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    Mainz

    Umweltschützer sind gegen Ausbau der A 643

    Seit die Schiersteiner Brücke gesperrt ist, ist der Ärger über die Planungen auf rheinland-pfälzischer Seite groß: Ein Naturschutzgebiet verhindert bisher den sechsspurigen Ausbau der anschließenden Autobahn, lautet einer der gern erhobenen Vorwürfe. Wir haben die Naturschützer im Mainzer Sand besucht.

    Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

    Foto: dpa

    "Der sechsspurige Ausbau ginge da unten bis an die Pfähle", sagt Jürgen Weidmann und zeigt von der Brücke hinab auf die Autobahn. "Die Böschungen müssten weg, die Bäume auch. Das wären fünf Meter weniger, und das auf vier Kilometer Länge." Wir stehen auf der Brücke über die Autobahn 643 - und damit eigentlich mitten in einem Naturschutzgebiet. Die Autobahn führt zur Schiersteiner Brücke, die nach einem Bauunfall seit Wochen voll gesperrt ist. Am 13. April soll sie, wenn alles glattläuft, zumindest wieder für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen geöffnet werden. Morgen will man bei einer Probebelastung testen, ob die Reparatur gelungen ist. Weitere Details wollen die Experten am Samstag verkünden.

    Doch die Autobahn führt eben auch durch den Mainzer Sand, ein einmaliges Biotop von Pflanzen und Tieren. Der Boden unter den Füßen ist tatsächlich reiner Sand, es sieht aus wie am Strand, irgendwo am Mittelmeer. "Wir hatten hier früher in Bewegung befindliche Dünen", sagt Weidmann, Sprecher eines Bündnisses, das sich 2011 wegen der Ausbaupläne gründete und den Namen trägt "Nix in den (Mainzer) Sand setzen".

    Vor rund 11 500 Jahren wehte der Wind vom Rhein aus Sand hierher auf die Höhe, riesige Dünen entstanden, die bis Ingelheim reichten. Doch das Wandern der Dünen ist Vergangenheit, heute ist der Sandboden mit niedrigen Pflanzen bewachsen, so seltene Arten wie das blau-grüne Schillergras und die Sandlotwurz sind darunter. Es ist eine karge Landschaft, deren Charme sich nur langsam erschließt: wenige Bäume, viel niedriges Gewächs, ein paar windschiefe Kiefern. "Die Pflanzenwelt hier ist in ihrer Zusammensetzung einzigartig", erklärt Weidmann. Im Mainzer Sand treffen sich Arten aus den Steppen im Osten, vom Mittelmeerraum und von der Atlantikküste.

    Dem Bündnis um Weidmann gehören Naturschutzverbände an, aber auch Parteien und Kirchen, selbst die Stadt Mainz ist Mitglied. Seine Ziele sind besserer Verkehrsfluss, Lärmschutz für die Anwohner und der Erhalt der Natur. "Unser Ziel war immer, nicht klagen zu müssen, sondern einen Kompromiss zu finden", sagt Weidmann, "gerade um schnelle Planungen zu ermöglichen."

    Blick auf ein Naturschutzgebiet: Der sechsspurige Ausbau der A 643 - im Bild rot markiert - würde erhebliche Flächen kosten und den Mainzer Sand gefährden. Davon ist Jürgen Weidmann vom Bündnis "Nix in den (Mainzer) Sand setzen" überzeugt.  Foto: Gisela Kirschstein
    Blick auf ein Naturschutzgebiet: Der sechsspurige Ausbau der A 643 - im Bild rot markiert - würde erhebliche Flächen kosten und den Mainzer Sand gefährden. Davon ist Jürgen Weidmann vom Bündnis "Nix in den (Mainzer) Sand setzen" überzeugt.
    Foto: Gisela Kirschstein

    So schlug das Bündnis bei einem runden Tisch breitere Abfahrten und Flüsterasphalt vor - und die "4+2"-Lösung: Einen Ausbau der Autobahn auf vier reguläre Spuren plus zwei Standspuren, die in Stoßzeiten als dritte Spur dienen können. "Den Vorschlag haben wir vom Bundesverkehrsminister", sagt Weidmann verschmitzt, der Bund habe diese Lösung selbst auf 350 Kilometern verwirklicht, das sei "keine grüne Spinnerei".

    Die A 643 ist eine typische Pendlerautobahn mit viel Verkehr in den Stoßzeiten. Von den rund 90 000 gezählten Fahrzeugen täglich nutzen Untersuchungen zufolge etwa 20 000 Fahrzeuge die Schiersteiner Brücke lediglich als Verbindung zwischen den Rheinseiten. Gegen den Ausbau der Brücke war das Bündnis nie. Doch eine sechsspurige Autobahn durch den Sand sei einfach nicht nötig, bedrohe aber die einzigartige Natur. "Wir haben hier nur noch ein Restgebiet", sagt Weidmann, der Sand schrumpfe seit Jahrzehnten durch Baugebiete auf derzeit 134 Hektar Fläche, sichtbarstes Beispiel sind die gewaltigen Hochhäuser der "Elsa", ein Wohngebiet im nahen Stadtteil Gonsenheim.

    Jetzt sorgen noch Böschungen entlang der Autobahn für einen Puffer gegen Sprühnebel der Scheibenwischer und Salzrückstände im Winter, dieser Puffer aber werde bei einem Ausbau in den Sand verlagert. Würden nun auch noch acht Meter hohe Lärmschutzwände gebaut, könne das Windströme zum Erliegen bringen, das ökologische Gleichgewicht kippen, fürchtet Weidmann.

    Dass der Bund nun den sechsspurigen Ausbau der Autobahn einfach verfügte, macht den Naturschützer wütend: "Der Bundesverkehrsminister hat nie mit uns geredet, war nie hier, aber entscheidet: Das ist alles dummes Zeug", kritisiert Weidmann. Wird das Bündnis nun klagen? "Vielleicht", sagt Weidmann vorsichtig, erst müsse man die Pläne sehen. Er weiß, dass die genervten Autofahrer erbost reagieren dürften, wenn sich der Ausbau wegen des Streits um das Naturschutzgebiet weiter verzögern würde. Doch er betont: "Wir sind nicht die Verhinderer, wir waren immer als Mutbürger unterwegs." Und sagt dann noch: "Den Mainzer Sand, den kann man nicht einfach umsiedeln."

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