Jorge Cebrián wächst in Andorra auf. In dem Pyrenäenstaat geht er auch zur Schule. „Aber im Geschichtsunterricht ist der Name Boris von Skossyreff nie aufgetaucht“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Erst Jahrzehnte später stößt der Journalist bei Recherchen für einen Film auf ein mysteriöses Dokument über einen Mann russischer Herkunft, der 1934 König von Andorra gewesen sein soll. Seltsam. Er wäre der Erste in der 700-jährigen Geschichte des Landes überhaupt.
„Ich dachte zunächst, dass es ein Scherz sein muss.“
Regisseur Jorge Cebrián, als er das erste Mal vom „König von Andorra“ hört
Cebrián wird stutzig. Kann das wirklich wahr sein? „Ich dachte zunächst, dass es ein Scherz sein muss“, sagt er. Damals kann er nicht ahnen, dass ihn der Fall Skossyreff noch lange beschäftigen wird. Es wird ein Wendepunkt in seinem Leben. Denn der heute 50-Jährige begibt sich auf die Spur eines Phantoms, die ihn durch halb Europa führen wird. Die Suche beginnt im Archiv des Consell General, des andorranischen Parlaments. „Dort fand ich gerade einmal zwei Hinweise“, erinnert er sich. Recht wenig für einen König. „Aber genug, um die Neugier eines Journalisten zu wecken.“

Fast zehn Jahre wird er sich durch 6000 Dokumente wühlen, um die bizarre Biografie eines Mannes nachzuzeichnen, der irgendwie auf charmante Weise durchs Leben wandelt, ohne jemals wirklich einen Finger zu krümmen – indem er seine Mitmenschen täuscht. Ein Aufschneider, der sich sogar selbst zum König erklärt. „Sein Leben erscheint eigentlich zu spektakulär, um wahr sein“, sagt Cebrián. Und in der Tat ist an Skossyreff fast gar nichts echt – weder seine häufig wechselnden Titel noch sein Geburtsdatum.
Was Cebrián zu Beginn seiner Recherchen nicht weiß: Etwa zur gleichen Zeit hat sich auch Maximilian Eckhardt auf Skossyreffs Fersen in Boppard geheftet. Am Rhein verbringt der vermeintliche König von Andorra seinen Lebensabend. Hier ist er auch begraben. Der Digitalchef unserer Zeitung stöbert akribisch Zeitzeugen auf, die den extravaganten Mann mit Anzug und Monokel noch gekannt haben.

Eckhardt trifft Norbert Ortstein, seinen Augenoptiker, der die markanten Gläser regelmäßig nachschärft. Er spricht mit Mechthild Dartmann, der Schwester von Skossyreffs letzter Ehefrau, die viel jünger ist als er. Und er besucht den Pfarrer Walter Krause, der Skossyreff im Bopparder Altenheim besucht hat. Auch Suzanne Breitbach, frühere Mitarbeiterin unserer Zeitung, erinnert sich an die Gespräche, die sie als junge Frau im „Le Café“ mit dem älteren Herrn geführt hat.
Eckhardts große Reportage in unserer Zeitung liefert dem Journalisten aus Andorra schließlich das lose Ende, das ihm für seinen Film noch fehlt. „Von Boppard hatte ich zuvor nur in den Akten gelesen“, räumt er gegenüber unserer Zeitung ein. Bis er im Internet auf Eckhardts Artikel stößt. „Seither bin ich dreimal hier gewesen“, sagt er. „Eine wunderschöne Stadt.“ Am Rhein und auf der Hunsrückhöhe wird mit Unterstützung unserer Zeitung der letzte Teil seiner Dokumentation gedreht, an dem Eckhardt und die Zeitzeugen mitwirken.

