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Kaden

Nach sieben Jahrzehnten: Letzter Brief eines Soldaten kommt nach Hause

Michael Wenzel

Nach sieben Jahrzehnten haben Verwandte von Josef Korbach aus Kaden völlig unerwartet Post von ihrem Angehörigen erhalten. Der gelernte Landwirt war kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges bei Kriegshandlungen in Oberschlesien ums Leben gekommen. Sein letzter Brief an die Lieben daheim datiert vom 1. Februar 1945. Dieses allerletzte Lebenszeichen des einstigen Weltkriegssoldaten an seine Familie im Westerwald konnte jetzt aus alten Amtsakten an zwei Nichten des Gefallenen übergeben werden – 72 Jahre, nachdem es von dem jungen Unteroffizier an der Front verfasst worden war.

Josef Korbach fiel im Zweiten Weltkrieg im damaligen Oberschlesien, wo er von deutschen Gymnasiastinnen in einem Garten beigesetzt wurde. Am 1. Februar 1945 hatte er seinen letzten Brief an seine Familie geschickt. Jetzt wurde das Schriftstück aus alten Nachkriegsakten an seine Verwandten in Kaden übergeben.
Josef Korbach fiel im Zweiten Weltkrieg im damaligen Oberschlesien, wo er von deutschen Gymnasiastinnen in einem Garten beigesetzt wurde. Am 1. Februar 1945 hatte er seinen letzten Brief an seine Familie geschickt. Jetzt wurde das Schriftstück aus alten Nachkriegsakten an seine Verwandten in Kaden übergeben.
Foto: Röder-Moldenhauer/Repro

„Es sind erschienen: Beate Hebgen und Christel Halfar …“ – von einem auf den nächsten Augenblick wurde es in Zimmer 10 des Westerburger Amtsgericht plötzlich sehr amtlich. Und das hatte seinen Grund: Bei Recherchen der WZ in alten Weltkriegsunterlagen der Justizbehörde war eine Akte über den Unteroffizier Josef Korbach aus Kaden aufgetaucht, dessen Verwandte zum Teil auch heute noch in der Gemeinde am Elbbach wohnen. Die Akte war gemeinsam mit anderen Dokumenten im Jahr 1972 nach Gründung des Amtsgerichts Westerburgs und nach Schließung der ehemaligen Justizbehörde in Wallmerod nach Westerburg gebracht und dort im Archiv abgelegt worden. Wie viele andere Nachlassdokumente schlummerte die „Akte Korbach 3URII4/52, Amtsgericht Wallmerod, Abteilung 3 Aufgebot zur Todeserklärung“ zwischen all den anderen amtlichen Ordnern. „Weggelegt 1952, aufzubewahren bis 1958. Von der Vernichtung auszuschließen, der letzte Brief (Blatt 6)“, steht auf dem Aktendeckel zu lesen.

Mehrfach an der Front verwundet

„Ach, wir können es kaum fassen...“ Der Schmerz war groß in der Familie.
„Ach, wir können es kaum fassen...“ Der Schmerz war groß in der Familie.
Foto: Röder-Moldenhauer/Repro

Groß war die Freude der Nichten, als sie den Brief ihres Onkels, den sie nur aus Erzählungen kannten, mit einem Male in Händen hielten. Und gerührt waren sie. „Das alles ist für uns schon eine tolle Sache, schließlich erhält man nicht alle Tage nach 72 Jahren plötzlich Post von einem im Krieg gefallenen Angehörigen“, meint Beate Hebgen. Und Christel Halfar fügt hinzu: „Es ist sehr schade, dass unsere Mutter, die Schwester von Josef, die 2015 verstarb, das nicht mehr erleben durfte.“Josef Korbach war der Älteste von vier Kindern, er wurde am 29. Dezember 1919 geboren, arbeitete später auf dem Hof Witzelbach und sollte einmal die Landwirtschaft der Eltern übernehmen, berichten seine Nichten. Doch dann kam der Krieg. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 nahm der damals 22-Jährige an Kämpfen in Russland teil, wo er dreimal verwundet wurde. Nach einem Aufenthalt in einem Lazarett im dänischen Aarhus und einem kurzen Heimaturlaub ging es für den jungen Westerwälder wieder an die Ostfront, wo die sowjetischen Verbände bereits weit nach Westen vorgestoßen waren. Die Invasion Schlesiens durch die Rote Armee begann am 8. Februar 1945 mit zwei massiven Angriffen nördlich und südlich von Breslau. Josef Korbach fiel nach schweren Kämpfen in Kleuschnitz im damaligen Kreis Falkenberg, wo er von deutschen Gymnasiastinnen in einem Privatgarten zur letzten Ruhe gebettet wurde. Bereits am 28. August 1946 schreibt eine Gertrud P. an die Kadener Familie Korbach. Sie fragt danach, ob Jakob und Anna Korbach die Eltern von Unteroffizier Korbach seien, denn dieser habe sich Anfang 1945 in ihrer Heimat Schlesien aufgehalten. „Wenn Sie, liebe Familie Korbach, über ihren Sohn noch nichts wissen, so wenden Sie sich bitte man an mich“, forderte die Schreiberin die Eltern auf und nannte ihre Adresse. 1952 geben Gertrud P. und ihre Cousine Ursula D. eine eidesstattliche Erklärung am Amtsgericht in Fulda ab.

