Archivierter Artikel vom 12.10.2011, 07:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz will den Regenwald retten

Ruanda ist arm und überbevölkert. In ihrer Not holzen die Bewohner den streng geschützten Regenwald ab. Doch das gefährdet auch die Lebensgrundlagen. Rheinland-Pfalz engagiert sich, um dieser Gefahr mit einer Reihe von Projekten zu begegnen. Eines hat die Delegation um die Minister Lewentz und Dreyer besucht.

Eine Delegation aus Rheinland-Pfalz ist zu Gast in Ruanda. Mit dabei ist auch Korrespondent Dietmar Brück, der für die RZ berichtet und Szenen aus dem Partnerland von Rheinland-Pfalz mit der Kamera eingefangen hat. Futter fürs Vieh: Auf dem Versuchsgelände in Butare lernen die einheimischen Bauern, die natürliche Ressourcen besser zu nutzen.

Dietmar Brück

Katja Rembold und Siegmar Seidel von der Universität Koblenz-Landau wollen Entwicklungshilfe mit Klima- und Umweltschutz kombinieren.

Dietmar Brück

In Ruanda laufen die armen Menschen zu Fuß und tragen alles, was sie verkaufen wollen, mit sich herum.

Dietmar Brück

Die Ruanda-Delegation kraxelt über den Baumwipfelpfad im Regenwald – 90 Meter über der Erde.

Dietmar Brück

Eine Pfadfindergruppe vor ihrem Marscd durch den Regenwald.

Dietmar Brück

Rheinland-Pfalz – Der Teufelskreis ist einfach beschrieben: Der afrikanische Zwergstaat Ruanda ist arm und überbevölkert. Um ihre Familien zu ernähren, besiedeln die Bewohner des rheinland-pfälzischen Partnerlands jeden Flecken fruchtbaren Lands. Und auf der Suche nach Brennholz holzen die ruandischen Bauern die letzten Waldbestände ab – sogar den streng geschützten Regenwald.

Auf den dicht besiedelten Hügeln, meist nur durch Schlaglochpisten erreichbar, gibt es noch immer kaum Strom. Zum Kochen und Heizen wird daher Holz verfeuert. Dieser schleichende Kahlschlag ist nicht nur eine ökologische Katastrophe. Er gefährdet auch die Lebensgrundlagen des bitterarmen Landes. Rheinland-Pfalz engagiert sich seit Jahren, um dieser Gefahr mit einer Reihe von Projekten zu begegnen. Eines hat jetzt eine Delegation um Innenminister Roger Lewentz (SPD) und Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) besucht.

Katja Rembold und Siegmar Seidel führen einen mühsamen Kampf. Die 31-jährige Biologin und der 33-jährige Biologe und Geograf versuchen mit ihrem Team, einen Schutzgürtel um den bedrohten Nyungwe-Bergregenwald zu legen – eines der letzten großen Paradiese Ostafrikas. Beide kommen sie von der Universität Koblenz-Landau. Und beide – der jetzige Projektleiter und seine designierte Nachfolgerin – bemühen sich, Entwicklungshilfe mit Umwelt- und Klimaschutz zu kombinieren.

Die Vorgeschichte des Projekts: Seit 1985 bereits existiert eine Art drei Hektar großes Feldlabor in der ruandischen Stadt Butare – in unmittelbarer Nähe zur Nationaluniversität. Dort haben Biologen und Agrarexperten jahrelang daran getüftelt, wie die vielen Kleinbauern Ruandas höhere Erträge erzielen können, ohne die Böden auszulaugen. Für Millionen von Menschen des kleinen Landes gehört das zu den dringlichsten Zukunftsfragen.

