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Berlin/Koblenz

Studie der Hochschule Koblenz: Jugendämter sind extrem überlastet

Zu wenig Personal für zu viele Fälle, ein zu hoher Dokumentationsaufwand, zu kurze Einarbeitungszeiten und eine unzureichende Ausstattung – um Deutschlands Jugendämter scheint es nicht gut bestellt. Diesen Schluss legt zumindest eine bundesweite repräsentative Studie der Hochschule Koblenz nahe, die in Berlin präsentiert wurde.

Foto: dpa/jo

„Man kann überrascht sein, wie viel überhaupt noch gut läuft“, sagte Kathinka Beckmann, Professorin für klassische und neue Arbeitsfelder der Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz, im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie hat gemeinsam mit ihrem Forscherteam im Auftrag des Jugendamtes Berlin Mitte erstmals die Situation der Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) innerhalb der Jugendämter analysiert. Er soll Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch schützen. 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern wurden befragt. Die Ergebnisse sind beunruhigend.

Vielfach haben die Sozialpädagogen in den Jugendämtern laut Studie überhaupt keine Zeit, um sich angemessen um hilfsbedürftige Kinder und ihre Eltern zu kümmern. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst/Kommunaler Sozialer Dienst erachtet 35 laufende Fälle pro Vollzeitmitarbeiter als angemessen – in Wirklichkeit liegen die Fallzahlen viel höher. „Meist lagen die Zahlen zwischen 50 und 100 Fällen pro Mitarbeiter, in Ausnahmen auch weit über 100“, erklärt Beckmann. Bei den Befragten in rheinland-pfälzischen Jugendämtern war zwischen 60 und 90 Fällen alles dabei. „Die Unterschiede zwischen den Kommunen sind wahnsinnig groß.“ Häufig könnten bundesweit die betroffene Mitarbeiter des ASD nur „Feuerwehrarbeit machen statt aktiv in professionelle, pädagogische Arbeit einzusteigen“, warnt die Professorin.

Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz
Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz
Foto: Dietmar Guth

Neben den zu hohen Fallzahlen kritisieren Studienteilnehmer fast ausnahmslos den gestiegenen Dokumentationsaufwand als problematisch. Zwei Drittel ihrer Zeit sind die befragten ASD-Fachkräfte damit beschäftigt. Zeit, die im Notfall für wichtige Gespräche mit Kindern und Eltern fehlt, beispielsweise für Hausbesuche. Doch auch hier ist die Zeit begrenzt: 58 Prozent der befragten Mitarbeiter der Jugendämter verbringen demnach maximal eine Stunde bei solchen Hausbesuchen in den Familien.

Vielfach fehle es den Mitarbeitern auch an geeigneten Räumlichkeiten für notwendige Gespräche. Ein Drittel der Fachkräfte hat zudem keine Einarbeitungszeit erfahren – sie mussten unmittelbar und ohne Erfahrung beispielsweise entscheiden, ob ein Kind aus einer Familie genommen wird. „Das ist alles andere als qualitative, professionell pädagogische Arbeit.“

Derzeit gibt es in Deutschland 13 355 ASD-Fachkräfte, Beckmann fordert 16.000 zusätzlich, „um über angemessene, professionelle Maßstäbe zu sprechen“. Doch häufig scheitert die Einstellung von neuem Personal an der finanziellen Ausstattung der Kommunen. 54 Prozent der befragten ASD-Fachkräfte gaben an, dass sie sich und ihr Handeln abhängig von der kommunalen Finanzlage fühlen. Nicht zuletzt deswegen mahnt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, dass „Kinderschutz nicht auf Kosten von Spardiktaten vernachlässigt werden darf“.

Für Fabian Kirsch, Geschäftsführer des rheinland-pfälzischen Städtetages, gibt es hierfür allerdings keine Anzeichen in Rheinland-Pfalz. „Das Kindeswohl muss immer an erster Stelle stehen.“ Die Jugend- und Sozialausgaben würden in vielen Kommunen mehr als die Hälfte des Sozialbudgets ausmachen, mit stetig steigender Tendenz. Für Kathinka Beckmann gehört die finanzielle Verantwortung für den Kinderschutz unterdessen nicht in die Hände der Kommunen, sondern in die Zuständigkeit des Bundes. „Kinderschutz ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe“, findet sie. Andreas Egenolf

Rheinland-Pfalz
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