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    Dramatische Stunden: So liefen die Ermittlungen bei Rock am Ring

    Wie konnten sich zwei Männer unter falschem Namen als Bühnenarbeiter auf das Festivalgelände von Rock am Ring schmuggeln? In dieser Frage wird das Landeskriminalamt (LKA) weiter ermitteln – rund um die dschihadistisch-salafistische Szene in Hessen. Nach dem Terroralarm vom Freitag stellen sich viele Fragen. Recherchen unserer Zeitung geben ersten Einblick in die brisante Lage, die sich der hoch sensibilisierten Polizei stellte und die erklärt, warum für rund 87.000 Fans unter anderem das ersehnte Konzert von Rammstein ausfallen musste.

    Donnerstagabend: Die Ermittlungen laufen an – eher per Zufall. An der B 9 in Koblenz werden drei Männer kontrolliert, die Namen notiert. Das aufmerksame Team der Funkstreife registriert, dass zwei Männer ein All-Area-Bändchen – also den Zugangsausweis fürs komplette Festivalgelände – am Arm haben. Später fällt auf, dass ihre Namen nicht zu denen passen, die Firmen dem Veranstalter gemeldet haben und die der dann den Behörden übergibt. Ein Alarmzeichen.

    Freitag: Die Ermittlungen kommen auf Touren, auch der Verfassungsschutz wird eingeschaltet. Und dann zeigen sich Querverbindungen zur hessischen Salafisten-Szene. Nachmittags wird Innenminister Roger Lewentz (SPD) informiert. Die Gefahrenlage scheint sich zuzuspitzen, ist aber noch nicht endgültig geklärt, als die ersten Bands den Fans einheizen. Lewentz trifft um 18 Uhr bei der Einsatzzentrale am Nürburgring ein, wo sich auch Polizeipräsident Wolfgang Fromm informiert. Im Innenministerium leitet Staatssekretär Günter Kern (SPD) einen Krisenstab. Dort sondieren und bewerten auch die Präsidenten von LKA und Verfassungsschutz samt ihren Experten die Lage. Die Verdachtslage erhärtet sich immer mehr.

    Freitag, etwa 18.30 Uhr: Die Polizei bereitet eine Pressemeldung zum Abbruch des Festivals vor, wie eine interne E-Mail belegt, die irrtümlich unsere Zeitung erreicht. Zu der Zeit feiern noch Zehntausende Fans ausgelassen am Ring.

    Freitag, 20 Uhr: Für Innenminister Lewentz ergibt sich aus allen bisherigen Informationen: „Wir haben eine Lage“ – die befürchtete. Er entscheidet: „Sicherheit geht vor! Sie ist unserer einziger Gradmesser“, wenn sich zwei Männer nach ersten Anzeichen illegal auf dem Festivalgelände aufgehalten haben. Aber: Die Verantwortlichen brauchen eine gewisse Vorlaufzeit – um Rettungskräfte zu informieren, Straßen zu sperren, Sprengstoffhunde anzufordern und Ansprachen besonnen zu formulieren. Die 1200 Beamten aber müssen nicht noch verstärkt werden.

    Zur Sicherheit gibt's keine Alternative: Kommentar von unserem Chefredakteur Peter Burger

    21 Uhr: Die Polizei schätzt, dass 65.000 Fans vor der Bühne rocken, als die Düsseldorfer Band Broilers aufdreht. Veranstalter Marek Lieberberg betritt die Hauptbühne und verkündet den Abbruch, nach einem unschönen Gespräch mit Lewentz, wie es heißt und nach Lieberbergs anschließender Wutrede gut vorstellbar ist. Alle Kräfte sind auf die Evakuierung der Zehntausenden vorbereitet. Aber: Alle Einsatzpläne sind Theorie, funktionieren sie auch in der Praxis? Lewentz verfolgt das Geschehen angespannt in der Einsatzzentrale, lobt Liebergers Event-Psychologen Daniel Brunsch, der die Fans in ruhigem Ton auffordert, wegen einer Gefährdungslage ohne Panik auf die Campingplätze zu gehen. Ein großes Kompliment spricht Lewentz auch den Fans aus, die besonnen reagieren, „You'll Never Walk Allone“ anstimmen, sich enttäuscht, aber friedlich zurückziehen. Dabei versichern viele dem Minister an der Straße, dass ihnen auch Sicherheit vorgeht. Dies erklären auch etwa 1200 Anrufer, vor allem besorgte Eltern, die sich an die Hotline in Adenau wenden.

    Kurz nach 21 Uhr: Mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte suchen mit Sprengstoffspürhunden das Gelände ab. Dem Vernehmen nach überprüft der Verfassungsschutz in der Nacht noch gut 2000 weitere Namen von den noch auf dem Gelände Beschäftigten.

    Freitag, 21.15 Uhr: Die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen wegen der Vorbereitung eines Explosionsverbrechens ein.

