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Rheinland-Pfalz

Die Bahn: 21 Zentimeter werden zur Gretchenfrage

Damit möglichst viele Menschen problemlos mit dem Zug fahren können, will der Bund deutschlandweit langfristig eine einheitliche Höhe aller Bahnsteige durchsetzen. Doch das Vorhaben stößt auf massive Widerstände. Auch in Rheinland-Pfalz gibt es Unmut – unter anderem wegen der drohenden horrenden Folgekosten.

Müssen in Rheinland-Pfalz Dutzende Bahnsteige angepasst werden – mit horrenden Folgekosten?  Foto: dpa
Müssen in Rheinland-Pfalz Dutzende Bahnsteige angepasst werden – mit horrenden Folgekosten?
Foto: dpa

Auf den ersten Blick klingt es fast nach einer Lappalie, über die sich die Vertreter von Bund und Ländern an diesem Freitag bei einem Spitzentreffen die Köpfe zerbrechen werden. Doch bei der Entscheidung, ob es in Deutschland künftig eine einheitliche Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern „über der Schienenoberkante“ geben soll, geht es darum, dass viele Menschen mit Behinderung die Bahn momentan gar nicht nutzen können. Und es geht um Kosten, die noch niemand seriös vorhersehen kann, die sich aber wohl eher in Milliarden als Millionen beziffern werden. Einige Bundesländer, unter anderem Rheinland-Pfalz, haben schon viel für den barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe getan – und fühlen sich überrumpelt.

„Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Bahn stellt in Deutschland die Bahnsteighöhe an Bahnhöfen und Haltepunkten der Schiene dar“, stellte die Bundesregierung bereits in einer 20 Jahre alten Bundestagsdrucksache fest. „Kein Mensch käme vergleichsweise auf die Idee, Autobahnen ohne allgemein benutzbare Ein- und Ausfahrten zu bauen.“ Viele deutsche Bahnhöfe sind zwar inzwischen barrierefrei modernisiert worden, aber noch immer erschwert ein buntes Durcheinander verschiedenster Bahnsteighöhen das Reisen.

Nun soll das 2017 beschlossene Bahnsteighöhenkonzept des Bundes die Situation ändern. „Die Idee klingt zunächst einmal ganz charmant“, meint der rheinland-pfälzische Landesbehindertenbeauftragte Matthias Rösch, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist und häufig die Bahn benutzt. Doch für Länder wie Rheinland-Pfalz würde es nicht mehr, sondern weniger Barrierefreiheit mit sich bringen, warnt er. Denn seit vielen Jahren lässt das Land in Absprache mit der Bahn viele Regionalstrecken modernisieren – allerdings mit einer regulären Bahnsteighöhe von meist lediglich 55 Zentimetern.

Welche Probleme die vom Bund forcierte Regelung mit sich bringen würde, verdeutlicht Rösch am Beispiel der Nahestrecke zwischen Mainz und Saarbrücken. Dort wurden in den vergangenen Jahren Bahnhöfe wie Bad Kreuznach für viel Geld barrierefrei umgebaut. Anderswo entlang der Strecke steht die Modernisierung noch aus. Sollte der Bund künftig nur Umbauten mit 76-Zentimeter-Bahnsteigen fördern, wäre der Ausbau gefährdet. Ohnehin gebe es wichtigere Defizite als eine einheitliche Bahnsteighöhe, sagt Rösch, etwa schlecht gewartete und häufig defekte Fahrstühle an Bahnhöfen.

Der Landesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) betont: „Rheinland-Pfalz hat seine Hausaufgaben gemacht.“ Dadurch sei weitestgehend Barrierefreiheit im Zugverkehr erreicht worden. Sollte der Bund tatsächlich auf einer neuen Anpassung bestehen, würde dies „einen enormen Mitteleinsatz alleine für Rheinland-Pfalz von mehreren 100 Millionen Euro bedeuten“, sagt der Minister. Große Bedenken gegen die geplante Neuerungen gibt es unter anderem auch in Niedersachsen.

„Ich fürchte, das geht aus wie das Hornberger Schießen“, sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ zu dem anstehenden Spitzentreffen, „und dann würde es bei dem Chaos bleiben.“ Naumann begrüßt die Idee einheitlicher Bahnsteighöhen im Grundsatz. Er schlägt unter anderem vor, für eine Übergangszeit die Gleise an 76-Zentimeter-Bahnsteigen „hochzuschottern“, damit Triebwagen mit 55 Zentimetern Einstiegshöhe weiter barrierefrei nutzbar bleiben.

Das Bundesverkehrsministerium teilte mit, einheitliche Bahnsteighöhen blieben aus Sicht des Bundes ein wesentlicher Baustein für die Barrierefreiheit bei der Bahn. Allerdings sollen „regionale Besonderheiten“ berücksichtigt werden. „Eine Anpassung bestehender Bahnsteige soll nur dann erfolgen, wenn ein Bahnsteig aus technischen Gründen saniert werden muss“, heißt es auf Anfrage in Berlin. „Kein bestehender Bahnsteig soll vor Ende seiner Nutzungsdauer abgerissen werden.“

Die Deutsche Bahn AG will sich nicht zu dem Thema äußern. „Das Bahnsteighöhenkonzept ist eine Initiative des Bundes“, heißt es lapidar auf eine schriftliche Anfrage an die Konzernzentrale.

Von Karsten Packeiser

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