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    Rheinland-Pfalz

    Jeder Vierte bekommt riskante Mittel: Arznei-Cocktail gefährdet Ältere

    Zahlreiche und oft gefährliche Medikamente: Viele ältere Rheinland-Pfälzer bekommen eine teilweise riskante Mischung von Medikamenten verschrieben. Das geht aus Zahlen der Barmer GEK hervor, die unserer Zeitung exklusiv vorliegen. Demnach bekam 2016 fast jeder dritte Rheinland-Pfälzer über 65 Jahre fünf oder mehr Pillen verordnet (32 Prozent, 2015: 33 Prozent). Damit landet Rheinland-Pfalz auf dem fünften Platz der Bundesländer bei der sogenannten Polymedikation.

    Gefährliche Mischung: Besonders ältere Patienten in Rheinland-Pfalz bekommen viele Medikamente, darunter auch riskante.  Foto: Adobe Stock
    Gefährliche Mischung: Besonders ältere Patienten in Rheinland-Pfalz bekommen viele Medikamente, darunter auch riskante.
    Foto: Adobe Stock

    „Manchmal ist es nicht ein einzelner Wirkstoff, der gefährliche Nebeneffekte bei älteren Menschen verursacht, sondern das Zusammenwirken verschiedener Medikamente. Das gilt natürlich auch für alle anderen Altersgruppen“, warnt Barmer-Landeschefin Dunja Kleis. Und es gibt Patienten, die sogar noch deutlich mehr als fünf Medikamente einnehmen müssen: Laut Barmer erhielt mehr als jeder fünfte Patient im Land fünf bis neun Pillen verschrieben, 7,1 Prozent wurden 10 bis 14 Arzneimittel verordnet, 2,8 Prozent sogar mehr als 15 Medikamente.

    Barmer-Landeschefin Dunja Kleis
    Barmer-Landeschefin Dunja Kleis
    Foto: privat

    Besonders betroffen sind Pflegebedürftige. Laut aktuellem Pflegereport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK bekamen 62,2 Prozent der Pflegebedürftigen in Rheinland-Pfalz fünf oder mehr Wirkstoffe verordnet. Das ist bundesweit der höchste Wert. In NRW sind es 61,9 Prozent, in Brandenburg indes nur 53,1 Prozent.

    Mit jedem zusätzlichen Arzneimittel steigt laut Kleis das Risiko, dass gefährliche Wechselwirkungen für Patienten entstehen. Sie betont zwar, dass mehrere Medikamente gleichzeitig durchaus sinnvoll sein können, doch: „Teils werden von Patienten mit Polypharmazie Medikamente auch unnötig eingenommen. Das legen viele Untersuchungen nah.“

    Deshalb hat jeder gesetzlich Krankenversicherte, der drei oder mehr Arzneimittel nehmen muss, seit Oktober 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan durch einen Arzt oder Apotheker. Darin werden alle Arzneimittel, die Patienten anwenden, mit Dosierungs- und Einnahmehinweisen übersichtlich und verständlich dokumentiert.

    Erstellt und aktualisiert werden soll der Medikationsplan durch den Haus- oder Facharzt. Bislang wird der Plan auf Papier erstellt. Ab 2018 soll er elektronisch von der Gesundheitskarte abrufbar sein.

    Besorgniserregend ist aus Sicht der Barmer auch, dass mehr als jeder vierte Rheinland-Pfälzer über 65 Jahren 2016 mindestens einmal ein für ältere Patienten ungeeignetes Medikament von seinem Arzt verschrieben bekommen hat. Demnach haben im vergangenen Jahr 25,43 Prozent der Senioren im Land ein Medikament erhalten, das potenziell mehr Risiken als einen Nutzen für sie hat. Dabei handelt es sich um eines von 83 Medikamenten, die seit 2010 auf der sogenannten Priscus-Liste verzeichnet sind und für Ältere potenziell ungeeignet sind, weil Senioren mit den Nebenwirkungen der Pillen schlechter umgehen können als Jüngere.

    Erfreulich ist laut Kassenchefin Kleis zwar, dass der Anteil der Senioren, die riskante Pillen einnehmen, seit der erstmaligen Veröffentlichung der Liste im Jahr 2010 von 31,81 Prozent um 6,38 Prozentpunkte zurückgegangen ist, doch noch immer liege Rheinland-Pfalz bundesweit hinter dem Saarland (25,93 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (25,46 Prozent) auf Platz drei der Bundesländer mit den meisten Verschreibungen von Priscus-Medikamenten. Daher fordert sie: „Jeder Arzt, der einem älteren Patienten Arzneimittel verordnet, ist gefordert, bei der Nutzen-Risiko-Abwägung des Medikaments die altersspezifischen Besonderheiten zu berücksichtigen und die Dosierung entsprechend anzupassen.“ Schließlich betrage der Anteil der älteren Patienten, die Priscus-Medikamente erhalten, im Nachbarbundesland Hessen nur 21,40 Prozent, in Thüringen 21,27 Prozent.

    Auch die rheinland-pfälzische Ärztekammer rät den Medizinern im Land, „Verordnung und Dosierung von Medikamenten regelmäßig zu überprüfen. Insbesondere eine Vielzahl von verordneten Medikamenten kann das Risiko von unerwünschten, wechselseitigen Nebenwirkungen erhöhen.“ Dabei helfe ein Blick auf die Priscus-Liste. Doch: „Dies ersetzt nicht eine auf den einzelnen Patienten bezogene Nutzen-Risiko-Abwägung. Ob ein Medikament sinnvoll ist oder nicht, bleibt immer eine Einzelfallentscheidung. Nicht nur bei den verschiedenen Altersgruppen wirken Arzneimittel unterschiedlich, sondern auch von Mensch zu Mensch.“ Keinesfalls sollten Patienten jedoch selbst Medikamente absetzen, ohne dies mit ihrem Arzt abzusprechen.

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

    Die Priscus-Liste

    Der alternde Körper reagiert anders auf Medikamente als ein jüngerer. Die Nebenwirkungen können als stärker wahrgenommen werden. Das liegt unter anderem daran, dass die Funktion von Nieren und Leber nachlässt, sodass Wirkstoffe zum Teil langsamer aufgenommen und ausgeschieden werden können.

    2010 haben Pharmazeuten und Ärzte die Priscus-Liste (Priscus heißt altehrwürdig) erstellt, auf der 83 Arzneistoffe aus 18 Arzneistoffklassen zu finden sind, die bei Patienten über 65 Jahren vermieden oder zumindest sensibel eingesetzt werden sollten. Die gelisteten Medikamente können die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen oder die Gefahr von Stürzen erhöhen.

    Weitere Infos zu diesem Thema finden Sie hier. Eine Priscus-Liste für den Schreibtisch gibt es hier.

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