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Kirn/Rhaunen

Ein Jahr Seelenqual: Pfarrer findet nach Beichte viel Verständnis

Kurt Knaudt

Heribert Barzen hatte sich ein Jahr lang mit dem dramatischen Geschehen gequält, dann ging er an die Öffentlichkeit: Der beliebte Pfarrer bekannte, sich im vorigen Jahr mit einem 23-jährigen Flüchtling eingelassen zu haben, der sich später umbrachte. Die Beichte stößt in der Kirchengemeinde Kirn überwiegend auf Respekt, Verständnis und Wohlwollen: Es habe zumindest ihm gegenüber bisher keine negativen Äußerungen auf dessen Geständnis im Pfarrbrief gegeben, fasst Dechant Günter Hardt die Reaktionen zusammen.

Foto: Sebastian Schmit

Auch wenn es wohl keinen direkten Zusammenhang mit dem Freitod gibt: Den beliebten Pfarrer hat diese Tragödie schwer belastet. Er wirft sich insbesondere vor, das Vertrauensverhältnis zu dem Syrer ausgenutzt zu haben. Der durch die Erlebnisse in seiner Heimat und die Flucht schwer traumatisierte Mann hatte den Pfarrer wegen des sexuellen Kontakts angezeigt.

Das Verfahren wurde eingestellt: Bei den Ermittlungen habe es keinerlei strafrechtliche Anhaltspunkte gegeben, berichtet der Leitende Oberstaatsanwalt Michael Brandt (Bad Kreuznach). Weder sei Gewalt im Spiel gewesen, noch habe es sich um ein Abhängigkeitsverhältnis wie beispielsweise zwischen einem Lehrer und einem Schüler gehandelt. Der 23-Jährige habe Barzen wohl vor allem deswegen angezeigt, weil er von dem 52-Jährigen enttäuscht gewesen sei und sich ausgenutzt gefühlt habe.

Der Syrer hatte Hilfe und auch persönlichen Kontakt bei Barzen gesucht. Er habe in dieser Situation „die Distanz, die meine Rolle als Begleiter eines geflüchteten Menschen und auch meine Rolle als Priester geboten hätte, nicht gewahrt“, schreibt der Pfarrer. Diese moralische Schuld versucht er jetzt im Rahmen einer stationären Therapie in einer psychiatrischen Klinik zu überwinden. Es gebe zwar „nach allem, was wir wissen, keinen direkten Zusammenhang zwischen unserem Kontakt und der Entscheidung des Mannes, sich das Leben zu nehmen“, schreibt Heribert Barzen im Gemeindebrief. Aber endgültig klären lässt sich das eben nicht mehr. Einen Abschiedsbrief gab es nach Aussage der Staatsanwaltschaft nicht.

Der Flüchtling war am 9. Dezember 2016 auf der Binger Landstraße vom Gehweg plötzlich und unvermittelt auf die Fahrbahn getreten und von einem Auto erfasst worden, dessen Fahrer nicht mehr ausweichen konnte. Der schwer verletzte Syrer starb wenig später im Krankenhaus.

Der Dechant hatte den ebenso dramatischen wie vielschichtigen Fall in der Sonntagsmesse in der Kirche Kirn-Sulzbach thematisiert und anschließend für Gespräche zur Verfügung gestanden. Etwa ein Dutzend Besucher habe dieses Angebot genutzt.

In Kirn und auch in Rhaunen, wo Barzen zwölf Jahre als katholischer Pfarrer tätig war, sorgt sein öffentliches Bekenntnis für viel Gesprächsstoff. „Er war engagiert und hat sich eingebracht“, weiß Peter Domnick vom Flüchtlingscafé in Kirn nur Positives über Barzen zu berichten. „Ich schätze ihn als Pfarrer, als Chef und als Mensch sehr“, bekundet Barbara Fey, Pfarrsekretärin in Rhaunen, die zwölf Jahre eng mit dem Pfarrer zusammengearbeitet hat.

„Er hat sehr gute Arbeit geleistet und war sehr beliebt“, betont Martina Römer, Vorsitzende des Pfarreienrates Kirn. Er habe es sogar geschafft, dass wieder mehr Kinder und Jugendliche in die Kirche kamen. Sie bedauert, dass der Pfarrer nicht mehr nach Kirn zurückkehren wird: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat sein Angebot angenommen, auf die Pfarrstelle zu verzichten, so die im Pfarrbrief veröffentlichte Sprachregelung. Mit dem Bischof sei vereinbart, erst nach Ende der Therapie über Barzens zukünftigen Einsatz als Priester zu entscheiden.

Denkbar sei auch, dass er keine Pfarrstelle mehr antritt, sondern an anderer Stelle in der katholischen Kirche eingesetzt wird, sagt Dechant Günter Hardt, der die Pfarreiengemeinschaft Kirn vorerst vertretungsweise betreut. Er empfindet es als „sehr kurz gedacht“, wenn dieser Fall in Zusammenhang mit dem Zölibat der katholischen Kirche gebracht werde: Es komme immer auch auf die moralische Verantwortung jedes einzelnen an.

Von Kurt Knaudt

Kirn
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