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Höhr-Grenzhausen

Im Bürgerbus durchs Kannenbäckerland: Vor allem ältere Menschen profitieren

Martin Boldt

Es ist kurz nach halb eins: Schichtwechsel am Steuer des Bürgermobils. „Der Kollege fährt meist über die Kreisel, da kann es in den Stoßzeiten schon einmal voll werden und zu Verspätungen kommen“, beruhigt Artur Breiden den eigenen Pünktlichkeitssinn, während er den Fahrplan für die kommenden Stunden studiert.

Beliebte Ziele der Bürgerbus-Kunden sind die Supermärkte in Höhr-Grenzhausen. Auch Hugo Fries (rechts) , der etwas außerhalb wohnt, nutzt das Angebot regelmäßig.
Beliebte Ziele der Bürgerbus-Kunden sind die Supermärkte in Höhr-Grenzhausen. Auch Hugo Fries (rechts) , der etwas außerhalb wohnt, nutzt das Angebot regelmäßig.
Foto: Marin Boldt

Es ist nass und stürmisch draußen, weswegen der 64-Jährige zum Warten nur allzu gerne im Inneren des Rathauses Platz genommen hat. 13 Einzelfahrten mit dem Kleinbus sind es an diesem Nachmittag, 28 Stopps insgesamt. Breiden nickt zufrieden: Die Einwohner der Kannenbäckerstadt nehmen den kostenlosen Transportservice an.

Plötzlich klimpern Autoschlüssel, und Kurt Horn steht in der Lobby. Mit einer Handbewegung winkt er Breiden zu sich hinüber. Am weißen Kleinbus angekommen, folgt eine kurze Einweisung in das neue Diensthandy, das ab sofort zur Ausstattung des Busses gehört. „Das Alte hatte keine Freisprecheinrichtung“, verrät Breiden. Telefonate während der Fahrt erwiesen sich als schwierig.

Dann geht los, in Richtung Jahnplatz, wo bereits der erste Fahrgast, Taisja Klaus, wartet. „Gut, dass es jetzt so etwas für alte Leute und Menschen ohne Auto gibt“, freut sich die gebürtige Kasachin beim Einsteigen. Heute möchte sie zwei Freundinnen im Awo-Seniorenzentrum auf der anderen Seite der Stadt besuchen. Bevor es den Bus gab, ist sie die zwei Kilometer lange Strecke inklusive ihrer beschwerlichen Steigungen zu Fuß gelaufen, erzählt die 79-Jährige. In der Hand trägt sie einen alten Weidenkorb. Darin: ein kleiner Weihnachtsbaum, etwas Deko, Gebäck. „Die freuen sich doch, wenn ich sie regelmäßig besuchen komme.“

Der Bürgerbus der VG Höhr-Grenzhausen verkehrt immer Dienstag und Donnerstag zwischen 8 und 17 Uhr. Telefonische Anmeldung unter 02624/104 333 immer montags und mittwochs zwischen 14.30 und 16.30 Uhr.

„Die älteren Herrschaften sind durch uns jetzt ein ganzes Stück unabhängiger. Sie müssen nicht länger Freunde oder Familienmitglieder bitten, wenn sie einmal in der Stadt etwas besorgen wollen“, erklärt Breiden. Dieser Ansatz war es auch, der den früheren Ortsbürgermeister von Hillscheid direkt für das Projekt zur Verbesserung des Nahverkehrs in der VG begeistern konnte. Und ein klein wenig Eigennutz spielt sicher auch mit: Seit etwas mehr als einem Jahr befindet sich der einstige kaufmännische Angestellte im Außendienst für Industriebedarf im Ruhestand. „Ich wollte mich aber weiter für die Gemeinschaft einbringen“, erklärt er. Heute koordiniert er daher die ehrenamtlichen Fahrer des Busprojekts, von denen es inzwischen 18 Stück gibt.

