Taktangeber bei einer Kultband
Der «Skandal»-Trommler: Wie aus Waschmittel Rock'n'Roll wird
Aufzeichnung der ARD-"Silvestershow" in Offenburg
Andreas Keller (r) rockt mit den Spider-Gründungsmitgliedern Sigl (l) und Murphy (M). (Archivbild)
Philipp von Ditfurth. DPA

Mit 21 in die USA - mit 49 zur Spider Murphy Gang: Andreas Keller führt ein bewegtes Musikerleben. Nächstes Jahr wartet ein großes Jubiläum.

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Rodalben/Landshut (dpa/lrs) – Er hat auf Waschmittelpackungen getrommelt und mit 21 den Sprung nach Amerika gewagt. Heute sitzt Andreas Keller hinter dem Schlagzeug einer deutschen Rock'n'Roll-Institution. Wenn die bayerische Kultband Spider Murphy Gang («Skandal im Sperrbezirk») die Hallen zum Kochen bringt, ist es der 59-Jährige aus Rheinland-Pfalz, der den Takt vorgibt.

«Ich höre jeden Tag Musik, ich kann ohne Musik nicht leben», sagt Keller im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Sein Lebensmittelpunkt ist inzwischen Landshut. Doch der Südwesten lässt ihn nicht los. Immer wieder kehrt er in die Kurpfalz zurück. Vielleicht hat sich auch deshalb ihr weicher Dialekt bei ihm gehalten.

Das besondere Jahr 2027

2027 dürfte für Keller besonders laut werden: Die «Spiders» feiern ihr 50-jähriges Bestehen. Dabei beginnt seine Karriere nicht mit einer Gitarre, einem Schlagzeug oder einer Bühne. Sondern mit Briefmarken in Rodalben.

Als Kind sammelt Keller in der Pfalz die gezackten kleinen Kunstwerke. Bis er eines Tages Keith Moon im Fernsehen sieht, den legendären Schlagzeuger von The Who. Wild, explosiv, völlig außer Kontrolle. «Diese Energie, das war toll», erinnert er sich. Die Briefmarken haben plötzlich Konkurrenz.

Keller baut sich aus Waschmitteltrommeln sein erstes Schlagzeug und schnitzt sich dazu Stöcke. Das Problem: Sein Elternhaus steht auf einem Hügel, der Lärm trägt durch ganz Rodalben. «Es hat eine Unterschriftenaktion gegen mich gegeben», erzählt Keller und lacht.

Von Koblenz nach Kalifornien

Sein Vater, der bekannte Kunstmaler Klaus Heinrich Keller (1938-2018), will den Sohn weiter trommeln lassen. Andreas zieht in den Keller, kleidet den Raum mit Schaumstoff aus – und spielt und spielt und spielt.

Erste Bands folgen. Vor seinem Premierenkonzert ist Keller «wahnsinnig nervös». Dieses Gefühl möchte er nach dem Auftritt wiederhaben – immer und immer wieder. «Wenn du mit guten Musikern auf der Bühne stehst, ist es wie Fliegen.» Irgendwann werde das Spielen «wie eine Meditation».

Mit 14 wird Keller bei einem Nachwuchswettbewerb in Koblenz Vierter. Er will Musik studieren, doch Köln und Hamburg klappen nicht. Dann kommt die Zusage für eine Musikschule in Los Angeles. Das Geld dafür verdient er sich in Fabriken. Schließlich hebt er mit zwei Koffern ab. 21 Jahre alt. Ziel: Kalifornien.

Rocken für Thomas Gottschalk

Dort erlebt er eine andere Musikwelt. Lehrer wie Jeff Porcaro, später einer der berühmtesten Studio-Schlagzeuger, reißen ihn mit. «Das ist wie ein Tsunami.» Nach gut einem Jahr kehrt Keller zurück. Aber musikalisch bleibt er unterwegs.

Jazz, Rock, afrikanische, brasilianische und türkische Musik: Keller spielt, was ihm vor die Sticks kommt. Studio, Bühne, Fernsehen – Hauptsache, es groovt. «Ich glaube, es waren mehr als 500 Bands, wo ich gespielt oder es ausprobiert habe.» Nicht alles davon füllt den Kühlschrank. Soll es auch nicht. «Es muss nicht alles lukrativ sein, damit es sich gelohnt hat.»

Über Filmmusik und Studiojobs führt sein Weg in die Thomas-Gottschalk-Late-Night-Band und in die Münchner Musikszene. Am Rande einer Gala trifft er Barny Murphy und Günther Sigl von der schon damals berühmten Spider Murphy Gang. «Da hat es gleich gefunkt.» Zwei Wochen später kommt der Anruf: «Hast du Lust zu spielen?» Keller sagt Ja. Zehn Jahre ist das jetzt her.

Der Blick aus dem Autofenster

Für seinen Einstieg lernt er 50 Songs, 30 schaffen es ins Repertoire. Dabei will Keller keinen Schnitt machen, sondern den Sound bewahren. «Ich wollte auch aus Respekt keinen Bruch haben zwischen meinem Vorgänger und der Band.»

Längst ist der Junge aus Rodalben, der einst auf Waschmitteltrommeln loslegte, Teil einer Bandgeschichte, die im kommenden Jahr ein halbes Jahrhundert Rock'n'Roll umfasst. Trotzdem genügt ein Blick aus dem Autofenster, um den langen wilden Weg auf Anfang zu drehen. «Wenn ich auf der A8 den Pfälzerwald sehe», sagt Keller, «weiß ich: Jetzt bin ich daheim.»

© dpa-infocom, dpa:260905-930-636396/1

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