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Westerwaldkreis

Kein Stress unter dem Christbaum: So geht's ohne Streit durch die Festtage

Martin Boldt

Die Weihnachtszeit steckt voller Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen. Das Bedürfnis nach Harmonie und einem perfekten Fest ist groß, und so lastet oftmals in einer Zeit, die eigentlich besinnlich sein sollte, ein unausgesprochener Druck auf Paaren und Familien.

Falscher Baumschmuck, falsches Essen oder falscher Ablauf: An den Feiertagen gibt es viele Streitgründe für Paare. Viele Menschen gehen mit zu hohen Erwartungen an das Fest, findet Diplom-Psychologe Frank Müller von der Diakonie Westerwald. Foto: dpa
Falscher Baumschmuck, falsches Essen oder falscher Ablauf: An den Feiertagen gibt es viele Streitgründe für Paare. Viele Menschen gehen mit zu hohen Erwartungen an das Fest, findet Diplom-Psychologe Frank Müller von der Diakonie Westerwald.
Foto: dpa

Eine Adresse, an die sich die Menschen in ihrem vorweihnachtlichen Stress wenden können, ist die Beratungsstelle der Diakonie in Westerburg. „Die Besucherzahlen sind dieser Tage deutlich höher als im restlichen Jahr“, berichtet Psychologe Frank Müller, der seit 15 Jahren in Konfliktsituationen berät. „Viele denken, sie müssten Probleme, die sie schon lange mit sich herumtragen, unbedingt noch vor Weihnachten lösen.“ Das gelinge jedoch nur in den wenigsten Fällen, erklärt der 50-Jährige.

Werden gewisse Spielregeln und Umgangsformen beachtet, ist er überzeugt, kann es aber selbst in den kompliziertesten Situationen gelingen, den Weihnachtsfrieden zu wahren. Zunächst einmal wäre da die allgemeine Erwartungshaltung an das Fest: „Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude, von daher können Erwartungen an das Fest ruhig auch mit Freude und Spannung besetzt sein“, sagt er. Natürlich bestehe dann aber auch immer die Gefahr, dass Erwartungen, insbesondere dann, wenn sie überhöht sind, enttäuscht werden. Müller rät daher dazu, besser „nur“ das Gewöhnliche zu erwarten und nicht das Außergewöhnliche oder das Besondere. „An Weihnachten trifft man ja nicht auf einmal auf andere Menschen als auf jene, die einen das ganze Jahr oder sogar schon das ganze Leben umgeben.“

Man sollte das Zusammenkommen daher viel besser gezielt dazu nutzen, ein paar schöne Stunden zu verbringen. „Gerade in der heutigen Zeit, in der Familienmitglieder oft über Hunderte Kilometer auseinander leben, ist es eine schöne und willkommene Gelegenheit, sich zu treffen und miteinander Zeit zu verbringen.“

Psychologe Frank Müller berät Familien bei der Diakonie in Westerburg: „Everybody's Darling ist schnell everybody's Depp.“
Psychologe Frank Müller berät Familien bei der Diakonie in Westerburg: „Everybody's Darling ist schnell everybody's Depp.“
Foto: Diakonie Westerwald

Dass es dennoch trotz bester Absichten immer wieder einmal unter dem Weihnachtsbaum eskaliert, liegt aus seiner Sicht am Zusammentreffen mehrerer Faktoren: „Weihnachten wird im Dezember und damit am Jahresende gefeiert. Die Tage sind kurz, das Wetter schlecht. Dies beeinflusst die Befindlichkeit von uns Menschen. Würde Weihnachten im Juli gefeiert, wäre die Befindlichkeit vermutlich eine ganz andere“, ist der Diakonie-Mitarbeiter überzeugt. Zudem sei es am Jahresende üblich, zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Das kann für den einen positiv besetzt, für den anderen frustrierend oder traurig sein. Vorsicht sei daher im Umgang mit Alkohol geboten, seine enthemmende Wirkung kann eine Eskalation noch zusätzlich befeuern.

