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    Koblenz

    Sittenwidrige Geheimhaltungsvereinbarung? Der Glücksbote ist unglücklich

    Der ehemalige Glücksbote Hans Joachim Schmitz (70) hat Lotto Rheinland-Pfalz verklagt. 25 Jahre lang hatte er Lottospieler über ihre Gewinne informiert. Jetzt will Schmitz vor dem Arbeitsgericht Koblenz erreichen, dass eine Geheimhaltungsvereinbarung der Lottogesellschaft von 2006 für „sittenwidrig und damit unwirksam“ erklärt wird, wie er sagt. Nach seiner Darstellung ist die strittige Vereinbarung ein Knebelvertrag.

    Hans Joachim Schmitz, ehemaliger Glücksbote, hat Lotto Rheinland-Pfalz verklagt: Er will erreichen, dass eine Geheimhaltungsvereinbarung der Lottogesellschaft von 2006 für sittenwidrig und unwirksam erklärt wird.  Foto: dpa
    Hans Joachim Schmitz, ehemaliger Glücksbote, hat Lotto Rheinland-Pfalz verklagt: Er will erreichen, dass eine Geheimhaltungsvereinbarung der Lottogesellschaft von 2006 für sittenwidrig und unwirksam erklärt wird.
    Foto: dpa

     „Damals ging es mir gesundheitlich nicht gut, und ich wollte vorzeitig in den Ruhestand gehen.“ Bei der Entscheidung, den strittigen Vertrag zu unterschreiben, habe er sich stark unter Druck gesetzt gefühlt. „Ich hatte also gar keine andere Wahl“, sagt Schmitz unserer Zeitung. Seit 2006 ist er im Ruhestand.

    Clemens Buch, Abteilungsleiter der Unternehmenskommunikation von Lotto Rheinland-Pfalz, erklärt: „Die Geheimhaltungsvereinbarung verhindert im Sinne des Spielerschutzes, dass sensible Informationen über das persönliche Umfeld von Gewinnern an die Öffentlichkeit kommen können.“

    Die Geheimhaltungsvereinbarung, die unserer Zeitung vorliegt, sieht unter anderem vor, dass Schmitz sich lebenslang verpflichtet, Lotto Rheinland-Pfalz unaufgefordert und unverzüglich jegliche Kontakte zu Journalisten mitsamt deren Namen und Adressen mitzuteilen. „Im Falle eines jeden Verstoßes gegen die Geheimhaltungsverpflichtung ist Herr Hans Joachim Schmitz verpflichtet, jeweils eine Vertragsstrafe in Höhe von einem Bruttomonatsbezug an die Lotto Rheinland-Pfalz GmbH zu zahlen“, heißt es.

    Lotto Rheinland-Pfalz erklärt unserer Zeitung: „Es ist zweckmäßig, dass an ihn gerichtete Anfragen nach seiner aktiven Zeit bei Lotto Rheinland-Pfalz direkt an das Unternehmen weitergeleitet werden, damit sie von der zuständigen Presseabteilung beantwortet werden können.“ Schmitz fühlt sich durch den Vertrag stark in seinem persönlichen Leben beeinträchtigt. „Ich darf laut dem alten Vertrag auf der Straße den Leuten, wenn sie mich fragen, was ich früher gearbeitet habe, noch nicht einmal sagen, dass ich überhaupt jemals bei Lotto war.“

    Das Arbeitsgericht Koblenz bestätigt, dass am 8. Februar vorerst ein Gütetermin angesetzt ist. Ziel ist eine Verständigung. Gelingt diese nicht, kommt es zu einem Kammertermin, also zu einem Prozess – vermutlich zwei bis drei Monate später.

    Lotto Rheinland-Pfalz mit Sitz in Koblenz hat nach eigener Aussage Schmitz angeboten, „die Vereinbarung von 2006 ohne Anerkennung einer Rechtspflicht durch eine neu gestaltete Vereinbarung zu ersetzen“. Dies hat der Anwalt von Schmitz, Hermann Leuer, abgelehnt. „Als der neue Geschäftsführer Jürgen Häfner da war, wollte ich mit ihm eine gütliche, außergerichtliche Einigung treffen“, sagt Schmitz. Angeboten wurde ihm daraufhin eine neue Verschwiegenheitsverpflichtung. Diese bezeichnet Schmitz zwar als „rechtlich gesäubert“. Doch auch sie sei letztlich wieder ein Zwang: „Lotto will mir wieder keine Wahl lassen: Nur wenn ich den neuen Vertrag unterschreibe, komme ich aus dem alten raus.“ Bei Lotto Rheinland-Pfalz herrscht über diese Entscheidung Unverständnis. „Er hat unseren Vorschlag dazu abgelehnt und den Klageweg beschritten. Nun gilt es, das Gerichtsverfahren abzuwarten“, sagt Buch.

    Weshalb er erst jetzt klagt, erklärt Schmitz so: „Ich habe mich jetzt erst getraut, auf mein Schicksal aufmerksam zu machen und die Annullierung dieses Vertrags zu verlangen, als ein neuer Geschäftsführer da war.“ Unter Tränen fügt er hinzu: „Ich möchte endlich von diesem Fluch loskommen und mich mit alten Kollegen treffen und von alten Zeiten schwärmen, wie andere Rentner das tun. Ich möchte stolz auf mein Lebenswerk zurückblicken können, ohne in ständiger Angst vor Prozessandrohungen zu leben.“

    Schmitz hat nach eigenen Worten bei mehr als 400 Neumillionären auf der Couch gesessen und sie auch im Umgang mit dem Geldsegen beraten. Zugleich war er Pressesprecher und informierte ohne Nennung von Namen und Wohnorten auch die Medien über Millionengewinne. Schmitz bezeichnete sich seinerzeit als „Hebamme des Glücks“.

    Von Jens Albes und unserer Reporterin Nina Kugler

     

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