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Interview mit dem Narrenpräsidenten: Helft endlich dem Karneval!

Eigentlich steuern die Karnevalisten gerade mit voller Kraft auf den freudigen Höhepunkt der Session zu. Doch hinter den Kulissen könnte die Stimmung besser sein. Hans Mayer, Präsident der Rheinischen Karnevals-Korporationen (RKK), die mehr als 1400 Vereine mit mehr als einer Million Mitglieder im Bundesgebiet vertreten, schimpft im Gespräch mit unserer Zeitung über wachsende Belastungen für die Vereine und fehlende Unterstützung durch die Politik.

Sein Tenor: Die Brauchtumspflege lebt – aber gute Worte als Hilfe reichen nicht aus. Im Gespräch mit unserer Zeitung findet Mayer klare Worte.

Herr Mayer, wie würden Sie die Ziele Ihres Verbands beschreiben?

Wir wollen junge Menschen für uns begeistern. Wir wollen Brauchtum und Tradition sichern. Denn der Karneval bietet die Möglichkeit, für die Gesellschaft etwas zu tun. Wir tun viel mehr, als nur den Gardetanz zu fördern und Turniere zu veranstalten. Wir bieten beispielsweise Schulungen für die Vorstandsarbeit oder Rhetorik-Workshops für den Büttenrednernachwuchs an. Der Verband und seine Mitgliedsvereine tun also viel, um den Nachwuchs von der Straße fernzuhalten. In der Politik ist das offenbar nicht angekommen.

Man erinnere sich an die hohen Umsatzsteuer-Nachforderungen. Nicht nur die Vereine an unserem Sitz in Koblenz, sondern viele Gesellschaften in unserem gesamten Geschäftsbereich haben große Probleme gehabt. Viele Vereine mussten Umsatzsteuer nachzahlen, weil für ihre Veranstaltung keine 7, sondern 19 Prozent abzuführen waren – und zwar mehrere Jahre rückwirkend. Der Bundesfinanzhof hat inzwischen entschieden, dass dies rechtens war. Der Schaden für die Vereine war immens, viele empfanden die Entscheidung als Skandal – übrigens auch ich. Gott sei Dank konnten sich die Vereine da selbst herausziehen. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir solche Entscheidungen grundsätzlich hinnehmen. Wir müssen uns klare Vorgaben geben, und der Gesetzgeber muss alles für die Aufrechterhaltung von Brauchtum und Tradition tun, um uns da helfend zur Seite zu stehen.

Lässt die Politik die Vereine im Regen stehen?

Das kann man so sagen. Ich besuche sehr viele Veranstaltungen. Dabei treffe ich immer wieder Politiker. Sie lassen sich durch uns Karnevalisten feiern – und tun dann nichts. Das sind Politiker, die vieles bewerkstelligen könnten. Politiker, die auch mal öffentlich sagen könnten: „Das kann nicht sein, da müssen wir Flagge zeigen und Unterstützung leisten.“ Und diese Politiker müssten klar und deutlich sagen: „Wir bekennen uns zu Brauchtum und Tradition.“ Doch genau das passiert nicht. Dabei ist Karneval ein Wirtschaftsfaktor.

Inwiefern?

Eine von der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) beauftragte Studie der Hochschule Koblenz brachte folgendes Ergebnis: Allein im Oberzentrum beschert der Karneval den örtlichen Unternehmen einen Umsatz von rund 50 Millionen Euro. In Köln sind es inzwischen sogar 800 Millionen Euro! Bundesweit gesehen, beschert die Brauchtumspflege Unternehmen Umsätze in Milliardenhöhe. Da hängen ja die unterschiedlichsten Branchen dran – von der Gastronomie über die Süßwarenindustrie bis hin zum Kostümhersteller. Bleiben wir beim Beispiel Koblenz. Jeder Betrieb, der dort 50 Millionen Euro umsetzen würde, würde hofiert, man würde ihm den roten Teppich auslegen. Und was passiert im Karneval? Nichts passiert! Da müssen wir Zeichen setzen und als Verband Unterstützung leisten. Karneval ist das größte Volksfest in Deutschland. Und wenn wir von Lobbyarbeit sprechen, dann müssen wir nicht nur die Politiker, sondern möglichst viele Menschen für uns gewinnen und ihnen sagen: „Unterstützt Karneval.“ Es geht nämlich nicht nur um ein gesellschaftliches, sondern auch um ein hohes wirtschaftliches Gut. Als RKK-Präsident freue ich mich, dass viele Unternehmen das erkannt haben und die Vereine großzügig unterstützen.

Noch einmal zur Steuerfrage: Wie hat man in Mainz reagiert, als Sie dort vorstellig wurden?

RKK-Präsident Hans Mayer Foto: Kallenbach
RKK-Präsident Hans Mayer
Foto: Kallenbach
Die Reaktionen waren ähnlich wie die bei unserer Initiative „Ein Rentenpunkt mehr für 30 Jahre Ehrenamt“. Das hat man sich angehört, das wurde diskutiert, das ist jetzt im Petitionsausschuss, aber nichts ist passiert. Irgendwann müssen wir damit beginnen, Ross und Reiter zu benennen. Wir müssen plakativ anklagen. Es gibt aber auch Politiker, die uns sehr geholfen haben, zum Beispiel Innenminister Roger Lewentz (SPD), Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) und Julia Klöckner (CDU). Das Problem liegt letztendlich auf Bundesebene. Hier wird der Rahmen für alles andere geschaffen. Noch bewegen wir uns in der feinen Art, aber wir müssen lauter werden und den Verantwortlichen sagen: „Auch wir haben Möglichkeiten, uns in irgendeiner Form zu widersetzen.“ Wir müssen auf allen Ebenen ganz klar aufzeigen: So kann es nicht weitergehen! Ich mag diese Scheinheiligkeit nicht: sich gern auf die Schulter klopfen zu lassen, aber letztendlich keine Verantwortung zu übernehmen.

