40.000
Aus unserem Archiv
Westerwaldkreis

Bilder, die unter die Haut gehen: Körperkunst ist heute gesellschaftlich akzeptiert

Tätowierungen fristen schon lange kein Nischendasein mehr. Auch in der Region tragen zahlreiche Menschen bunte Bilder auf ihrer Haut – völlig unabhängig von Alter oder Beruf.

Foto: Larissa Schütz

„Hautsache“ tätowiert – auch bei uns in der Region tragen etliche Menschen kunstvolle Bilder auf ihren Körpern. Tattoos fristen schon lange kein Schattendasein mehr in Subkulturen. Mit Stolz wird die permanente Körperkunst präsentiert, und im Freibad sieht man kaum jemanden, der nicht tätowiert ist. Sebastian Kraft ist Tätowierer im Studio Empire Tattoo in Höhn. Während seiner 15 Jahre Berufspraxis hat er unzählige Bilder auf den Körpern seiner Kunden verewigt. Motive, die so unterschiedlich sind, wie die Menschen, die zu ihm kommen.

Mit der Tätowiermaschine wird die Farbe unter die Haut gebracht. Der Vorgänger der Magnetspulenmaschine wurde 1877 von Thomas A. Edison erfunden.
Mit der Tätowiermaschine wird die Farbe unter die Haut gebracht. Der Vorgänger der Magnetspulenmaschine wurde 1877 von Thomas A. Edison erfunden.

Untermalt vom Surren der Maschine, entsteht mit präzisen Nadelstichen das Bild eines Karpfens auf dem Oberarm von Kirstin Lompa. Sie kommt aus Wenden bei Olpe und ist extra nach Höhn gefahren, um sich von Sebastian Kraft tätowieren zu lassen. „Für einen guten Tätowierer fahre ich gerne ein paar Kilometer mehr“, erklärt die 40-Jährige, die sich mit 18 ihr erstes Tattoo hat stechen lassen. Heute zieren zahlreiche Bilder die Haut der schwarzhaarigen Frau. Der Karpfen vervollständigt die Motive, die den gesamten linken Arm Kirstin Lompas bedecken.

Sebastian Kraft liebt seinen Beruf. Der heute 34-Jährige fing im Alter von 19 Jahren an, zu tätowieren. „Ich wollte das schon immer machen, konnte mir aber damals nicht vorstellen, dass man davon leben kann“, berichtet er. Er lernte die handwerklichen Grundlagen bei erfahrenen Kollegen und entwickelte im Laufe der Jahre seinen eigenen Stil. Seit 2004 ist Sebastian Kraft selbstständig und betreibt seit 2006 das Studio Empire Tattoo in der Bahnhofsstraße in Höhn. Ein weiteres Studio in Siegen schloss vor ein paar Tagen nach fünf Jahren seine Tore. Unterstützt wird er von zwei Kollegen. Sebastian Kraft hat sich einen Namen als Tätowierer auch über die Grenzen der Region hinaus gemacht, war als Gasttätowierer in Deutschland unterwegs. Seine Kunden sind ihm treu, begleiten ihn zum Teil schon von Beginn an.

Gerrit Schütz trägt einige Arbeiten von Sebastian Kraft auf seinem Körper.  Foto: Larissa Schütz
Gerrit Schütz trägt einige Arbeiten von Sebastian Kraft auf seinem Körper.
Foto: Larissa Schütz

Auch die Haut von Gerrit Schütz aus Hachenburg zieren Tattoos von Sebastian Kraft. Der 30-Jährige ließ sich mit 15 Jahren – mit dem Einverständnis seiner Mutter – seine erste Tätowierung, einen Nautischen Stern, von Sebastian Kraft stechen. Mittlerweile schmücken zahlreiche bunte Motive im sogenannten Old-School-Stil seine Arme und den Oberkörper. „Tattoos haben mich schon immer fasziniert.“ Der Old-School-Stil gefällt Gerrit Schütz wegen seiner Schlichtheit. „Körperschmuck muss für mich keine tiefere Bedeutung haben. Ein bestimmtes Konzept wurde nie verfolgt. Allerdings haben viele meiner Tätowierungen einen Bezug zu Musik“, erklärt der Hobbymusiker, der seit seinem achten Lebensjahr Schlagzeug spielt und momentan Mitglied von zwei heimischen Bands ist. Schlechte Erfahrungen hat Gerrit Schütz wegen seiner zahlreichen Tattoos noch nie gemacht: „Die Leute sind meist eher interessiert an den Motiven.“

Vögel sind seit jeher beliebte Motive für ein Tattoo. So wie hier kann eine Vorlage aussehen, die der Tätowierer auf die Haut überträgt und dann mit der Maschine nachsticht.
Vögel sind seit jeher beliebte Motive für ein Tattoo. So wie hier kann eine Vorlage aussehen, die der Tätowierer auf die Haut überträgt und dann mit der Maschine nachsticht.

