Wenige Zentimeter unterhalb der Zimmerdecke endet der Putz. Darunter: rohes Mauerwerk. Von Raum zu Raum wiederholt sich das Bild. Der schmale Streifen Putz ist ein Marker. Er zeigt, wie hoch das Wasser in dem alten Haus in der Peter-Friedhofen-Straße 2 in Bad Neuenahr-Ahrweiler vor fünf Jahren stand. Viel ist nicht mehr von dem übrig, was früher einmal eine Jugendherberge und später das Haus der Jugend war.
Fünf Jahre nach der Ahrflut soll an diesem Ort nun etwas Neues entstehen. Genauer: ein Ehrenamtszentrum. „Wir wollen das historische Gebäude schützen und ihm eine Zukunft geben“, sagt Nick Falkner. „Wir“, das sind die Ehrenamtler der Stiftung Ahrtal, deren Gründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer der 33-jährige Falkner ist. Das Ehrenamtszentrum soll ein Treffpunkt für rund 200 Vereine sein. „Alle, die sich sozial oder gesellschaftlich engagieren, können später dieses Gebäude nutzen.“
Die Ahrflut hinterlässt Spuren
Falkner öffnet die schwere Stahltür. Gemeinsam mit seinem Besuch von HELFT UNS LEBEN (HUL), der Hilfsorganisation der Rhein-Zeitung und ihrer Heimatausgaben, betritt er das alte Haus. Manuela Lewentz-Twer, Vorsitzende von HUL, und ihr Stellvertreter Lars Hennemann folgen ihm ins Innere. Anlässlich des fünften Jahrestages des Ahrflut steht für HELFT UNS LEBEN fest: 80.000 Euro sollen einem geeigneten Projekt vor Ort zu Gute kommen.
Im ehemaligen Haus der Jugend angekommen ist schnell klar, dass dieser Ort ein halbes Jahrzehnt später noch immer die tragische Geschichte der Flutkatastrophe erzählt. Zerschlagene Fensterscheiben. Freiliegende Deckenbalken. Herunterhängende Kabel. Schlammspritzer an den Wänden. Das Gemäuer liegt größtenteils frei. Darüber besagter übrig gebliebener Streifen aus Putz.
Das ehemalige Haus der Jugend liegt nur wenige Meter von der Ahr entfernt. Der Fluss konnte sich dort auf der Fläche ausbreiten, erzählt Falkner. „Das Wasser stand hier zwar nicht so hoch, dafür war aber in der Fläche viel betroffen.“ Flutbetroffen ist in dem alten Gebäude deswegen das Erdgeschoss. Wiederaufbaugelder gibt es also nur für diesen Bereich, erklärt der 33-jährige Ehrenamtler. „Für die erste Etage bekommen wir keinen Cent. Da oben muss aber auch alles kernsaniert und neu gemacht werden.“ Und das will Falkner mit seinem Team selbst machen – ehrenamtlich natürlich.
Die Stiftung Ahrtal besteht aus 120 „Ahrtaler Ehrenamtlern“. Entstanden ist sie aus einer Privatinitiative heraus. Falkner erzählt, dass er am Morgen nach der Flut das Spendenverteilzentrum Ahrweiler gegründet hat. „Eher, ohne das wirklich zu planen“, wie er sagt. Sein Ziel: Sachspenden organisieren. „Das ist dann irgendwie gewachsen.“ Ein Jahr später gründet Falkner die Stiftung Ahrtal.
„Zum Glück kann ich auf ein großes Team bauen, das sehr viele Aufgaben übernehmen kann.“
Nick Falkner, Gründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer der Stiftung Ahrtal
Seit inzwischen fünf Jahren investiert der 33-Jährige, der eigentlich Bundeswehroffizier ist, jede freie Minute in die Stiftungsarbeit. Er betont: „Zum Glück kann ich auf ein großes Team bauen, das sehr viele Aufgaben übernehmen kann.“ So kümmern sich nun circa 20 bis 30 Leute aus seinem 120-köpfigen Team darum, dass aus dem alten Haus in der Peter-Friedhofen-Straße das Ehrenamtszentrum entsteht. Die Kosten sollen schließlich so gering wie möglich gehalten werden. „Wir sind knauserig“, sagt Falkner und lacht. Die Devise lautet deswegen: „Aus einem Euro sollen mehrere Euros gemacht werden.“
Wann es genau losgehen kann, das steht noch nicht hundertprozentig fest. „Wir sind mit der Stadt am Bauantrag dran.“ Geht der in die Genehmigung, fangen parallel die Bauplanungen an, so Falkner. „Zur Umsetzung sind eineinhalb Jahre geplant.“ Eine genaue Vision davon, was im ehemaligen Haus der Jugend entstehen soll, die hat Falkner schon.

