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    Berlin

    Kurt Beck kümmert sich um Angehörige: Staat soll Terroropfern mehr zahlen

    Zwölf Menschen starben, fast 70 wurden schwer verletzt, als der Terrorist Anis Amri einen Lkw mit voller Absicht in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz steuerte. Erst vier Monate später nahm der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck seine Arbeit als Opferbeauftragter der Bundesregierung auf. Ein Interview über schlaflose Nächte und den Umgang mit dem Terror.

    Gedenken an die Terroropfer vom Berliner Breitscheidplatz: Der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, kümmert sich seit März um die trauernden Angehörigen. Foto: dpa
    Gedenken an die Terroropfer vom Berliner Breitscheidplatz: Der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, kümmert sich seit März um die trauernden Angehörigen.
    Foto: dpa

    Wie geht es den Angehörigen und Überlebenden des Terroranschlags heute?

    "Leute haben teilweise tagelang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen bei den Verletzten oder bei den Toten sind", sagt der Opferbeauftragte Kurt Beck.
    "Leute haben teilweise tagelang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen bei den Verletzten oder bei den Toten sind", sagt der Opferbeauftragte Kurt Beck.
    Foto: picture alliance

    Sehr unterschiedlich. Ich war beim Vater eines verstorbenen jungen Mannes. Da kam dann im Gespräch all diese Not und das Elend, das die Menschen über den Verlust empfinden, zum Ausdruck. Ich habe Menschen erlebt, die fast psychisch zusammengebrochen sind. Die Betroffenheit ist natürlich bei allen groß.

    Wie geht man damit um, wenn ein naher Angehöriger Opfer eines Anschlags wird?

    Wenn man ein Kind verliert oder eine junge Frau beide Eltern verliert oder ein Angehöriger für immer schwerstbehindert bleiben wird, kann man so etwas nie verarbeiten. Man muss lernen, damit zu leben. Dafür therapeutische Hilfe zu organisieren, betrachte ich auch als meine Aufgabe.

    Wollen die Angehörigen überhaupt von staatlicher Seite betreut werden?

    Es nutzen fast alle. Natürlich bricht auch einmal etwas aus jemandem heraus, und der Staat wird angegriffen, weil er keine Sicherheit gewähren konnte. Aber mit fast allen hatten wir immer wieder Kontakt und ein großes Vertrauensverhältnis.

    Hat man sich von Anfang an genug um die Betroffenen gekümmert?

    Wir waren von der Situation nach dem Anschlag überrumpelt. In meinem Schlussbericht wird es dazu auch sehr konkrete Vorschläge geben, wie man sich besser auf die Bedrohung durch Terror vorbereiten kann. Man hat sich von Anfang an bemüht. Berlin hat einen Opferbeauftragten benannt, der sich unglaublich gekümmert hat. Aber es waren eben auch viele Menschen von anderswoher betroffen. Es wäre besser gewesen, unmittelbar nach dem Anschlag eine zentrale Anlaufstelle mit einem Opferbeauftragten zu haben. Als ich im März das Amt übernahm, hatte sich doch manches schon verfestigt.

    Wie konnte man überrumpelt sein, nachdem man über Monate von einer hohen Terrorgefahr ausging?

    Theoretisch waren wir vorbereitet, aber dann vor der Situation zu stehen, dass jemand auf einem Weihnachtsmarkt Menschen mit einem Lkw niederwalzt, ist doch etwas anderes. Natürlich entsteht erst mal Chaos. Man wusste ja zuerst auch nicht, ob es einen weiteren Anschlag gibt, ob Sprengstoff im Laster ist. Das war keine einfache Situation für die Polizei und die Rettungskräfte. Das muss aufgearbeitet und für die Zukunft geübt werden. Es war auch schwer, die Menschen zu identifizieren. Leute haben teilweise tagelang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen bei den Verletzten oder bei den Toten sind. Das kann man rückwirkend alles nicht mehr ändern, aber man kann Lehren daraus ziehen.

    Wie kann man sich besser vorbereiten?

    Wir brauchen dauerhafte Strukturen mit hervorragenden Mitarbeitern beim Bund und bei den Ländern. Nicht hauptamtlich, aber so, dass sie im Ernstfall sofort bereitstehen. Wenn es einen Anschlag gibt, sollte rasch ein Opferbeauftragter ernannt werden, der dann auf diese Strukturen zurückgreifen kann.

    Wie lange wollen Sie noch im Amt bleiben?

    Man kann das nicht auf Dauer machen. Ich konnte nach den Treffen oft nachts nicht schlafen, wenn am Tag zuvor jemand seinen ganzen Schmerz herausgeschrien hat. Es reißt einen seelisch mit. Auf meinen Wunsch hin bin ich bis März in diesem Amt. Ich wollte mich und mein Team damit auch unter Druck setzen, die Einzelfallhilfe bis dahin auf den Weg gebracht zu haben. Ich will bis Jahresende meinen Abschlussbericht vorlegen und dann in der verbleibenden Zeit dafür arbeiten, dass die notwendigen Gesetzesänderungen auch kommen.

    Was muss geändert werden?

    Die Entschädigung mit 25.000 Euro beim Todesfall eines Angehörigen trägt bei weitem nicht mehr dem Gedanken Rechnung, dass es eine Art Schmerzensgeld sein soll, das beim Regeln der unmittelbaren finanziellen Sorgen helfen soll. In anderen europäischen Ländern sind die Beträge zum Teil deutlich höher. Wir sind noch dabei, in anderen europäischen Ländern die Höhe der Leistungen zu ermitteln und werden dann einen Vorschlag unterbreiten.

    Wie groß ist die Wut darüber, dass der Täter Anis Amri vor der Tat längst hätte festgenommen und abgeschoben werden können?

    Die Gefühle der Angehörigen reichen von Wut und Entsetzen bis hin zu völligem Unverständnis. Wir haben auf allen Ebenen versucht zu verstehen, wie das passieren konnte. Es ist bedrückend, dass Anis Amri nicht früher festgenommen wurde. Wenn sich der Bericht der Ermittler bestätigt, ist ganz klar, dass Akten dahingehend manipuliert wurden, dass man im Nachhinein meinen sollte, man hätte nicht vorher handeln können. Das berührt und beschäftigt die Hinterbliebenen natürlich ungeheuerlich.

    Wie gehen Sie mit diesem Versagen um?

    Ich habe meine Aufgabe so verstanden, dass ich die Dinge aus Sicht der Opfer und ihrer Angehörigen beurteile. Man darf den Menschen nicht das Gefühl geben, man wollte vor allem Gras über den Vorfall und die Hintergründe wachsen lassen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass auch die Medien sich zurückgehalten und Angehörige nicht bedrängt haben.

    Wie wichtig ist Gedenken für die Angehörigen?

    Das Gedenken ist für die Angehörigen sehr wichtig, und zwar auch an einer Stelle, wo es öffentlich wahrgenommen wird. Ich war im Kuratorium für die Gedenkstätte am Breitscheidplatz. Sie wird derzeit hergerichtet und am 19. Dezember zuerst den Betroffenen in einer Gedenkstunde übergeben.

    Müssen wir uns an Terror gewöhnen?

    Ich möchte den Begriff „gewöhnen“ nicht verwenden, aber wir können es auch nicht mehr aus unserem Alltag ausschließen. Dafür sind die Ereignisse zu nah und zu häufig. Wir müssen Lehren ziehen, damit das Ganze nicht noch sinnloser daherkommt. Das wäre sonst für Betroffene in der Zukunft noch dramatischer.

    Das Gespräch führte Rena Lehmann

    Rheinland-Pfalz
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