Archivierter Artikel vom 26.10.2011, 06:20 Uhr

RZ-Kommentar: Edgar Konrath zur Evolution des Telefons

Der moderne Mensch kann nicht mehr ohne

Preisfrage: Was kann man aus einem Stück Holz, einer Stricknadel, einem Kupferdraht und der Blase eines Hasen herstellen? Richtig: ein Telefon. Den Prototyp – so würden wir vielleicht heute sagen – präsentierte der Gelnhausener Physik- und Chemielehrer Johann Philipp Reis 1861. Telefon („ferne Töne“), übrigens eine Anleihe bei den alten Griechen.

Knapp 100 Jahre später stand die Erfindung dann in natürlich etwas abgewandelter Form im Flur meiner Eltern. Ein dicker schwarzer Kasten mit einem für Kinderarme durchaus gewichtigen Hörer und optisch dominiert von einer riesigen Wählscheibe. Natürlich keine Hasenblase mehr, aber dem Urtyp weit näher als einem heutigen Smartphone. (Sie haben es sicherlich gemerkt: Heute gibt es bei uns zunehmend weniger Anleihen bei den alten Griechen. Man übernimmt da lieber gleich die originalen englischen Ausdrücke. Oder man erfindet zumindest so ähnlich klingende wie das urdeutsche Wort „Handy“.)

Zurück zum elterlichen Gerät: Telefonieren war in dieser Zeit noch so etwas wie ein heiliger Akt. Wenn es denn wirklich mal bimmelte – natürlich viel seltener als heute -, meldete man sich nicht mit seinem Namen, sondern mit der Rufnummer!

Die Zeiten haben sich verändert. Auch das Telefon. Das Gerät wurde kleiner. Und grau. Dem Geist der Zeit folgend wurde es vorwiegend grün. Und orange. Dann wieder grau. Und heute? Die neueste Kreation, soeben auf meinem Schreibtisch gelandet, ist wieder schwarz. Schulungsbedarf zur perfekten Bedienung: eine Stunde!

Ich wage die Behauptung: Ohne Telefon wäre unsere Gesellschaft eine gänzlich andere, könnte vielleicht gar nicht existieren. Schließlich mailen, simsen oder twittern wir auf Teufel komm raus. Und telefonieren, das tun wir ja immerhin auch noch. Und wie! Der topmoderne Mensch jedoch, er telefoniert nicht mehr einfach so. Er voipt! Zur Verdeutlichung: Voipen ist Internettelefonie.

Und ich wette mit Ihnen: In 50 Jahren – vielleicht aber auch schon viel früher – braucht es zum Telefonieren keines wie auch immer gearteten Gerätes mehr. Man murmelt einfach die „Telefonnummer“ vor sich hin und … Mein Wetteinsatz: die Blase eines Hasen. Wenn es dann noch Hasen gibt.