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Mainz/Raunheim

Ultrafeinstaubschleuder Flughafen – Ist in Mainz und Umgebung Gefahr im Verzug?

Gisela Kirschstein

Atmen Anwohner rund um Flughäfen jedes Jahr das Zigfache der Silvesterbelastung an Ultrafeinstaub ein? Ja, sagen Experten der Initiative gegen Fluglärm in Mainz und berufen sich auf Messungen des Landes Hessen in der Umgebung des Frankfurter Flughafens: Die Werte seien exorbitant hoch, hier sei „Gefahr im Verzug“ – Bevölkerung und Mediziner müssten dringend gewarnt werden.

Während regulärer Feinstaubwert, der durch Straßenverkehr verursacht wird, bei 10 000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft liegt, zeigen Messungen in einem Wohngebiet am Frankfurter Flughafen bis zu 145.000 Partikel. Das schade dem Organismus, warnen Experten der Mainzer Initiative gegen Fluglärm.
Während regulärer Feinstaubwert, der durch Straßenverkehr verursacht wird, bei 10 000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft liegt, zeigen Messungen in einem Wohngebiet am Frankfurter Flughafen bis zu 145.000 Partikel. Das schade dem Organismus, warnen Experten der Mainzer Initiative gegen Fluglärm.
Foto: dpa/RZ

Es war kurz vor Silvester, als Experten des Umweltbundesamtes vor wahren Feinstaubexzessen warnten: Ausgelöst durch Silvesterfeuerwerk, würden rund 4000 Tonnen giftigen Feinstaubs freigesetzt, das seien 15 Prozent der Menge, die Autos und Lkw im ganzen Jahr erzeugen, schlugen die Experten Alarm. „In Raunheim“, sagt Wolfgang Schwämmlein, „haben die Bewohner praktisch jeden zweiten Tag Silvester – und zwar in dreifacher Höhe und über Stunden hinweg.“ In Raunheim steht die Messstation des Hessischen Landesamtes für Umwelt. Hier wird seit Herbst 2015 nicht nur Feinstaub gemessen, sondern auch Ultrafeinstaub: ultrafeine Partikel, die kleiner als 100 Nanometer sind. Sie entstehen primär bei Verbrennungsprozessen im Verkehr und in der Industrie, aber auch in Triebwerken von Flugzeugen. Und was hier herauskommt, ist 1000-mal kleiner als „normaler“ Feinstaub.

Weil die Staubteilchen auch ultraleicht sind, bleiben sie schwebend in der Luft – und können vom Menschen eingeatmet werden. Wegen ihres fehlenden Gewichts werden ultrafeine Partikel gezählt, einen Grenzwert für sie gibt es nicht. Ein regulärer Wert etwa durch Straßenverkehr liegt bei 10.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft. „Während des Landeanflugs über Raunheim lagen die hier gemessenen Konzentrationen an ultrafeinen Partikeln im Jahr 2017 selten unter 20.000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft, in Hochzeiten waren es sogar mehr als 145.000 Partikel“, berichtet Joachim Alt. Er ist gelernter Nachrichtentechniker, gemeinsam mit Schwämmlein hat er bereits im Herbst 2015 deutlich erhöhte Konzentrationen von Ultrafeinstäuben rund um den Frankfurter Flughafen gemessen. Schwämmlein ist Diplom-Ingenieur und Werkstoffwissenschaftler, arbeitete lange in der Auftragsforschung, etwa bei Asbeststudien für das Umweltbundesamt.

