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    Bonn/Dernau

    Von der bösen Schwägerin verfolgt: Angeklagter im Mordprozess erzählt bizarre Geschichte

    Der Doppelmordprozess am Bonner Landgericht nimmt eine bizarre Form an und wirft neue Fragen auf. War der vermeintliche Doppelmörder Alfred Y. bei der Tötung zweier Menschen im Februar 2011 total durchgeknallt, psychisch krank und unzurechnungsfähig? Oder war er doch ein berechnender Straftäter?

    Der Vorsitzende Richter Josef Janßen erteilte gestern am dritten Verhandlungstag jedenfalls den Hinweis, dass für den 57-Jährigen für die vorgeworfenen Taten auch abschließend die Unterbringung in einer Psychiatrie in Betracht komme. Was Y. getan hat, ist unstrittig: Laut Anklage hat er 2011 zwei Menschen erschossen. Demnach feuerte Y. zunächst am 2. Februar zwei Kugeln ohne Vorwarnung auf den 42-jährigen Michael K., Verkäufer eines Matratzengeschäfts in Bonn-Belderberg. 20 Tage später schoss er dem Dernauer Familienvater Jürgen Hofmann von hinten in den Kopf, als der in seinem Wagen in Bonn-Pützchen seine Mittagspause machte.

    Alfred Y. hielt es wie die Prozesstage zuvor auch: Er machte keine Aussagen. Dafür stand er aber vorab einem psychiatrischen Sachverständigen zur Verfügung, dem er von dubiosen Stimmen berichtete, eigenartige Tathergänge auftischte und von einer bedrohlichen Schwägerin erzählte. Der Experte hielt fest: Y. habe in den Gesprächen betont, er sei nicht verrückt, sondern er fühle sich als drangsaliertes Opfer. Schon seit Jahren würde er von seiner japanischen Schwägerin immerzu verfolgt und terrorisiert.

    Die Einschüchterungen durch seine Verwandten reichten sogar bis heute in die Justizvollzugsanstalt. Rote japanische Schriftzeichen an der Wand und in der Steckdose will Y. in seiner Zelle gesehen haben. Ein Indiz für den vermeintlichen Mörder: Du bist nirgendwo sicher. Die Taten selbst leugnete der Mann nicht. Von Raub aus Habgier wollte Y. im Gespräch mit dem Experten nichts wissen.

    Der Sachverständige protokollierte: Bei einem ziellosen Gang durch Bonn sei Y. damals auf den Verkäufer getroffen. Der habe ihn in das Matratzengeschäft gelockt. . Schon beim Betreten des Ladens will er ein merkwürdiges Gefühl gespürt haben, berichtet der Gutachter. Hinter einem Regal soll ein Mensch gestanden haben.

    "Die Bedrohung für ihn", befand der Psychologe: Der Proband sei sich sicher gewesen, die Situation sei von seiner Schwägerin initiiert worden. Als der Verkäufer in seiner Tasche nach einem "technischen Gerät" fingerte, habe Y. nach eigenen Aussagen das Gefühl gehabt, "er stirbt". Der erste Schuss sei nach Angaben von Y. versehentlich gefallen, die zweite Kugel habe er in Panik abgefeuert.

    Ein anderer Tathergang auch beim zweiten Mord: Auf dem Parkplatz in Bonn-Pützchen sei dem Angeklagten zunächst nur ein großer Wagen aufgefallen. Das Auto sei dann weggefahren und später wiedergekommen. Da sei das Auto auf ihn zugefahren. Sicher sei er sich gewesen, dass seine Schwägerin die Szene aus der Nähe beobachtet habe. "Daraufhin hat er geschossen", notiert der Gutachter. Warum Alfred Y. dies nicht der Polizei erklärt habe, wollte Richter Janßen wissen. "Keine plausible Erklärung. Er wollte nicht, dass die Beamten ihn für verrückt erklären", betont der Sachverständige.

    Von unserem Mitarbeiter Horst Bach

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