Halloween
Gruselvideos im Netz: Wann Angst zum Problem wird
Video der Horror-Katze
Immer wieder gehen Videos rum, die augenscheinlich Angst machen sollen. (Symbolbild)
Alina Grünky. DPA

Ein Jumpscare auf TikTok, und plötzlich rast das Herz: Anders als im Horrorfilm kann man den Schreck beim Scrollen oft nicht kommen sehen. Wann sollten Eltern genauer hinschauen?

Lesezeit 3 Minuten

Koblenz/Mainz (dpa/lrs) – Zu Halloween gehören Monster, Geister und Schreckmomente für viele Menschen dazu. In sozialen Netzwerken können allerdings auch Kinder und Jugendliche unvermittelt auf verstörende Videos stoßen. Wie wirken solche Bilder, wann wird Angst zum Problem und wie sollten Eltern reagieren? Fachleute der Universität Koblenz, der rheinland-pfälzischen Medienkompetenz-Initiative klicksafe und des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz geben Antworten.

Warum können Gruselvideos Kinder so erschrecken?

Wie Lea Wickord vom Institut für Psychologie an der Uni Koblenz erklärt, löst ein plötzlich auftauchendes Schreckbild, ein sogenannter Jumpscare, einen Schreckreflex aus, wobei die Muskeln sich anspannen und das Herz schneller schlägt. Anders als bei einem Horrorfilm oder einem Besuch in der Geisterbahn können Nutzer auf Plattformen wie TikTok demnach oft nicht selbst entscheiden, ob sie sich erschrecken lassen möchten. Es fehlen Vorwarnung und Kontext, wodurch der Schreck gerade Kinder besonders belasten kann.

Dieser Einschätzung schließt sich Martin Bregenzer von der EU-Initiative «klicksafe» und der Medienanstalt Rheinland-Pfalz an. Grundsätzlich sei es jedoch auch ein ganz normaler Teil der kindlichen Entwicklung, sich Dingen auszusetzen, die einen ängstigen. Problematisch werde es vor allem, wenn die Darstellung sehr drastisch und für Kinder überfordernd sei.

«Aus der Medienwirkungsforschung wissen wir außerdem, dass Angstreaktionen auf Medieninhalte sehr verbreitet sind», sagt Wickord. «In Befragungen erinnern sich die allermeisten Erwachsenen an mindestens ein Medienerlebnis aus der Kindheit, das sie nachhaltig geängstigt hat.»

Welche Kinder reagieren besonders empfindlich?

Das hängt laut Wickord sowohl vom Alter als auch von der individuellen Empfindlichkeit ab. Jüngere Kinder bis etwa zum Grundschulalter reagierten vor allem auf das, was sie sehen, und könnten Fiktion und Realität noch nicht sicher auseinanderhalten.

Ältere Kinder und Jugendliche durchschauten Inszenierungen besser, könnten sich aber vor Videos fürchten, die wie echte Aufnahmen wirkten. Auch ängstlichere Kinder, Kinder mit belastenden Vorerfahrungen oder in unsicheren Lebensphasen könnten stärker und länger reagieren. Ein pauschales Alter, ab dem Gruselvideos unbedenklich seien, lasse sich deshalb nicht nennen.

Können Gruselvideos auch positive Effekte haben?

Ja, wenn die Angst freiwillig und in einem sicheren Rahmen erlebt wird. Wer sich bewusst wiederholt gruseln lasse, könne sich an den Reiz gewöhnen und das Gefühl entwickeln, die Situation bewältigt zu haben, erklärt Wickord. Studien zum sogenannten Freizeitgrusel deuteten darauf hin, dass dosierte, selbstgewählte Angst beim Umgang mit Emotionen helfen könne. Anders sei es, wenn Kinder ungefragt immer wieder ähnliche Videos angezeigt bekämen oder allein vor dem Einschlafen schauten. Dann könne sich die Angst eher verfestigen.

Wann sollten Eltern aufmerksam werden?

Ein kurzer Schreck mit Herzklopfen, der nach wenigen Minuten abklinge, sei eine natürliche Reaktion, sagt Wickord. Auch unruhige Nächte oder Bilder, die noch einige Tage im Kopf blieben, könnten eine Reaktion auf das Gesehene sein. Wenn die Angst über Wochen anhalte oder den Alltag einschränke, sollten Eltern genauer hinschauen. Anzeichen könnten wiederkehrende Albträume, Einschlafprobleme, die Angst vor Dunkelheit oder dem Alleinsein sowie das Meiden bestimmter Orte oder Situationen sein. Auch wenn sich Bilder ungewollt immer wieder aufdrängten, könne das ein Warnsignal sein.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind Angst hat?

Wichtig sei, zuzuhören und die Angst ernst zu nehmen, rät Wickord. Eltern könnten gemeinsam mit dem Kind überlegen, was jetzt guttue – etwa Nähe, Ablenkung oder ein kleines Licht beim Einschlafen. Auch der Medienkompetenz-Experte Bregenzer empfiehlt, ruhig zu bleiben und Kindern zu erklären, dass manche Inhalte nur dazu dienten, andere zu erschrecken. Eltern sollten vermeiden, dass Kinder aus Angst vor Ärger oder einem Handyverbot ihre Erlebnisse verschweigen.

Vorbeugend helfen laut Bregenzer eine altersgerechte Nutzung von Internetdiensten und eine Begleitung jüngerer Kinder. Bei TikTok dürfe ein Account beispielsweise erst ab 13 Jahren angelegt werden. Eltern könnten außerdem mit ihren Kindern darüber sprechen, wie soziale Netzwerke funktionieren und dass Inhalte gezielt Aufmerksamkeit erzeugen sollen – auch durch Angst oder Schock.

Was sollten Kinder und Jugendliche tun, wenn sie auf verstörende Videos stoßen?

Sie sollten die Inhalte nicht weiterleiten oder teilen – auch nicht, um andere zu warnen, sagt Bregenzer. Videos könnten bei den Plattformen gemeldet werden. Nutzer könnten zudem angeben, dass ihnen bestimmte Inhalte nicht gefielen, damit ihnen ähnliche Beiträge künftig möglichst nicht mehr angezeigt würden. Auch die Meldestellen jugendschutz.net und internet-beschwerdestelle.de nähmen Hinweise entgegen.

Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz rät ebenfalls dazu, bedrohlich wirkende Inhalte ernst zu nehmen, sie aber nicht durch Likes, Kommentare oder Weiterleitungen weiterzuverbreiten. Hilfreich könne es sein, einen Screenshot zu sichern und Angaben zum Account, zur Plattform sowie zu Datum und Uhrzeit festzuhalten. Bei konkreten Drohungen oder Hinweisen auf eine mögliche Gefahr solle die Polizei informiert werden.

© dpa-infocom, dpa:261031-930-921638/1

Ressort und Schlagwörter

Freizeit

Top-News aus der Region