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Rheinland-Pfalz

Marlon Bröhr: Der Joker der CDU

Opposition ist Mist: Das hat der frühere SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering einmal gesagt. Wenn dieser Satz wahr ist, dann hat die rheinland-pfälzische CDU inzwischen genug Vorräte, um sämtliche Felder des Landes zu düngen. Zumindest, wenn man seinen Fokus auf die Landespartei richtet. Denn seit mehr als einem Vierteljahrhundert gewinnt die SPD alle Landtagswahlen und regiert in der Staatskanzlei ungeniert vor sich hin.

Kann er die CDU aus dem landespolitischen Tal führen? Zwar fehlt es dem Hunsrücker Landrat (noch) an einer starken parteipolitischen Basis – aber das nötige Selbstbewusstsein und die Strahlkraft für größere Aufgaben bringt er mit.  Foto: dpa
Kann er die CDU aus dem landespolitischen Tal führen? Zwar fehlt es dem Hunsrücker Landrat (noch) an einer starken parteipolitischen Basis – aber das nötige Selbstbewusstsein und die Strahlkraft für größere Aufgaben bringt er mit.
Foto: dpa

2021 dürfte die CDU erneut einen Anlauf nehmen, die rote Festung am Mainzer Rheinufer zu erstürmen. Doch wer soll die schwarzen Truppen anführen? Partei- und Fraktionschefin Julia Klöckner hat zuletzt einen sicher geglaubten Sieg in den Sand gesetzt. Bereits ihre zweite Niederlage. Ihre erneute Spitzenkandidatur ist kein Selbstläufer, das weiß sie selbst. Parteien sind Interessensverbände, um Inhalte durchzusetzen und die eigene Klientel mit Posten und Perspektiven auszustatten. Das geht nur, wenn man regiert. Daher dürfte ein gewisser Selbsterhaltungstrieb der CDU dafür sorgen, nur mit einem Kandidaten ins Feld zu ziehen, der Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) wirklich schlagen kann. Das ist schwer genug.

Könnte der Hunsrücker Landrat Marlon Bröhr ein solcher Mann sein? Niemand hat ihn derzeit sonderlich auf dem Zettel. Das hat einen Grund. Denn sollte Julia Klöckner tatsächlich als Bundesministerin nach Berlin gehen, sind zunächst andere Fragen zu klären als die Spitzenkandidatur. Ein neuer CDU-Fraktionschef müsste her. Der geborene Kandidat wäre Fraktionsvize Christian Baldauf, der sich als konservatives Aushängeschild zu profilieren versucht. Hinter ihm hätte auch Adolf Weiland, ebenfalls ein Fraktionsvize, Chancen. Marlon Bröhr könnte allenfalls nach dem Parteivorsitz greifen, wenn Julia Klöckner ihn nicht erst einmal behalten wollte, um ihre rheinland-pfälzische Machtbasis nicht ganz zu verlieren. Doch selbst wenn Klöckner das Amt der Parteichefin abgegeben würde, bliebe Bröhr außen vor. Platzhirsche wie Baldauf, Weiland oder Generalsekretär Patrick Schnieder stünden weit vor ihm. Politiker dieses Formats haben Hausmacht in der Partei. Marlon Bröhr hat (noch) keine.

Der Hunsrücker Landrat ist der klassische Typ für eine Urwahl. So wurde der gelernte Zahnarzt Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kastellaun. Und auf diese Weise schaffte er es, im Büro des Rhein-Hunsrück-Landrats auf dem Chefsessel Platz zu nehmen. Bröhr ist selbstbewusst genug, um auf Landesebene (der nächsten Stufe) nach einem Parteivorsitz oder einer Spitzenkandidatur zu greifen. Er hat Strahlkraft, ist unprätentiös, unkonventionell, prinzipientreu – ein Menschenfänger. Er könnte Außenseiterchancen haben, als Kandidat jenseits der Parteihierarchie. Für solche Charaktere öffnen sich zuweilen Zeitfenster, in denen genau ihr Typ gefragt ist. Bröhr käme entgegen, wenn ein CDU-Spitzenkandidat 2019 oder 2020 per Urwahl bestimmt würde. Bei den Funktionären hat er eher schlechte Karten. Bislang jedenfalls.

Im Hunsrück regiert Bröhr, der für eine sparsame Haushaltspolitik steht, unangefochten. Seine Partei stützt ihn. Die SPD-Opposition ist so gefährlich wie ein schnurrendes Kätzchen. Nicht einmal die Tatsache, dass er die Mittelrheinbrücke quasi im Alleingang versenkte, konnte ihm nachhaltig schaden. Die Landes-CDU stärkte ihm den Rücken. Bröhr zog durch.

Die Rolle des Brückenbauers nahm er selten ein. Eher die des unbeugsamen Kämpfers, der einer einmal gewonnenen Erkenntnis eisern folgt. Dass dabei auch Eitelkeit im Spiel ist, dürfte er sich selbst eingestehen. Bröhr ist zur Selbstironie fähig. Bekannt hat ihn nicht nur die Mittelrheinbrücke gemacht, sondern auch sein Auftritt auf dem CDU-Landesparteitag Ende 2016. Hier forderte er die Partei-Oberen offen heraus, indem er gegen alle regionalen Absprachen für den Landesvorstand kandidierte. Seine Ansprache geriet am Ende etwas selbstverliebt. Sein unerschrockener Auftritt machte dennoch Furore. Die Landes-CDU hat wenig Politiker mit Mumm.

Bröhrs Schwäche ist, dass er kaum in der Partei verankert ist. An den vielen Tischen der Macht, fehlt seine Stimme. Landespolitik macht er nur in der Runde der Landräte. Aber auch mit Gastauftritten in Gemeindeverbänden oder – wie jüngst – auf JU-Parteitagen zeigt er Präsenz. Er arbeitet an seinem Rückhalt an der Basis. Jemand wie Bröhr denkt stets über das Amt, das er ausübt, hinaus. „Wenn ich mich für etwas anders interessiere, dann nur für etwas, von dem ich Ahnung habe, also für die Landespolitik“, sagt er. Bröhrs Vorteil: Er kann kann warten. Er muss nichts werden; er ist schon etwas. Im Machtspiel der CDU gilt er allenfalls als Joker. Manchmal geben sie den Ausschlag.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück

Daten und Fakten zu Marlon Bröhr

Marlon Bröhr, im April 1974 geboren, ist seit dem 3. Mai 2015 Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises. Der verheiratete CDU-Politiker (zwei Kinder) lebte eine Weile in den USA und studierte in Aachen von 1993 bis 1998 Zahnmedizin.

2003 zog Bröhr mit seiner Familie nach Kastellaun, wo er mit seiner Frau eine eigene Zahnarztpraxis betrieb. 2007 wurde er zum Verbandsbürgermeister der Verbandsgemeinde Kastellaun und 2009 zum Stadtbürgermeister von Kastellaun gewählt. Beide Ämter behielt er bis 2014. Bei der Landratswahl am 28. September 2014 wurde er mit 68,7 Prozent zum neuen Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises gekürt. Er folgte auf Bertram Fleck (CDU). Bröhr ist zwar in der CDU, aber kein ausgeprägter Parteigänger. Seine Amtszeit als Landrat beträgt acht Jahre.

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