Es ist also kein Zufall, dass die Deutschland-Premiere des preisgekrönten Films, der mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt worden ist, am Originalschauplatz präsentiert worden ist. „Boppard vor Berlin“, betont Cebrián vor den geladenen Gästen im ehrenamtlich betriebenen Cinema in der Bopparder Stadthalle. Ganz großes Kino. Denn zur Premiere sind sogar der Botschafter des Fürstentums Andorra in Deutschland, Jaume Serra, und die deutsche Honorarkonsulin Cristina Palmitjavila angereist. Von Kulturministerin Mònica Bonell, die das Projekt gefördert hat, gibt es zudem noch ein Grußwort aus Andorra auf der Leinwand. Damit hat sich 37 Jahre nach dem Tod des Exzentrikers der Kreis geschlossen. Auch dank der Unterstützung von Landrat Volker Boch und Helmut Zindorf, dem Ersten Beigeordneten der Stadt Boppard, die die Räume kostenlos bereitstellten.
Entstanden ist das opulente Werk „The Scammer Who Became King“, das über 90 Minuten das Leben eines russischen Exilanten aus Vilnius nachzeichnet, der sich nach seiner Flucht vor den Bolschewisten rast- und (meist) staatenlos durch halb Europa schnorrt. Skossyreff fälscht seine Identität ebenso oft wie seine ungedeckten Schecks. Bevorzugt lässt er sich von seinen zahlreichen Frauen und Geliebten aushalten. Er lügt und betrügt. Und landet deshalb immer wieder im Gefängnis. Doch selbst hinter Gittern gelingt es ihm offenbar, sich um jede Form von Arbeit zu drücken.

Die Kunst der Täuschung ist vielleicht das einzige Talent, das er im Überfluss besitzt. Bis er irgendwann auffliegt. Ständig ist er deshalb auf der Flucht. Deutschland, Niederlande, Frankreich, Spanien, Portugal, Andorra. Skossyreff wechselt die Länder so oft wie die Staatsbürgerschaft. Um Letztere wegen seines ellenlangen Vorstrafenregisters in der Regel gleich wieder zu verlieren. Und doch reicht es stets für einen luxuriösen Lebensstil. Fast könnte man den heimatlosen Edelvagabunden sympathisch finden.
Doch der Film zeigt auch Skossyreffs dunkle Seiten. Die des skrupellosen Opportunisten. So dient er sich den Nationalsozialisten als Offizier an. Dabei soll er auch Kriegsverbrechen begangen haben. Eckhardt ist bei seinen jahrelangen Recherchen zudem auf einen Prozess gestoßen, der dem Adeligen mit falschem Doktortitel wegen der sexuellen Belästigung eines Jungen gemacht wird. Von seiner Ehefrau Marie-Louise, die sich im Bellevue-Hotel als Näherin verdingt, trennt er sich, weil sie zu alt und zu gebrechlich geworden ist. Nach ihrem Tod wird es einsam um den arbeitsscheuen Exilanten. 1989 stirbt er. Sein wahres Todesalter nimmt er mit ins Grab.

Die ganze Skossyreff-Geschichte im Magazin
Die Geschichte von Boris von Skossyreff ist spannend, faszinierend, verwirrend – beinahe unglaublich. Unser Redakteur Maximilian Eckhardt hat sie über viele Jahre recherchiert – und jetzt in einem aufwendigen Magazin unserer Zeitung aufgeschrieben. „Ich, Hitlers Geheimagent – Die Geschichte des ‚Barons’ aus Boppard“ ist in limitierter Auflage erhältlich. Das Magazin, das 68 Seiten umfasst und viele selten Bilder zeigt, können Interessierte ab sofort im Internet unter www.rhein-zeitung.de/magazin zum Preis von 6,90 Euro bestellen. Die Lieferung ist versandkostenfrei. red
Das neue Magazin „Ich, Hitlers Geheimagent – Die Geschichte des ‚Barons’ aus Boppard“ der Rhein-Zeitung ist ab sofort erhältlich. Die Auflage ist limitiert. Im Mittelpunkt steht das abenteuerliche Leben des Boris von Skossyreff.
Bopparder sah sich als Hitlers Geheimagent











