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    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche – Teil 1

    Ob freiwilliger Wehrdienst oder Karrierewunsch: Wer zur Bundeswehr will, der muss durchdie Grundausbildung. Was die jungen Menschen dort erwartet, das hat unsere RedakteurinChristina Nover für Sie herausgefunden. Ein abenteuerlicher Selbstversuch.

    Sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Bei der Einkleidung wird genau auf die Größe geachtet, selbst bei der Feldmütze.
    Sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Bei der Einkleidung wird genau auf die Größe geachtet, selbst bei der Feldmütze.

    Ob freiwilliger Wehrdienst oder Karrierewunsch: Wer zur Bundeswehr will, der muss durch die Grundausbildung. Was die jungen Menschen dort erwartet, das hat unsere Redakteurin Christina Nover für Sie herausgefunden. Ein abenteuerlicher Selbstversuch.

    Es ist mehr ein Vibrieren als ein Klingeln, das das Feldtelefon von sich gibt. Der Alarmposten, 20 Meter von unserem Lager entfernt, meldet Sichtkontakt mit dem Feind. Innerhalb von wenigen Sekunden sind alle auf den Beinen, die Waffen umgelegt und bereit, sich in den Kampf zu stürzen. Einer nach dem anderen rennt in voller Ausrüstung aus dem Zelt, dumpfe Fußtritte sind zu hören. Ich stürze den letzten Schluck schwarzen Tee hinunter und folge meinen Kameraden auf dem provisorisch angelegten Pfad durch das Mondlicht.

    „Der Körper kann viel mehr, als wir denken.“ Feldwebel Schäfer

    Ich befinde mich auf einem Feld irgendwo in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts in Germersheim und warte auf den Angriff von „Rotland“, einem fiktiven Feind. Rund 100 Rekruten verbringen im Rahmen ihrer Grundausbildung eine Nacht im Gelände, und ich bin einer von ihnen. Zumindest für eine Woche. Ich will herausfinden, wie es wirklich bei der Bundeswehr ist, und dabei so wenig wie möglich auffallen. Die Waffen werden mit einem deutlichen „Klack“ geladen.

    Ich ziehe den Hebel an meinem Gewehr zurück, schlängele mich hinter meinen Kameraden durch das hohe Gestrüpp und lasse mich dahinter auf ein Knie fallen. Die Waffe im Anschlag, beobachte ich, wie mein Vordermann über den Boden zu einer der getarnten Stellungen gleitet. Fünf hat die Gruppe über den Tag hinweg vor einem Hang ausgehoben, mit Stroh gefüllt und mit einem Gestell aus Ästen und Zeltplanen getarnt. Nun leuchten blaue Knicklichter uns den Weg zu den Eingängen.

    „Sicher!“, höre ich und lege mich auf den frostharten Boden. Langsam schiebe ich mich nach vorn und ziehe die Beine über die eisverkrustete Erde. Meine Knie und die Hüften schmerzen bei jedem Rutsch. Stoff kratzt über die Erde, neben mir höre ich, wie die anderen ihre Posten beziehen. Endlich erreiche ich die Mulde zur Stellung, ziehe den Kopf ein und lasse mich hinuntergleiten. Schnaufend schließe ich zu meinem Kameraden auf, der am Gewehr vorbei nach vorn in die Dunkelheit blickt.

    Seine Gesichtszüge sind vor lauter Tarnschminke nicht zu erkennen. Ich versuche, meinen Platz zu finden, verheddere mich im Gewehrriemen und fluche, weil ich vergessen habe, das Gewehr abzunehmen. Ein Fehler von vielen. Schließlich liege ich einigermaßen bequem und schaue in den Wald. In der Ferne höre ich Schüsse fallen, der Schimmer einer Signalpistole ist zu sehen. Baumstämme zeichnen sich dunkel gegen den Schnee ab, eine gräuliche Fläche, auf der ich keine Bewegung ausmachen kann. Wir warten und atmen weiße Wölkchen in die Nacht. Ich rieche das Stroh, das leise knistert, wenn ich mich bewege, und versuche, die Kälte zu ignorieren, die mir langsam die Beine hochkriecht.

    Das Funkgerät unseres Gruppenführers knackt. „Zeus, hier Donnergott. Bei uns ist alles ruhig.“ Minuten vergehen, bis Oberfeldwebel Dinkel schließlich den Befehl bellt: „Stellungen räumen!“ Aufatmen und zurückkriechen, sich den Kopf mit dem Helm am Gerüst stoßen, wieder über den Boden gleiten, bis das schützende Ried erreicht ist. Aufstehen und zurück zum Lager. Zum wärmenden Feuer.

    Die Waffen werden gesichert, die Patronen entfernt. Plötzlich: ein lauter Knall. Wir zucken zusammen und wissen: Das gibt Ärger. Einer der Rekruten hat vergessen, das Geschoss zu entfernen und hat es beim letzten Sicherungsschritt abgefeuert. Der richtige Knall folgt aber erst jetzt. „Wie dumm kann man eigentlich sein?“, staucht Dinkel den Rekruten zusammen.

