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Genscher am Are-Gymnasium: Politikerlegende fasziniert Schüler

Bad Neuenahr-Ahrweiler – Ein hochkarätiger Gast aus Politik und Zeitgeschichte war am Are-Gymnasium in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu Besuch: Hans-Dietrich Genscher, ehemaliger und dienstältester Bundesaußenminister Deutschlands. Der 85-Jährige schilderte als Gastredner beim dritten Are-Forum seine persönlichen Erfahrungen während der Wendezeit.

Mucksmäuschenstill war es während des Vortrags des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich-Genscher in der Schulmensa.
Mucksmäuschenstill war es während des Vortrags des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich-Genscher in der Schulmensa.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so konzentriert und ruhig lauschten die Schüler Genschers Worten. Mit der Frage „Wo fange ich an, wenn ich weiß, dass 95 Prozent der Zuhörer zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren waren?“, begrüßte die Politikerlegende die Schüler in der voll besetzten Mensa. Genscher, der im Vergleich zu seinen letzten Dienstjahren kaum gealtert scheint, erzählte im Plauderton aus seinem bewegten Leben, beginnend mit seiner Rückkehr als 18-Jähriger aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft und der nur wenige Jahre später als Urlaubsreise getarnten Flucht mit dem Zug nach Westberlin.

Während seines gut eineinhalbstündigen Vortrags nahm er die Schüler mit auf eine ganz besondere und persönliche Zeitreise. So erzählte Genscher, wie ergreifend die Reaktionen auf seine geschichtsträchtige Mitteilung vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag am Abend des 30. September 1989 waren, die den etwa 4500 DDR-Flüchtlingen eine Ausreise in den Westen ermöglichte. Bei Komplikationen hätte er persönlich für die Botschaftsflüchtlinge gebürgt.

Außerdem erfuhren die Zuhörer von seinen Unterhaltungen mit damaligen Politikgrößen wie Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und Eduard Schewardnadse, damaliger Außenminister der Sowjetunion, die beide die deutsche Wiedervereinigung maßgeblich vorantrieben. Genscher selbst war damals davon überzeugt, dass er diese Zeit nicht mehr erleben würde.

Im Anschluss an seinen Vortrag nahm sich Genscher Zeit, zahlreiche Fragen zu beantworten. So erfuhren die Schüler etwa, dass er den Mauerfall mit Helmut Kohl beim Abendessen erlebte, das dann zugleich das kürzeste Essen seines Lebens wurde. Dass er während der Mauer seine Freunde im Osten zwar vermisste, diese aber durch seinen Besuch nicht in Gefahr bringen wollte. Genscher beantwortete aber auch Fragen fernab der Trennung von West- und Ostdeutschland.

So gab er den Zuhörern zu verstehen, dass er sich bei den Olympischen Spielen 1972 in München als Austauschgeisel anbot, weil er als damals höchster Repräsentant vor Ort ein erneutes Sterben von Juden auf deutschem Boden verhindern wollte. Auch zur Euro-Krise äußerte er sich: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Europa unsere Zukunft ist.“ Zum Schluss gab Genscher den Schülern mit auf den Weg, dass sie jederzeit die Grundsätze der Demokratie verteidigen sollen. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Sie alle gestalten auf irgendeine Art und Weise die Zukunft mit. Wenn Sie dies nicht tun, machen es andere für Sie. Das würde ich dringend ablehnen.“

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