Die Mahner: Joachim Alt (links) und Wolfgang Schwämmlein warnen vor dem Ultrafeinstaub, der sogar in die Blutbahn dringt. Foto: Gisela Kirschstein
Die Mahner: Joachim Alt (links) und Wolfgang Schwämmlein warnen vor dem Ultrafeinstaub, der sogar in die Blutbahn dringt.
Foto: Gisela Kirschstein

Nun haben die beiden Experten der Mainzer Initiative gegen Fluglärm die Messdaten aus Raunheim für das Jahr 2017 unter die Lupe genommen, detailliert und im Fünf-Sekunden-Protokoll. Die Ergebnisse schockieren sie: „Die Werte sind erschreckend hoch, da ist Gefahr im Verzug“, warnt Alt. „Wir erreichen hier an ganz normalen Flugtagen Werte, die zweifach oder dreifach über der Silvesterbelastung liegen, und zwar über viele Stunden hinweg.“

Zwischen 20.000 und 100.000 Partikel seien an der Tagesordnung, sagt Alt, das zeigten die offiziellen Messkurven. Zum Vergleich: In der ersten halben Stunde nach Silvester 2016/17 registrierten die Messgeräte in Raunheim einen Mittelwert von rund 46.000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. 568-mal sei dieser Silvesterwert im Lauf des Jahres 2017 in Raunheim überschritten worden – einzelne Spitzenwerte reichten sogar bis zu 500.000 Partikel, sagt Alt: „Ich bin sicher, wenn Menschen das Einatmen, dass das zu gesundheitlichen Folgen führt.“ Bereits ein einzelnes Partikel könne Auslöser von schwersten Krankheiten sein, „bei 500.000 Partikeln hat der Organismus sofort Stress“, behauptet Alt.

Wissenschaftler bestätigen das: „Erhöhte Konzentrationen von ultrafeinen Partikeln, etwa im dichten Straßenverkehr, führten bereits nach fünf Minuten bei den Probanden zu einer veränderten Herzvariabilität“, schreibt Annette Peters, Leiterin des Forschungsbereichs Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum in München in einer Studie im Jahr 2015. Feinstaub dringt in Bronchien und Lungenbläschen ein, Ultrafeinstaub hingegen gelangt sogar bis ins Lungengewebe und in den Blutkreislauf, weiß man auch beim Umweltbundesamt. Die Folgen: Schleimhautreizungen, lokale Entzündungen in der Luftröhre, den Bronchien oder den Lungen und sogar Herzinfarkt durch Arterienverstopfung.

Doch wieso sollte der Flugverkehr die Ursache für die Raunheimer Werte sein? Die Messstation liegt direkt am Hallenbad, in 400 Meter Höhe überqueren hier die Flieger beim Landeanflug den Ort. „Das ist eine schlichte Wohngegend mit wenig Anwohnerverkehr“, sagt Schwämmlein: „Es gibt keinen anderen Verursacher, der morgens um 5 Uhr den Betrieb aufnimmt.“ Denn morgens, mit Beginn des Flugbetriebs, „gehen die Werte schlagartig hoch, mit Drehung der Abflugrichtung sinken sie sofort“, erklärt Alt. Und die Belastung halte genau während der 19 Stunden Betriebszeit auf dem Flughafen an. „Es gibt immer eine deutliche Korrelation zum Flugbetrieb“, ergänzt Schwämmlein.

Das könnte auch Auswirkungen auf andere Flughäfen haben, am 17. April findet zum Thema Ultrafeinstaub im Umfeld von Großflughäfen ein Workshop des Umweltbundesamtes in Bonn statt – auf der Grundlage der Frankfurter Messungen. Das Landesumweltamt Hessen sieht bisher keine Gefahr und spricht von ganzen 16.700 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. „Das Landesamt für Umwelt bildet Jahresmittelwerte“, sagt Schwämmlein, dabei würden Tage mit Flugbelastung und Tage ohne Flugbelastung einfach gegengerechnet. „Die Konsequenzen für den Menschen aber liegen im Minutenbereich“, sagt er, „was ergibt dann ein Jahresmittelwert für einen Sinn?“ Schwämmlein und Alt fordern nun, die Politik dürfe das Problem nicht länger herunterspielen, die Menschen in den Einflugschneisen des Flughafens müssen aufgeklärt, Mediziner über die Werte informiert werden. Wenn Behörden schon vor Belastungen von 46.000 Partikeln warnten, dann seien Messwerte von 100.000 Partikeln „eine Riesendimension“, betont Schwämmlein: „Das muss zum sofortigen Handeln zwingen.“

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

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