Schülerinnen beerdigen Soldaten

Das Sterbebildchen für Josef Korbach aus Familienbesitz.
Das Sterbebildchen für Josef Korbach aus Familienbesitz.
Foto: Röder-Moldenhauer/Repro

Gertrud P. und ihre Cousine Ursula D. mussten im März 1945 auf Geheiß der vorgerückten russischen Soldaten gemeinsam mit drei weiteren Schulkameradinnen gefallene russische und deutsche Soldaten im Dorfe Kleuschnitz beerdigen. Dabei habe es sich um mehr als 100 gefallene Soldaten gehandelt. Ab und zu, wenn die Kommission gerade nicht zuschaute, gelang es ihnen, bei den deutschen Soldaten nachzusehen, ob sie Papiere bei sich hatten, aus denen sie die Personalien feststellen konnten. „Wir hatten ja ein Interesse daran, gegebenenfalls die Anverwandten zu verständigen, wenn sich hierzu Gelegenheit bot. Gertrud P. gelang es, einem der gefallenen Soldaten das Soldbuch aus der Tasche zu nehmen. Dabei stellte sie fest, dass es sich um einen Unteroffizier oder Feldwebel Josef Korbach aus Kaden (Westerwald) handelte. Sie entfernte das Passbild aus dem Soldbuch, notierte sich die Anschrift der Angehörigen und warf das Büchlein weg. „Wir durften ja damals Papiere oder Soldbücher der Gefallenen nicht an uns nehmen“, erläutert Ursula D. in ihrer amtlichen Stellungnahme. Gertrud P. bekam später das Foto von den Polen weggenommen.

Bestattungen dauerten Tage

Die Bestattung der Gefallenen, und zwar jeweils an der Stelle, an der sie lagen, habe mehrere Tage angedauert, schildert Ursula D. weiter. Welcher Art die Verletzung des Genannten und was die genaue die Todesursache war, sei nicht festzustellen gewesen. Die Leichen seien in der Verwesung ziemlich fortgeschritten und aufgedunsen gewesen, und bei vielen der Gefallenen hätten die einzelnen Gliedmaßen zusammengesucht werden müssen. Zwei Schwestern von Josef Korbach besuchten Anfang 1946 Gertrud P. in ihrem neuen Wohnort in der Nähe von Fulda. Auf mitgebrachten Fotografien erkannte die Oberschlesierin damals eindeutig den im März 1945 beerdigten Josef Korbach. Auch die erfolgte Beschreibung des Soldaten ergab, dass es sich bei dem Beerdigten unzweifelhaft um den jungen Soldaten aus Kaden handelte.

Für Beate Hebgen und Christel Halfar, zwei der Nichten von Josef Korbach, hat sich nunmehr der Kreis um ein Stück Familiengeschichte geschlossen. Ob man nach mehr als 70 Jahren noch den genauen Ort der Beisetzung finden kann, fragen sie sich. Wer weiß? Das Leben, so hat es sich wieder einmal gezeigt, schreibt häufig unerwartet die interessantesten Geschichten, und der Zufall ist dabei manchmal ein großer Gehilfe.

Von unserem Redakteur Michael Wenzel
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