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Maxsain/Wölferlingen

Als Kinder unter dem Baum noch Flöte spielten: Wie sich das Weihnachtsfest verändert hat

Verena Hallermann

Es ist so viel Zeit vergangen, seit Gert Rehfeld als kleiner Junge mit seiner Familie jeden Adventssonntag an einem Tisch saß. Sie backten Plätzchen, sangen Adventslieder, spielten Blockflöte. Der 65-jährige Pfarrer aus Maxsain blickt gern auf die Zeit zurück.

Pfarrer Gert Rehfeld hat 18 Jahre lang in den Kirchen in Maxsain und Wölferlingen gepredigt.  Foto: Peter Bongart
Pfarrer Gert Rehfeld hat 18 Jahre lang in den Kirchen in Maxsain und Wölferlingen gepredigt.
Foto: Peter Bongart

Er erinnert sich daran, wie er mit seiner Familie die Dekoration für den Weihnachtsbaum selbst gebastelt hat. Er erinnert sich daran, wie ihm sein Vater aus seiner alten Leder-Bibel die Lukas-Geschichte vorgelesen hat. Vieles hat sich seit dem verändert. „Weihnachten ist nach wie vor ein Familienfest“, sagt der Pfarrer. „Aber heute spielt in dieser technisierten Welt der Kommerz eine große Rolle.“

Heute hat die Hausmusik an Bedeutung verloren, immer weniger Kinder erfreuen sich am Basteln. Sobald die Tage dunkler werden, die Kälte einen weißen Film auf dem Fensterglas zurücklässt, eilen die Menschen in die Geschäfte auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. Die Wünsche der Kinder können für eine Familie in Zeiten der permanenten Werbung und des stetigen Fortschritts zur Herausforderung werden, weiß Rehfeld. „Die Erwartungen sind heute hoch gespannt“, sagt der Pfarrer, der seit 18 Jahren in den Kirchen von Maxsain und Wölferlingen predigt. „Viele meiner Konfirmanden erzählen mir, dass ihnen der Trubel und die Hektik zu viel sind, dass sie sich weniger Stress und Ärger wünschen.“

Symbolbild.
Symbolbild.
Foto: Elena Schweitzer/Fotolia

Es war eine andere Zeit, als die Menschen noch keinen Fernseher hatten und sich daher mehr mit sich und seine Angehörigen beschäftigen mussten. Als es noch keine Weihnachtsfeiern mit Unmengen an Essen und Getränken in geselliger Runde gab. Rehfeld sieht in dieser Entwicklung auch gute Seiten. Heute gibt es schließlich mehr Möglichkeiten, um sich von der Dunkelheit und Kälte dieser Jahreszeit abzulenken. Denn das kann grade für Menschen wichtig sein, die alleine sind, keine Familie haben, mit der sie feiern können. „Die Sehnsucht nach dem, was uns im Leben fehlt, kommt in der Weihnachtszeit natürlich besonders zum Vorschein“, erklärt er.

In seinen Gottesdiensten an Heiligabend möchte Rehfeld auch diese Menschen erreichen, die vielleicht sonst nicht immer den Weg zu ihm finden. Er möchte ihnen mit seiner Predigt beistehen, zeigen, dass sie nicht alleine sind. Er will ihnen helfen, zu sich selbst zu finden – fernab von den gesellschaftlichen Rollen, in denen sie sich befinden. „Wenn der Gottesdienst dazu beitragen kann, Zuversicht und Geborgenheit zu vermitteln, Hoffnung zu bekräftigen, dann ist vieles getan“, ist sich Rehfeld sicher. Es ist nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden, erzählt der Pfarrer. Die Menschen kommen gestresst in die Kirche, die peniblen Vorbereitungen auf das Fest hat ihnen viel abverlangt. Die Kinder sind ungeduldig, warten eigentlich nur auf die Bescherung. Vielleicht sind die Menschen auch noch geprägt vom Weltgeschehen, schlimmen Ereignissen, die ihre Schatten auf das Fest der Liebe werfen. „Wichtig ist, dass durch meine Predigt der Glaube, Halt und Orientierung hervorgehoben wird“, meint er. Über die Jahre ist es Rehfeld immer wichtiger geworden, dass möglichst viele Menschen an seinem Gottesdienst teilnehmen. So, wie es dem Weihnachtsgeschehen entspricht, wenn Maria und Joseph ihr Neugeborenes in der Futterkrippe betten, ein Engel den in der Nähe lagernden Hirten mitteilt, dass der Heiland geboren wurde und sich eine Scharr von Engeln dazugesellt. Eigentlich habe sich an der Zahl der Kirchengänger nichts verändert, die an Heiligabend Hilfe bei ihm suchen, erzählt Rehfeld nachdenklich. Nach wie vor ist der Kirchengang für die Menschen eine wichtige Tradition.

Es ist das letzte Weihnachten, an dem Rehfeld in den Gotteshäusern in Maxsain und Wölferlingen steht und seine Predigten hält. Denn er geht in den Ruhestand (siehe unten). Natürlich wird er die Zeit vermissen. Die Zeit, als er noch zusammen mit dem Küster auf einem Traktor in den Wald gefahren ist, um einen Weihnachtsbaum für die Kirche zu schlagen, erinnert er sich. Die Zeit, in der er den Menschen als Pfarrer beistehen konnte und mit ihnen gemeinsam am Schluss jedes Weihnachtsgottesdienstes „O du Fröhliche“ gesungen hat. Rehfeld ist nicht verheiratet, hat keine Kinder. Er hat seinen Heiligen Abend in den vergangenen 18 Jahren stets als Pfarrer in der Kirche verbracht. Die Weihnachtsfeiertage nutzte er für lange Spaziergänge, um sich von den vielen Vorbereitungen, die mit dem Fest einhergehen, zu erholen. Manchmal haben ihn auch Menschen aus der Gemeinde eingeladen. Natürlich werde er auch nach seinem Ruhestand weiterhin an Weihnachten in die Kirche gehen, sagt er. Dann könne er sich mal selbst beschenken lassen. Noch wage er sich das allerdings gar nicht vorzustellen.

Von unserer Redakteurin Verena Hallermann

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