    Es ist nur Übungsmunition, doch hier soll der Ernstfall geprobt werden, deshalb ist der Ausbilder sauer. „So was darf nicht passieren!“, schimpft er weiter, und der Kamerad blickt betreten zu Boden. Es ist kurz nach Mitternacht, und wir alle sind müde. Doch wir müssen die ganze Nacht mit einem Überfall rechnen. Der Feind schläft nicht. Deshalb müssen immer zwei Rekruten im „Eine Hand in der Tasche ist zulässig, zwei Hände sind zu lässig!“

    Feldwebel Schäfer Alarmposten ausharren, die stundenweise ausgetauscht werden. Doch Dinkel gibt den Befehl zum Schlafenlegen. „Zieht so viel aus wie möglich“, empfiehlt der Gruppenführer aus Erfahrung. Es sind minus fünf Grad, und das letzte, was ich will, ist, mich auszuziehen. Doch wenn ich es nicht tue, werde ich später nur noch mehr frieren. Ich schlüpfe in den Schlafsack und lege nach und nach eine Schicht nach der anderen ab. Stopfe sie in die Erdkuhle, in der ich liege, und versuche irgendwie eine Position zu finden, in der ich schlafen kann.

    Husten und Knacken dringt durch die Nacht

    Doch während ich nach einigen Minuten schon die ersten Schnarchgeräusche aus der Gruppe höre, bin ich hellwach. Der schwarze Tee ist vom Freund zum Feind mutiert und lässt mich schlaflos die Muster auf der Zeltplane verfolgen, die das Feuer dahinter verursacht. Ich höre das Knacken der verbrennenden Hölzer und rieche den Rauch, der allgegenwärtig in der Luft liegt.

    In den anderen Zelten wird gehustet. Ich richte mich auf und betrachte meine schlafenden Kameraden. Wie in einer Sardinenbüchse liegen sie schön eingemummelt einer neben dem anderen. Ich lege mich wieder zurück und mache Bestandsaufnahme: Obwohl ich nur noch Socken, lange Unterhose und Rolli anhabe, ist mir einigermaßen warm. Nur die Gesichtspartie, die nicht mehr von der Wintermütze verdeckt ist, ist eiskalt. Da hilft auch keine Tarnschminke.

    Meine Schulter schmerzt, und ich erinnere mich an das Holzholen und den Baumstamm, den ich mit zwei Kameraden aus dem Wald ins Lager geschleppt habe. Ein Riesentrumm, so schwer, dass ich ihn kaum eine Minute auf der Schulter halten konnte. Da half auch das „Stell dich nicht so an!“ des Ausbilders nichts. Jetzt versuche ich irgendwie eine Lage zu finden, in der ich keine Schmerzen habe. Dabei fing alles noch ganz locker an. Bei der Einkleidung am Vormittag durfte ich das machen, was Frauen ja nach landläufiger Meinung am besten können: shoppen. Mit einem Einkaufswagen ging es zwischen Regalen mit Hosen, Feldblusen, Jacken und Schuhen (jeder Menge Schuhe!) hindurch.

    „Die Jungs meinen immer, dass wir bevorzugt werden. Dabei machen wir genau das Gleiche wie die.“ Eine Soldatin

    „Gibt’s das auch noch in einer anderen Farbe?“, fragte ich scherzhaft die Frau, die mir die Sachen zum Anprobieren reichte. „Grün steht Ihnen wunderbar“, meinte sie, und auch wenn ich daran zweifelte, ich hatte keine Wahl. „Grün, braun, grau sind alle meine Kleider“ – ab sofort. Socken, T-Shirts, Unterwäsche, dazu der Rest der Ausrüstung: Mützen, Handschuhe, Taschen, Helm, Essgeschirr, Schlafsack und noch einiges mehr, bis der Einkaufswagen bis oben hin voll war. Ich war nur froh, dass ich am Ende nicht die Kreditkarte zücken musste.

    Rund 1000 Euro war die Ausrüstung insgesamt etwa wert, die ich im Einkaufswagen vor mir herschob und schließlich in Tüten verpackte. Schon beim Anziehen merkte ich, wie genau man es hier nimmt. T-Shirt, die kniehohen kratzigen Wollsocken, dann die Hose und schließlich die Schuhe. Dann wurde es kniffelig. Es ging darum, die Hosengummis anzulegen. Unter den Hosensaum gelegt und umgekrempelt. Eigentlich ganz einfach und doch das Schwierigste, das bisher an diesem Tag von mir verlangt worden war.

    Endlich war auch dieser Schritt geschafft, und die Hose wurde über dem Schuhschaft angesetzt. Feldbluse an, und schon sah ich aus wie eine von vielen.Den eigenen Stil zur Schau stellen, mit den weiblichen Reizen spielen – Fehlanzeige. Nur das Namensschild ist individuell, aber bei mir steht lediglich „Pressearbeit“. Ich betrachtete mich im Spiegel und steckte beide Hände in die Hosentaschen. Irgendwie cool; mir gefiel, was ich sah. Feldwebel Schäfer allerdings nicht. „Eine Hand in der Tasche ist zulässig, zwei Hände sind zu lässig!“ Aha. Nix darf man.

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