Der Bus kommt am Schenkendorfplatz zum Stehen. „Eine Neukundin. Hier war ich noch nicht“, meint der Kommunalpolitiker mit Blick auf die Liste. Recht hat er: Hilde Christmann probiert den Service heute zum ersten Mal aus. Weil sich die 88-Jährige auf einen Krückstock stützt, hilft Breiden ihr ins Innere des VW-Transportes. Mit dem hatte es zunächst durchaus einige Scherereien gegeben, erklärt er: Trotz frühzeitiger Bestellung war es zu einem Lieferengpass gekommen. In den ersten drei Monaten hatte die Verbandsgemeinde daher notgedrungen auf ein Ersatzfahrzeug ausweichen müssen. „Bei dem mussten wir mit einem Plastikhocker arbeiten, um den Einstieg zu erleichtern“, sagt Breiden.

Hilde Christmann und Taisja Klaus können dem neuen Service nur Gutes abgewinnen.
Hilde Christmann und Taisja Klaus können dem neuen Service nur Gutes abgewinnen.
Foto: Martin Boldt

Das endgültige Modell, das die VG nun für drei Jahre geleast hat, besitzt Haltegriffe und eine Trittstufe, die automatisch ausfährt, wenn die Schiebetür öffnet. Kleinere Koffer und Rollatoren können in einem Gepäcknetz im Kofferraum verstaut werden. Christmann ist begeistert: „Ich halte sehr viel von diesem Angebot“, sagt sie, während sie neben Taisja Klaus Platz nimmt. „Ich hoffe nur, dass es gut angenommen und nicht gleich wieder eingestellt wird“. Sie selbst nutzt das Shuttle für eine Versorgungsfahrt in den Supermarkt. Zweimal in der Woche verkehrt das Bürgermobil in und zwischen den Ortschaften der Verbandsgemeinde. Wer einen der acht Sitzplätze buchen möchte, muss sich jeweils tags zuvor beim Telefonservice des Projektes im Rathaus anmelden. Die Anrufe in der Zeit von 14.30 bis 16.30 Uhr entgegen nimmt das Telefonistinnen-Team um Inge Schmidt. „Am Anfang hatte ich schon meine kleinen Zweifel, ob wir das hinbekommen“, sagt diese und lacht. In der Praxis habe sich sehr allerdings schnell bewährt, den Anrufern im Viertelstundentakt Abholtermine anzubieten. Die Fahrer haben dann ausreichend Zeit, zwischen den einzelnen Kunden zu pendeln. „Geht es nach Hillscheid, schlagen wir schon einmal fünf Minuten extra drauf“, so Schmidt. Die Mitarbeiterin betont, dass der Bus, auch wenn er derzeit überwiegend von Senioren genutzt wird, allen Bürgern offen steht. „Wir nehmen natürlich auch Mütter mit Kindern oder Menschen, die zum Beispiel ein gebrochenes Bein haben, mit.“

Zuletzt genannter Personengruppe zählt gewissermaßen auch Martina Bühl. Sie ist mit ihren 53 Jahren der jüngste Fahrgast des Nachmittags. Und sie hat ein kaputtes Bein, weite Wegstrecken verursachen ihr zunehmend Schmerzen. „Jetzt bin ich nicht mehr auf andere angewiesen, muss nicht betteln“, sagt sie. Dass der Bus kostenlos ist, findet sie nett.

Breiden sieht das ähnlich, er hält die 8000 Euro, die sich die Verbandsgemeinde das Projekt alleine im Jahr 2017 kosten lässt, für gut angelegtes Geld. „Erst recht, wenn man darüber nachdenkt, wofür sonst immer alles Geld ausgegeben wird.“ Wer von den Fahrgästen dennoch etwas für die Sache geben möchte, kann dies in ein rotes Sparschweinchen werfen, das mit einem Lächeln auf dem Gesicht am Beifahrersitz klemmt.

Von unserem Reporter Martin Boldt

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