    Die Stunden danach: Drei Männer werden in Hessen festgenommen, darunter offenbar zwei aus Syrien stammende Männer. Und: Ein Verwandter des einen soll nach Informationen unserer Zeitung in hessischer Haft sitzen und der dschihadistisch-salafistischen Szene angehören. Wie kamen sie zum Ring? Offenbar hatte eine Koblenzer Firma kurzfristig Verstärkung für Aufbauarbeiten gebraucht. Eine Frankfurter Firma half aus – mit den zwei Männern, deren unklare Identität aufgefallen ist. Ein falscher Name könnte sich offenbar durch die telefonische Übermittlung erklären, ein anderer wohl eher nicht, wie unsere Zeitung erfahren hat. Aber: Lange Vorbereitungszeit hätte das Duo nicht gehabt, um einen Anschlag vorzubereiten. Erkenntnisse aus den durchsuchten Wohnungen relativieren bis Samstag die Gefahr, die Männer kommen frei. Am Ring kann aus Schock wieder Party werden – eine gegen Hass.

    Am Pfingstmontag kann Minister Lewentz zu den Ermittlungen keine Details nennen, muss aber erneut feststellen: „Der Terror ist nicht mehr weit weg.“ Und er sagt: „Falsche Namen auf Personallisten darf es nicht mehr geben“ – weder bei Volksfesten wie dem Wurstmarkt in Bad Dürkheim oder dem großen Einheitsfest in Mainz am 3. Oktober.

    Von Ursula Samary

    Rock am Ring: Lieberberg wettert gegen Muslime und Polizei [mit Video]

    Nürburgring. Es sind Worte, die Rock-am-Ring-Veranstalter Marek Lieberberg nicht zurückholen kann – auch wenn er es vielleicht gerne würde. Stark gestikulierend teilt er am Freitagabend lauthals in einer hochemotionalen Wutrede vor Journalisten aus: gegen Polizei, Staatsanwälte – und Muslime.

    Marek Lieberberg
    Marek Lieberberg
    Foto: Jens Weber

    „Ich bin auch der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit ,This is not my Islam and this is not my Shit and this is not my whatever.' Jetzt ist die Situation, wo jeder einzelne sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gefragt haben: Was macht ihr da eigentlich!“, ruft Lieberberg nur Minuten nach der Unterbrechung des Festivals wegen einer terroristischen Bedrohungslage den Journalisten zu. Von einem Teil erhält er später Applaus – ein absolut ungewöhnlicher Vorgang. Dass es in der Vergangenheit durchaus Proteste von Muslimen und deutliche Distanzierungen gab, spielt in dem Moment offensichtlich keine Rolle.

    Doch damit ist Lieberberg noch nicht fertig. Es brodelt in dem Mann, dessen Festival im vergangenen Jahr wegen Unwetter mit Verletzten abgebrochen wurde – gegen seinen Willen. Und das nun unterbrochen ist – gegen seinen Willen. „Im Fall Amri haben Sie die Defizite gesehen. Es ist passiert. Jetzt wird sozusagen im vorauseilenden Gehorsam Rock am Ring geräumt. Gab es eine Explosion? Gab es einen Fund von Sprengstoff? Mir ist es nicht bekannt. Ich warte darauf“, wettert Lieberberg. Und es geht noch eine Nummer größer: „Wir haben einen Polizeiapparat, wir haben einen Verfassungsschutz, wir haben Geheimdienste, wir haben Staatsanwälte, wir haben Richter. Es ist an der Zeit, endlich mal aufzuhören mit lustig.“

    Zum Schluss attestiert Lieberberg den Menschen, die im Sinne der Sicherheit das Festival unterbrochen haben, ein verheerendes Bild abzugeben: „Ist das jetzt das Ergebnis unserer wehrhaften Demokratie? Dass wir einfach die Dinge hinnehmen?“, fragt er und zieht sein Fazit: „Das Signal, das Deutschland heute sendet, ist ein katastrophales.“

    Es ist ein Ausbruch, der auch zeigt, wie sehr die vergangenen beiden Festivaljahre wohl an Lieberberg genagt haben. 2015 muss er den ersten Tag in Mendig kurz vor Schluss abbrechen – bei Gewittern werden 33 Menschen verletzt. Ein Jahr später werden erneut bei Unwettern mehr als 70 Menschen teils schwer verletzt. Zum ersten Mal wird das Festival abgebrochen. Lieberberg will das nicht, wird aber überstimmt und zahlt hinterher den Fans Teile des Eintritts zurück. Und nun die Unterbrechung des Festivals.

    Als am nächsten Tag klar ist, dass Rock am Ring weiter läuft, zeigt sich Lieberberg ruhiger. Er gibt eine schriftliche Erklärung ab, Rückfragen will er explizit nicht zulassen. Er verwehrt sich gegen den Zuspruch von „AfD und anderen populistischen Gruppierungen“ für seine Worte. „Meine Aussage richtete sich nicht gegen die große Mehrheit der friedlichen Menschen – egal welcher Couleur. Die Zeiten erfordern es allerdings, das wir – und zwar wir alle – uns deutlich positionieren und wehrhaft zeigen gegen jegliche Art von Gewalt und Fanatismus“, findet Lieberberg. „Alle gesellschaftlichen Kräfte – und zwar unabhängig von Nationalität, Herkunft, Religion und Weltanschauung – sind aufgerufen, einer solchen Bedrohung entgegenzutreten. Hierzu haben der Staat, seine Institutionen und jeder Bürger ihren Beitrag zu leisten.“

    Von unserem Redakteur Markus Kuhlen

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