Das schlechte Image, das die bunten Hautbilder einst hatten, ist längst verblasst. Tattoos werden mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert. Dadurch hat sich in den vergangenen Jahren auch der Kundenkreis von Sebastian Kraft verändert: „Heute habe ich Kunden aus Berufsklassen, die noch vor ein paar Jahren vielleicht nicht zu mir ins Studio gekommen wären, beispielsweise Polizisten, Anwälte oder Ärzte.“ Der Umgang mit den Körperbildern habe sich verändert, so der Tätowierer. Tattoos an sichtbaren Stellen, wie zum Beispiel den Unterarmen, werden mit viel größerer Selbstverständlichkeit getragen. „Früher war man eher bedacht, den Körperschmuck unter der Kleidung zu verstecken.“ Zu Sebastian Kraft kommen Erwachsene jeden Alters. Er berichtet: „Meine älteste Kundin, die sich ihr erstes Tattoo hat stechen lassen, war 77 Jahre. Sie wollte das schon immer machen, allerdings war die gesellschaftliche Akzeptanz in ihren jungen Jahren einfach nicht vorhanden.“ Ein weiterer Unterschied zu früher sei der, dass die Kunden viel besser informiert ins Studio kommen, erklärt Sebastian Kraft. Vor allem das Internet werde für die Recherche genutzt.

Der Tätowierer aus Höhn ist nicht auf einen bestimmten Stil spezialisiert. „Für mich ist es sinnig, die gesamte Bandbreite abzudecken.“ Allerdings sticht er nur Motive, die auch Sinn auf der jeweiligen Körperstelle des Kunden machen. „Man muss immer bedenken, dass die Haut sich verändert, ebenso, wie der Mensch auch.“ Seine Vorlagen entwirft er alle selbst. Er hat den Anspruch, einzigartige Tattoos zu stechen. Die Vorlage wird direkt vor dem Termin gezeichnet. So kann Sebastian Kraft sie direkt mit dem Kunden an dessen persönliche Vorstellungen anpassen. Motivtechnisch gesehen sind momentan Mandalas sehr gefragt, weiß der Künstler.

Alessa Steinhauer ist noch nicht tätowiert, wird das aber bald ändern lassen.  Foto: Larissa Schütz
Alessa Steinhauer ist noch nicht tätowiert, wird das aber bald ändern lassen.
Foto: Larissa Schütz

Ein Mandala soll auch bald die Haut am Unterarm von Alessa Steinhauer zieren. Die 25-Jährige hat bisher noch keine Tätowierung. Allerdings hegt sie schon lange den Wunsch nach einem bunten Hautbild, hat sich aber bisher noch nicht getraut. Das änderte sich, als sie Sebastian Krafts Kollegin Kat kennenlernte und sich mit ihr anfreundete. „Mir war es immer wichtig, mir mein erstes Tattoo von einem Tätowierer stechen zu lassen, dem ich vertraue“, so die junge Frau aus Forst. Den hat sie nun gefunden. Schon bald wird eine Pfingstrose mit Mandala eine größere Narbe an Alessa Steinhauers Unterarm verdecken. „In meinem näheren Umfeld bin ich der einzige ,Reinhäuter'“, schmunzelt sie. „Meine Schwester, mein Bruder und meine Mutter sind alle tätowiert.“ Ihren Entschluss hat sich die 25-Jährige sehr lange und sehr gut überlegt. Und obwohl sie noch kein Tattoo hat und noch immer etwas aufgeregt ist, ist sie sich ziemlich sicher, dass die Pfingstrose auf ihrem Arm nicht das Einzige bleiben wird.

Gerrit Schütz hat momentan eine Pause vom Tätowieren eingelegt. „Konkret ist nichts in Planung. Ich warte, bis ich wieder eine neue Idee habe. Sicher ist: fertig ist man irgendwie nie mit dem Thema.“ Bereut hat er bisher keins seiner Tattoos. Ebenso wenig, wie Kirstin Lompa. Ihr Karpfen nimmt langsam Gestalt an, wird von Sebastian Kraft durch feine Schattierungen zum Leben erweckt. Auch die Frau aus Wenden ist sich sicher, dass dieser nicht ihr letztes Tattoo sein wird.

Von unserer Reporterin Larissa Schütz

Die kunstvollen Hautbilder von Sebastian Kraft und seine Kollegen vom Studio Empire Tattoo in Höhn kann man sich im Internet unter www.empiretattoo.de anschauen.

Westerwald extra
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
Regionalwetter Westerwald
Samstag

13°C - 26°C
Sonntag

14°C - 28°C
Montag

15°C - 27°C
Dienstag

15°C - 27°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerien: Fotos unserer Leser
&bdquo;Pfui Spinne&ldquo; mag der ein oder andere beim Anblick dieses Fotos von Volker Horz denken. Und doch hat die Detailaufnahme dieses Festmahls ihren ganz eigenen Reiz. Jedenfalls ist dem Achtbeiner hier ein dicker Fang ins Netz gegangen.&nbsp;Wenn auch Sie ein sch&ouml;nes Bild f&uuml;r unsere Leserfoto-Rubrik haben, dann schicken Sie es an die Adresse <a href="mailto:montabaur@rhein-zeitung.net">montabaur@rhein-zeitung.net</a>. Beachten Sie dabei bitte die erforderliche Mindestaufl&ouml;sung von 2500 mal 1500 Pixel.

Mit der Kamera im Westerwald unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.