Inzwischen ist die Forschungsphase beendet, die Umsetzung hat begonnen. Ziel: den artenreichen Urwald und damit das Klima zu schützen sowie die Nahrungsgrundlage der Bauern zu verbessern. Das für drei Jahre mit 1,6 Millionen Euro – vor allem vom Bundesumweltministerium – geförderte Projekt geht in vier ruandischen Sektoren direkt im Regenwald in die Umsetzung. Dort soll ein breites Band sogenannter Agroforst-Flächen den Raubbau am sensiblen Ökosystem Regenwald stoppen.

Wie das Prinzip funktioniert, zeigen Seidel und Rembold bei einem Gang durch die Versuchsflächen in Butare: Der natürliche Stockwerkbau des Urwalds wird nachgeahmt. Dabei kombinieren die Spezialisten aus Koblenz Bohnen-, Maniok-, Süßkartoffel- oder Sojafelder mit Baumbewuchs. Und zwar so, dass der Nährstoffgehalt im Boden steigt und die Erträge reicher werden. Die Bauern ernten also nicht nur mehr, sie bekommen auch das ersehnte Brennholz, das sie nicht mehr im Urwald schlagen müssen. Zusätzlich Teil des Konzepts: Eine spezielle, schnell wachsende Hecke, die Calliandra, grenzt die terrassenförmigen Felder ab. Deren eiweißhaltige Blätter lassen sich prima ans Vieh verfüttern. Wer längerfristig plant, kann alternativ Mahagonibäume an den Rändern seines Ackers pflanzen. Die langsam wachsenden Gehölze werfen zwar kaum Brennholz ab. Dafür sind Stamm und Äste aber so wertvoll, dass sie so etwas wie ein Natur-Sparbuch für die Familie bilden.

Um das Projekt in die Tat umzusetzen, ziehen im Moment Beraterteams übers Land und werben bei Bürgermeistern und anderen lokalen Autoritäten für die neue Form des Anbaus. Zig Trainings und Schulungen laufen. „Ich bin davon angetan, wie hoch das Interesse ist“, freut sich die Biologin Katja Rembold. In sechs Baumschulen werden insgesamt 270 000 Bäume großgezogen. Das dürfte für 1800 Hektar Agroforst reichen. Bis zum Frühjahr 2012 soll das Volumen noch einmal verdoppelt werden. Das Ziel: Die meist bettelarmen Bauern erhalten eine für sie lukrative Alternative zur Zerstörung des Regenwaldes. Zugleich wird die Erosion, das Ausschwemmen der Böden, gebremst.

Später wollen die Experten der Uni Koblenz-Landau dann auch in Schulen den Samen für nachhaltigen Landbau ausstreuen. Kleine Baumschulen werden gegründet, Schulgärten angelegt. Ziel der Rheinland-Pfälzer ist, dass sich das Projekt in ein, zwei Jahren weitgehend selbst trägt. Die einheimischen Mitarbeiter könnten es fortführen.

Dabei hat die Zusammenarbeit mit der ruandischen Regierung durchaus ihre Tücken. Verzögerte Vertragsabschlüsse haben allein ein Jahr gekostet. Zudem neigt die Regierung in Kigali zu zentralistischen Konzepten, die sich nicht immer mit dem ökologischen Mischnutzungskonzept vertragen. So wurde beispielsweise verfügt, an den Rändern des Regenwaldes großflächig Tee anzupflanzen, um den Export anzukurbeln. Doch die Koblenzer Experten sind findig und legen ihren Gürtel eben hinter diese Monokulturen. Kompromisse um der Menschen willen.

Sollte die Projektfinanzierung durch den Bund auslaufen, denkt Innenminister Roger Lewentz (SPD) bereits über neue Ansätze nach. Das Land will das Programm der ruandischen Regierung „One Tree per child“ („ein Baum pro Kind“) unterstützen. „Vielleicht können wir beide Projekte kombinieren“, so der SPD-Politiker. Warum sollen rheinland-pfälzische Schüler nicht mithelfen, dass der ruandische Garten Eden vor dem Untergang bewahrt wird?

Aus Ruanda berichtet unser Landeskorrespondent Dietmar Brück