Vogelzug
Viele Herausforderungen für Zugvögel
Storch im Sonnenuntergang
Viele Weißstörche aus Rheinland-Pfalz sind schon in Spanien, Marokko oder in Afrika angekommen. Über eine App kann das Zugverhalten von einigen beobachtet werden. (Symbolbild)
Patrick Pleul. DPA

Der extrem heiße Sommer hat vielen Vögeln zu schaffen gemacht. Die Mauerseglerhilfe zieht eine erschütternde Bilanz. Und bei den Störchen werden ungewöhnliche Flugrouten ins Winterquartier beobachtet.

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Freinsheim (dpa/lrs) – Wenige Wochen, nachdem sich die Weißstörche aus Rheinland-Pfalz auf den Weg in ihr Winterquartier gemacht haben, gibt es bereits die ersten Verluste. Von insgesamt 150 Tieren, die vom Storchenzentrum Bornheim mit einem Sender-Ring ausgestattet wurden, sind bereits 10 sicher gestorben. «Viele an Stromschlag, die nach wie vor häufigste Todesursache für Störche», berichtet Wolfgang Fiedler, der Leiter der Zentrale für Tiermarkierungen in Radolfzell, die zum Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie gehört.

Nicht ausgeschlossen, dass das auch «Rocky» aus Freinsheim zum Verhängnis wurde, dessen Aufwachsen im Sommer von Tausenden Tierfreunden über eine Storchenkamera verfolgt wurde. Das letzte Lebenszeichen von ihm, das auch über die App «Animal Tracker» verfolgt werden konnte, stammt vom 20. August aus der 1.200 Kilometer entfernten spanischen Provinz Saragossa am Fluss Ebro.

Es sei möglich, dass es beim Aufsuchen des Schlafplatzes auf einem der dortigen Masten zu einem Stromschlag kam, dem sowohl Sender als auch Storch zum Opfer fielen, vermutet Experte Fielder. Dies sei zwar nur eine Spekulation, allerdings seien seiner Ansicht nach «die Chancen inzwischen nicht mehr sehr groß, dass der Vogel einfach nur in einem Funkloch sitzt und plötzlich wieder auftaucht».

Marie Louise Wiesenbach, die mit ihrem Mann Florian Graus die Storchenkamera in Freinsheim betreibt und über das Nest-Geschehen auf Instagram berichtet, mag die Hoffnung noch nicht aufgeben. «Wir hoffen, dass Rocky trotzdem gut durchkommt und es einfach nur ein technisches Problem gab.» Schließlich handle es sich um Prototypen der Sender, und von zwei weiteren Störchen aus der Umgebung – «Fortuna» und «Schorschi» aus Erpolzheim – gebe es seit dem 22. und 24. August ebenfalls keine Informationen mehr. «Das kann ja kein Zufall sein.»

Daten aus dem Senegal, Syrien und der Slowakei

Nach Auskunft von Wolfgang Fiedler befindet sich ein Großteil der Jungstörche momentan in Spanien und Marokko oder bereits südlich davon Richtung Senegal. «Dort bekommen wir so gut wie keine Daten geschickt und müssen warten, bis die Vögel wieder in Gegenden mit besserer Netzwerkverbindung kommen.» Für ihn gibt es aktuell einige «besonders erwähnenswerte» Störche: So habe sich «Clarinette 12356 AJE91» von der Zeiskamer Mühle als Erster aus dem Senegal gemeldet. Dort sei er bereits am 18. August angekommen – als andere gerade erst ihre Wanderung starteten.

«Äußerst ungewöhnlich» für Rheinland-Pfälzer ist das Verhalten von «Rafael 12353 AJE68» aus Maximiliansau: Er habe die Ostroute eingeschlagen und seine vorerst neuesten Daten am 9. September aus Syrien gemeldet.
Noch ungewöhnlicher sei schließlich die Route von «Sol 12281 ALL01» aus Kapsweyer: Er flog zuerst ostnordöstlich nach Sachsen und von dort ins Grenzgebiet zwischen Polen und der Slowakei.

«Viele ungewöhnliche Zugstrategien»

«Wir sehen dieses Jahr ungewöhnlich viele ungewöhnliche Zugstrategien», bilanzierte der Wissenschaftler. Inwieweit die mit dem ungewöhnlichen Sommer mit Hitze, Bränden und Trockenheit zusammenhängen könnten, wisse man aber noch nicht. Klar sei aber schon: Nach bisherigen Untersuchungen müsse man davon ausgehen, dass von den 150 Vögeln nach einem Jahr nur noch etwa 45 am Leben seien. Dies sei «der übliche Schwund durch Stromschlag, Beutegreifer, Unfälle und Bejagung».

Bilanz der Mauerseglerhilfe: «Erschütternd»

Ein ernüchterndes Fazit zog bereits die «Mauerseglerhilfe Apus» in Gorxheimertal im hessischen Kreis Bergstraße: «Die Bilanz des diesjährigen Mauersegler-Jahres fällt für uns trotz hunderter erfolgreicher Auswilderungen ausgesprochen erschütternd aus», sagte die Vorsitzende Jeanette Mayer. Insgesamt hätten die Pflegestellen in dieser Saison knapp 1.300 Mauersegler und Alpensegler aufgenommen, darunter 294 aus Rheinland-Pfalz.

«Gerade die zweite Hälfte der Saison hat uns dabei noch einmal vor enorme Herausforderungen gestellt.» So hätten die Vogelschützer ab August zunehmend Tiere mit erheblichen Gefiederschäden aufgenommen. Ein Teil davon sei durch die extreme Hitze und die damit verbundenen Belastungen für die Tiere entstanden. Zudem habe es weniger Insekten gegeben – die Nahrungsgrundlage der Mauersegler. Gerade für junge und bereits geschwächte Tiere habe dies große Probleme bedeutet.

Rettung war manchmal nicht mehr möglich

Viele Mauersegler habe man auch von Privatpersonen und auch aus anderen Stationen übernehmen müssen, deren Gefieder und Gesundheitszustand durch unsachgemäße Haltung oder Pflege so stark geschädigt gewesen seien, dass eine Rettung teilweise nicht mehr möglich war. «Das ist für uns besonders bitter, denn ein Mauersegler kann nur mit einem vollständig intakten Großgefieder wieder erfolgreich in die Freiheit entlassen werden.» Viele dieser Tiere hätten mit einer fachgerechten Versorgung von Anfang an eine deutlich bessere Chance gehabt.

Diese Saison habe dem Verein sehr deutlich gezeigt hat, dass man sich auf die kommenden Jahre noch besser vorbereiten müsse: «Wir müssen damit rechnen, dass extreme Wetterlagen wie Hitzeperioden und die damit verbundenen Folgen für die Tiere häufiger werden und solche massiven Aufnahmewellen eher zunehmen als abnehmen», sagte die Vorsitzende. Dringend erforderlich seien daher mehr fachkundige Helfer und Spenden.

«Trotz aller Erschöpfung und der vielen schweren Fälle bleibt für uns aber auch etwas sehr Positives», sagte Jeanette Mayer weiter. «Jeder Mauersegler und Alpensegler, den wir nach einer oft wochenlangen und intensiven Versorgung wieder in die Freiheit entlassen können, zeigt uns, warum sich dieser enorme Einsatz lohnt.»

Vogelzug und Tiermarkierung / Max-Planck-Institut

Animal Tracker App

Storchenkamera Freinsheim

© dpa-infocom, dpa:260920-930-712510/1

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