte. Die Hausleitung reagierte prompt und clever: Jawohl, da gibt es einen „Neuen“ aus Koblenz – allerdings werde der nur für Deutschübungen zur Verfügung stehen, wenn Ahmed im Gegenzug sein Tanztalent einsetzt. Und so gibt es im unbürokratischen Austausch mit Deutschstunden nicht nur Sprachpraxis in Darija für Matthias, sondern Woche für Woche auch anderthalb Trainingsstunden Breakdance für seine jungen marokkanischen Schützlinge.

Matthias leistet in Marokko einen Freiwilligendienst mit dem in Neuwied ansässigen Friedensdienst Eirene, der mit verschiedenen Partnerorganisationen zusammenarbeitet. Für einen Teil der Kosten für das Freiwilligenjahr hieß es im Vorfeld Klinkenputzen – mit selbst gestaltetem Flyer und überraschend gutem Feedback auf die Frage nach Unterstützung. Die evangelische Kirchengemeinde, eine von Marokko begeisterte Kieferorthopädin, Freunde, Bekannte und Verwandte können sich nur alle paar Monate über den elektronischen Rundbrief freuen, mit dem Matthias über die täglichen Herausforderungen, Schönes und nachdenklich Stimmendes berichtet.

Was bleiben wird vom Jahr in Casablanca? „Auf jeden Fall mehr Wissen über Themen, mit denen ich in Deutschland immer konfrontiert war, ohne genug zu wissen“, schätzt Matthias und meint damit konkret etwa den Islam. Wie dieser gelebt wird – mal völlig unaufgeregt in deutschen Reizbereichen wie dem Kopftuch, dann per allerlei auf Gott bezogenen Gruß- und Bekräftigungsworten, tief verwoben in die alltägliche Sprache, gehört zu seinen spannendsten Erfahrungen. Und schon jetzt, kurz nach der Halbzeit, verfestigt sich ein Berufswunsch, der so in Deutschland nicht absehbar war: „Englisch zu unterrichten, macht mir so unglaublich viel Spaß: Ich glaube, das wird auf ein Lehramtsstudium hinauslaufen“, klingt der 19-Jährige schon ziemlich sicher. Und fügt aus neuer Gewohnheit heraus rasch noch ein halb hoffnungsvolles, halb beschwichtigendes „So Gott will!“ hinzu: „Inschallah!“

Claus Ambrosius

Von Neuwied in die Welt
Eirene ist das griechische Wort für Frieden. Der gleichnamige internationale Friedens- und Entwicklungsdienst wurde 1957 von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet waren und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in Lateinamerika, Afrika, den USA und Europa engagieren sich Eirene-Freiwillige und Fachkräfte weltweit überkonfessionell für eine Kultur der Gewaltfreiheit, für soziale Gerechtigkeit und den Respekt vor unserer einen Welt. Die internationale Geschäftsstelle arbeitet seit 1976 in Neuwied. Eirene ermöglicht jedes Jahr rund 70 zumeist jungen Menschen aus Deutschland einen Freiwilligendienst bei Partnerorganisationen in Afrika, Amerika und Europa. Informationen unter www.eirene.org