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Cochem/Bitburg

Lesetour mit Rekord-Faktor: Gemmel, der rasende Vorleser

Die Kinder sind schon ungeduldig. Nur noch wenige Minuten, dann soll die Weltrekordlesung mit dem Lehmener Kinderbuchautor Stefan Gemmel beginnen. Doch im Schlossbergforum zu Füßen der Cochemer Reichsburg ist noch nichts von dem rührigen Autor zu sehen. 80 Lesungen will er in 14 Tagen machen – jede Lesung muss eine Stunde dauern – und dabei quer durch Deutschland reisen. Wenn Gemmel das schafft, ist das Weltrekord.

Von unserem Redakteur Michael Defrancesco

Sein zweiter im Übrigen – er holte bereits den Weltrekord der größten Lesung der Welt, 2012 war das, auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz vor rund 10 500 Kindern. Jetzt also die schnellste Lesereise der Welt.

Zehn Minuten vor Lesungsbeginn kurvt sein Auto auf den Parkplatz. Die Türen gehen auf, Gemmel steigt aus, winkt fröhlich, entschuldigt sich im Vorbeieilen und verschwindet erst einmal im nächsten WC. "Ja, wir haben recht wenig Zeit für die nötigsten Bedürfnisse", sagt er hinterher lachend und lugt schon einmal in den Veranstaltungssaal hinein. Sondieren, ob alles passt und bereit ist.

Die Kinder sind es längst. Stefan Gemmel trinkt noch rasch einen Schluck, tief durchatmen, dann betritt er den Saal. Es ist seine vierte Lesung für heute – und Müdigkeit ist ihm nicht anzumerken. In kürzester Zeit gehört ihm die ganze Aufmerksamkeit der Schulhalle. Die Kinder kleben an seinen Lippen, giggeln mit, lachen mit, fiebern mit – Gemmel liest auch nicht einfach vor, nein. Er schauspielert sein Buch, spielt mit verteilten Rollen, holt die Kinder nach vorn zum Mitmachen. "Im Zeichen der Zauberkugel" heißt das Buch, das Gemmel eigens für den Weltrekordversuch geschrieben hat. Ein kunterbuntes Abenteuer mit dem Flair von 1001 Nacht – die Stunde mit Stefan Gemmel vergeht wie im Flug. Stefan, vergiss die Zeit nicht, denken sich die erwachsenen Beobachter – dann läuft die große Uhr rückwärts. Die Kinder zählen mit, und Gemmel startet durch: winkt ein frohes "Tschühüss!" in die Runde, schnappt sich seine Jacke und wieselt zum Ausgang.

Fahrer Jörg hat direkt neben der Halle geparkt, die Türen des Autos weit geöffnet. Das Zeug in den Kofferraum geworfen, ins Auto gerutscht, Türen zu, und keine zwei Minuten nach dem Ende der Lesung ist Gemmel schon wieder unterwegs. Eine Stunde und 15 Minuten bis Bitburg – Zeit zum Durchschnaufen. Zum Essen, zum Dösen. Aber zunächst muss noch das Countdown-Band abgeschnitten werden: Nach jeder Lesung schnippelt Gemmel einen Zentimeter eines 80 Zentimeter langen Maßbandes ab – ein Zentimeter steht für eine Lesung. Der Schnipsel kommt in ein aufklappbares Plüschtier – eine süße Eule. "Die hat mir meine Tochter geschenkt", sagt Gemmel und blickt das Tierchen liebevoll an. Seine Familie sieht er in diesen Tagen so gut wie gar nicht.

Dafür wird telefoniert, bis die Handys glühen, während Fahrer Jörg auf die Autobahn in Richtung Bitburg fährt. Organisatorisches ist zu klären. Nein, nichts wegen der nächsten Lesung – der Gemmel'sche Dreckwäschesack ist abhandengekommen. Irgendjemand wollte ihn irgendjemandem mitgeben, der ihn dann zu irgendeinem dritten zum Waschen bringt – und nun weiß niemand mehr, wo Gemmels Klamotten abgeblieben sind.

Es ist nicht die einzige Anekdote, die unvergesslich bleiben wird. "Wir haben schon so viel erlebt", erzählt Stefan Gemmel. Bei einer Lesung im Ruhrgebiet war ein Zauberer dabei, und der zündete am Ende Gemmels Buch an. Oder die kleine Xenia gewann eine Mitfahrt im Rekordauto und spielte mit Gemmel während der Fahrt Nummernschildspiele. Oder bei der Lesung in Timmendorfer Strand – "da waren wir zu früh dran und hatten 20 Minuten Zeit, die Füße in die Ostsee zu halten", schwärmt der Autor. Trotz allem Zeitdruck: Die Fahrer müssen sich an die Verkehrsregeln halten, so sehen es die Rekordregeln vor. Ein Flensburg-Punkt bedeutet das Aus der Aktion. Und das will ja schließlich niemand.

Das Rekordauto biegt in Bitburg vor der nächsten Lesehalle ein. Stefan Gemmel lutscht noch schnell ein Bonbon und macht sich bereit. Er weiß: Die Kinder im Saal sind schon ganz ungeduldig ...

  • Samstagabend macht Stefan Gemmel im RZ-Druckhaus in Koblenz Station. Es sind schon alle 300 Plätze vergeben.

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