Um mehr Druck aufzubauen, müssen die beiden großen Dachverbände zusammenarbeiten. Wie sieht es zurzeit mit Ihrem Verhältnis zum Bund Deutscher Karneval (BDK) aus?

Wir pflegen ein gutes Verhältnis, wir haben uns mehrmals getroffen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, Unterschiede gibt es eigentlich nur bei der Ausgestaltung des Gardetanzsportes. Wir werden schon bald wieder ein Gipfeltreffen machen. Wir sollten, wenn wir eine Forderung für das Ganze haben, einer Meinung sein und gemeinsam auftreten. Stärke zeigen: Nur so kann man auf Dauer erfolgreich sein – auch bei den zuständigen Politikern.

Ein Motiv für den Nachwuchs, sich im Verein zu engagieren, sind Trainingsbedingungen. Und die sind nicht überall optimal …

In der Tat haben wir bei den Trainingsmöglichkeiten und bei den Veranstaltungsorten oft erhebliche Probleme, gerade in außerstädtischen Bereichen. Ein Beispiel: Wenn eine Verwaltung drei Tage vor Beginn eine Veranstaltung kippt, nur weil die baurechtlichen Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind, und dieser Verein diese Voraussetzungen sofort erfüllen muss, dann ist das eine Totgeburt. Wir meinen: Wenn Kommunen ein öffentlich gefördertes Objekt, also ein Objekt, das mit Steuergeldern gebaut wurde, für die Allgemeinheit zur Verfügung stellen, müssen die Kommunen auch die baulichen Missstände beseitigen. Das kann doch nicht Aufgabe der Vereine sein. Für den betroffenen Verein waren monatelange Vorbereitungen vergebens, er blieb auf den Kosten sitzen und hat nun, abgesehen vom immensen wirtschaftlichen Schaden, noch ein ernsthaftes Imageproblem. Ein Wort zum Training: Wenn es für andere Sportarten selbstverständlich ist, Räume für das Training zu stellen, muss das auch für den Gardetanzsport möglich sein. Den Verantwortlichen ist offenbar gar nicht bewusst, dass Gardetanzsport Hochleistungssport ist – und dass wir dafür räumliche und finanzielle Voraussetzungen schaffen müssen.

Um den kleineren oder schwächeren Vereinen zu helfen, haben Sie ein Partnerschaftsmodell angeregt. Wie soll das funktionieren?

Ich komme oft mit kleinen Vereinen zusammen, die immer wieder, auch in schwierigen Zeiten versucht haben, ihren Karneval aufrechtzuerhalten. Das funktioniert nicht mehr. Vereinsvertreter sagen uns, sie müssten nun mit mehreren Orten kooperieren und womöglich ihren Stammsitz aufgeben. Damit geht aber ein Stück soziales und kulturelles Leben in der eigenen Gemeinde verloren. Wir meinen: Vereine sollen und müssen ihre Eigenständigkeit bewahren. Wir wollen deshalb kleinen Vereinen einen größeren Partner vermitteln, der dem schwächeren Partner eine gewisse Zeit unter die Arme greift, bis der wieder in richtiges Fahrwasser kommt. Es gibt etliche Vereine, die helfen wollen. Aber Namen wollen wir erst nennen, wenn es tatsächlich konkret wird.

Gibt es ausgemachte karnevalistische Krisenregionen?

Nein. Grundsätzlich gilt: Der Karneval lebt. Ich sehe aber den ländlichen Raum, in denen die Akteure gegen Probleme unterschiedlichster Art kämpfen müssen. Organisation, Finanzierung und das Begeistern von Interessenten fürs Mitmachen oder das Gewinnen von Zuschauern sind klassische Themen. Wir im Verband wollen helfen. Wir sind die Anlaufstelle, um Kooperationen zu vermitteln. Und wir gehen beispielhaft voran. So wechseln die Orte unserer Verbandsveranstaltungen ganz bewusst, auch bei unserem großen Prinzentreffen. Das jüngste fand am 16. Januar in Hillesheim im Landkreis Vulkaneifel statt. Wenn wir aktive und erfolgreiche Verbandsarbeit machen wollen, müssen wir auch zu den Vereinen gehen, die sonst immer zu unseren Veranstaltungen von der Peripherie an die Rheinschiene gekommen sind. Das hat sich geändert. In Hillesheim konnten wir 700 Karnevalisten begrüßen. Wir hatten dort deutlich mehr Besucher als an unseren früheren traditionellen Veranstaltungsorten wie Bad Ems.

Sie wollen also voll in die Offensive gehen?

Das müssen wir. Wir können nicht zulassen, dass eine Tradition Gefahr läuft zu sterben. Wie will man dann noch einen Jugendlichen begeistern? Was wir da tun, ist also auch wichtig für unsere Jugend.

Das Interview führte Reinhard Kallenbach

Rheinland-Pfalz
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