Der 33-Jährige führt seinen Besuch von HELFT UNS LEBEN von Raum zu Raum und damit Schritt für Schritt durch sein Konzept. Was aus der Flutruine einmal werden soll, das ist durch Falkners Schilderungen leicht vorstellbar. Die Baustelle wird zum Begegnungsort – für rund 200 Vereine.
HUL-Vorsitzende Lewentz-Twer sagt: „Das Ehrenamtszentrum ist für die ganze Region gedacht. Es entsteht ein zentraler Mittelpunkt für die Region.“ Genau das richtige Projekt für HELFT UNS LEBEN, finden Lewentz-Twer und ihr Stellvertreter Hennemann.
Stiftung Ahrtal schafft Begegnungsort für Vereine
In dem neuen Ehrenamtszentrum dreht sich alles um die Vereinsarbeit. Die Vereine sollen dort künftig Räume buchen können. Im ersten Stock zum Beispiel. Dort soll es Konferenzräume, Co-Working-Arbeitsplätze und Schränke als Stauraum für Materialien geben. Im Erdgeschoss hingegen sind eine Küche und ein großer Saal für Veranstaltungen geplant. Je nach Größe des Events kann der Veranstaltungsbereich sogar durch einen Nebensaal vergrößert werden. Türen machen diesen Nebensaal aber auch einzeln nutzbar, beispielsweise für Kurse oder Besprechungen.
Auch über eine optimale Lösung für einen barrierefreien Zugang macht sich Falkner Gedanken. Beispielsweise in Form einer Rampe, die von außen in einen Raum hinter dem geplanten großen Veranstaltungssaal führen könnte. Der Außenbereich soll sich ebenfalls verändern. Der Ehrenamtler denkt beispielsweise an eine Außenfläche für Feste und eine überdachte Grillecke. Im Garten hinter dem Haus soll ein naturnaher Garten entstehen – für die Schulen beispielsweise, für die das neue Ehrenamtszentrum fußläufig zu erreichen ist.

Aus dem Haus der Jugend wird das Ehrenamtszentrum
Aus dem ehemaligen Haus der Jugend in Ahrweiler wird das Ehrenamtszentrum. So fällt das Statement der Stadtverwaltung aus, und das sind zunächst die weiteren Schritte der Stiftung Ahrtal.
Damit sich das Projekt auch langfristig trägt, schwebt Falkner ein halbjährlicher Solidaritätsbeitrag für die Vereine vor. Die Buchung der Konferenzsäle könnte beispielsweise 5 Euro kosten. „Wenn wir am Ende ein Plus machen, soll jeder Cent davon hier im Projekt bleiben“, betont der Stiftungsgründer. Worin genau das übrig gebliebene Geld dann investiert wird, darüber entscheidet nicht die Stiftung. Die Vereine haben Mitspracherecht. Genauso auch bei der Nutzungsordnung, die für das Ehrenamtszentrum verfasst werden soll.
Falkner ist überzeugt, dass mit dem Ehrenamtszentrum etwas Langfristiges geschaffen wird, „wovon alle profitieren und was vor allem nicht viel Geld kostet“. In seinen Augen ist das Ehrenamtszentrum ein Projekt, durch das deutlich wird, wofür die Stiftung Ahrtal nach der Flutkatastrophe eigentlich gegründet wurde.
Weitere Informationen zu HELFT UNS LEBEN gibt es im Internet unter www.helftsunsleben.de
Die Stiftung Ahrtal
Die Stiftung Ahrtal ist eine gemeinnützige Organisation. Sie ist aus einer Privatinitiative heraus entstanden. Nick Falkner gründete am Tag nach der Flut das Spendenverteilzentrum Ahrweiler, danach dann die Stiftung. Mittlerweile besteht sein Team aus 120 Ehrenamtlern und freiwilligen Helfern, die sich für ihre Heimat einsetzen. Gemeinsam sorgen sie für den Wiederaufbau des Ahrtals und engagieren sich für eine nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung. Laut Falkner hat die Organisation bereits mehr als 25 Millionen Euro an Sachspenden verteilt. Die Stiftung Ahrtal fördert Kinder- und Jugendprojekte und auch das Vereinsleben, wie beispielsweise mit dem geplanten Ehrenamtszentrum in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Stiftung arbeitet nach eigenen Angaben transparent, unbürokratisch, ehrenamtlich und leistet Hilfe, „die von Mensch zu Mensch direkt und unmittelbar funktioniert“. hkl