Menschen, die an Weihnachten versuchen, es allen und jedem recht zu machen, können aus seiner Sicht nur scheitern: „Ich halte es da gerne mit dem Spruch 'Everybody's Darling ist bald everybody's Depp'.“ Statt sich also selbst dem Druck auszusetzen, bestehende Probleme mit einzelnen Familienmitgliedern kurzfristig lösen zu wollen, empfiehlt er die „Es geht schon vorbei“-Haltung einzunehmen, sich so weit als möglich aus dem Weg zu gehen, sachlich zu bleiben, statt persönlich zu werden, Provokationen im Sinne von ironischen oder sarkastischen Bemerkungen zu unterlassen und die eigenen Impulse zu kontrollieren.

Ein anderer Aspekt, der für Belastung sorgt, ist der Druck, der vom „Geschenkefest“ auf Familien mit kleinem Einkommen ausgeht. Der Psychologe rät hier, frühzeitig aktiv zu werden: „Geschenke kann man über das ganze Jahr verteilt kaufen, dabei sollte man natürlich Preise vergleichen“, so Müller. Er rät aber in jedem Fall davon ab, sich für Weihnachten finanziell zu verschulden, das heißt, Geld zu leihen oder einen Kredit aufzunehmen.

Denn es braucht nicht viel, um für eine festliche Stimmung zu sorgen: „Eine schöne Tischdecke und ein paar Kerzen hat fast jeder im Haus, sie sorgen für eine feierliche Stimmung, auch wenn kein Hummer, Kaviar oder Trüffel aufgetischt wird.“ Auch das kommt vor: Bei jungen Paaren entzündet sich der Streit nicht selten an der Frage, bei welcher der beiden Familien das Fest gefeiert wird. Müller rät hier zu klaren Absprachen. „Aus meiner Sicht bewährt sich ein jährlicher Wechsel. So kommt jeder einmal in den Genuss des gleichen Privilegs.“

Gar nicht zum Feiern zumute ist hingegen manchem Wäller, der im zurückliegenden Jahr einen geliebten Menschen verloren hat oder eine schmerzvolle Trennung durchlebt. „Trauer ist da leider wie ein ungebetener Gast. Sie kommt oft dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Leider auch über die Weihnachtstage“, so Müller.

Wichtig ist aus seiner Sicht dennoch, dass Trauernde ihren Gefühlen den nötigen Raum lassen. Es helfe, den Verlust bewusst zu realisieren und dann zu akzeptieren. Dem einen hilft es, sich zurückzuziehen, dem anderen, unter Menschen zu gehen. „Manchem hilft die Beschäftigung mit Erinnerungen, anderen die Ablenkung.“ Der Psychologe rät diesen Menschen Gelassenheit und Achtsamkeit und zitiert zum Trost die Jugendbuchautorin Kim Culbertson. Die schrieb: „Die Menschen denken, dass alleine Sein einsam macht, aber das glaube ich nicht. Von den falschen Menschen umgeben zu sein, ist das Einsamste auf dieser Welt.“

Von unserem Reporter Martin Boldt

Hier finden Sie Beratung, auch nach Weihnachten

Das Diakonische Werk im Westerwaldkreis bietet in seinem Haus in Westerburg, Hergenrother Straße 2a, Paar-, Familien und Lebensberatung. Das Angebot steht Menschen aller Konfessionen unentgeltlich offen, einzige Voraussetzung ist ein Wohnsitz im Westerwaldkreis. Kontakt für ein Beratungsgespräch erhalten Hilfesuchende werktags in der Zeit von 9 bis 18 Uhr unter der Rufnummer 02663/943 00 und per E-Mail an info@diakonie-westerwald.de

Das Pendant der katholischen Kirche zur evangelischen Diakonie ist die Beratungsstelle des Caritasverbandes in Montabaur mit Sitz in der Philipp-Gehling-Straße 4. Auch hier finden Menschen in schwierigen Situationen einen Ansprechpartner. Geholfen wird Kindern, Jugendlichen, Singles, Familien, Paaren, alten und kranken Menschen und Menschen mit Behinderung – ebenfalls entgeltfrei und ohne zusätzlich benötigte Überweisungen. Telefonisch erreichen Sie die Beratungsstelle unter Telefon 02602/ 160 60 oder mit einer E-Mail an die Adresse familienberatung-ww@ cv-ww-rl.de

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