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Archivierter Artikel vom 09.03.2021, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Verbandschef Dr. Peter Heinz im Interview: „Impfen ist eine Bürgerpflicht“

Jetzt ist der Moment gekommen, auf den die Ärzte auch in Rheinland-Pfalz lange gewartet haben: In zwei bis drei Wochen, sagt der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, Dr. Peter Heinz, im Interview mit unserer Zeitung, wird es genug Impfstoff geben. Dann sollen die Arztpraxen im Land das Zepter bei den Impfungen übernehmen. Gefordert sieht der Hausarzt aus Gensingen (Kreis Mainz Bingen) aber nicht nur die Ärzte, sondern vor allem die Bürger: „Der Impfstoff ist extrem gut verträglich. Wenn ich gesund bin und eine Impfung vertrage, sollte ich mich auch impfen lassen. Impfen ist eine Bürgerpflicht.“

Von Christian Kunst

Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Peter Heinz
Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Peter Heinz
Foto: privat

3,5 Prozent der Rheinland-Pfälzer sind geimpft, aber fast 60 Prozent der Israelis: Was ist schiefgelaufen?

Nichts. Wir hatten nur eine sehr begrenzte Menge an Impfstoff. Und wie man sich im Markt der Impfstoffe durchsetzt, ist natürlich auch eine Frage der Moral. Ich will damit nicht sagen, dass Staaten wie Israel oder die USA unmoralisch gehandelt haben. Aber ich denke, es haben alle ihr Bestes gegeben. Weil wir nur begrenzte Mengen an Impfstoff hatten, mussten wir priorisieren und konnten nicht von Anfang an in den Arztpraxen impfen. Zu Beginn war aber auch nicht die Durchimpfung das Ziel, sondern der Individualschutz der gefährdetsten Mitglieder der Gesellschaft. Das ist mit Unterstützung der Ärzte in sehr kurzer Zeit – in Rheinland-Pfalz besonders gut – gelungen. Wir haben mittlerweile alle Alten- und Pflegeheime durchgeimpft. Dort hat man im Zweifelsfall mit 100 Impfungen 30 Leben gerettet.

Sie gehören also nicht zu den Kritikern der zu zögerlichen Impfstoffpolitik von Bund und Ländern?

Es ist im Rahmen der Möglichkeiten gut gelaufen. Jetzt beginnt aber eine neue Phase: Es geht nun um die Durchimpfung der Bevölkerung. Und da ist es ganz entscheidend, dass die Arztpraxen stärker beteiligt werden.

In Dänemark wurden Impflinge eingeladen. In Deutschland musste man sich durch komplizierte Anmeldeverfahren kämpfen. Viele unserer Leser haben bis heute mit der Bürokratie der Terminvergabestellen zu kämpfen.

Deshalb sollten diese Menschen sehr bald die Möglichkeit erhalten, eine Impfung in ihrer Arztpraxis zu bekommen. Dieses überbürokratische Verfahren in den Impfzentren jetzt fortzusetzen, wäre absurd. Das ist nicht zielführend – zumal wenn wir einmal eine Impfquote von 50 Prozent haben. Dann muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Im Impfzentrum kann das nicht gelingen bei einem Patienten, der nicht freiwillig dorthin geht. In der Arztpraxis ist das möglich. Wir kennen alle unsere Patienten. Ab sofort darf es keinen Arztbesuch mehr ohne Impfpass geben. Unser Ziel ist, dass kein Patient unsere Praxen mehr ohne Impfung verlässt, sobald es ausreichend Impfstoff gibt.

Die Impfpriorisierung muss also aufgehoben werden?

Die Impfpriorisierung ist Makulatur, wenn in zwei bis drei Wochen ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Dann kann jeder eine Impfung erhalten. Darauf kann man sich jetzt schon vorbereiten.

Warum brauchen wir Pilotprojekte wie in Mayen, um eine Impfung in Hausarztpraxen zu testen?

Da sind eine Menge Eitelkeiten im Spiel. Die Impfzentren der Städte und Kreise haben anfangs eine wichtige Rolle übernommen und verteidigen jetzt ihre Existenz. Bis heute zweifelt man in Impfzentren an, dass wir das Vakzin richtig aufbereiten können. Es wird behauptet, dass das kompliziert sei. Das ist aber falsch. Die Impfzentren drohen zu einem absurden Theater zu werden, deren Schauspielschar zum Teil sehr hohe Gagen bekommt. Eine Impfung dort kostet zwischen 100 und 250 Euro. Uns werden jetzt für die Impfungen in den Hausarztpraxen 20 Euro angeboten. Wir fordern aber 35 Euro, weil es darunter für uns nicht kostendeckend ist, auch weil wir viel Zeit für Überzeugungsarbeit brauchen werden.

Es gibt Honorarverhandlungen?

Das sind keine wirklichen Verhandlungen. Die Fachebene hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ein Honorar von 15 Euro empfohlen. Er hat diesen Betrag auf 20 Euro erhöht. Aber das wird nicht reichen. Denn wir werden sehr viel impfen müssen und deshalb eigene Impfsprechstunden einrichten müssen, für die wir zusätzliche Personalkapazitäten brauchen. Wir werden auch Überstunden fahren. Diese Kosten lassen sich aus unserem regulären Budget nicht decken.

Erneut ein Gerangel um Honorare?

Es wird kein Gerangel geben. Wir werden sagen, was das kostet, und gehen dann davon aus, dass das bezahlt wird. Bei den Impfzentren hat man doch auch nicht nach den Kosten gefragt und zahlt dort bis zu 250 Euro pro Impfung.

Was muss noch geregelt werden, um in zwei bis drei Wochen flächendeckend in Hausarztpraxen impfen zu können?

Wir müssen den Impfstoff über die Apotheken beziehen können. Impfen darf keine hoheitliche Landesaufgabe mehr sein. Wir werden dann nicht mehr im Auftrag des Landes als mobiler Dienst der Impfzentren den Corona-Piks setzen. Die Politik muss endlich begreifen, was für eine riesige Impfbereitschaft in den niedergelassenen Praxen vorhanden ist. Wir könnten mit genügend Vakzin in den relevanten Gruppen über 16 Jahren bis Mitte Mai eine Durchimpfung erreichen. Wenn wir richtig loslegen, dann brummt es. Als Erstes werden die Patienten den Impfstoff erhalten, die ihn dringend brauchen. Für uns wird entscheidend sein, wer das größte Risiko hat, an Covid-19 zu sterben oder schwer zu erkranken. Dieses Risiko sinkt auf null, wenn wir die Richtigen impfen. Und das ist doch das Ziel der gesamten Impfkampagne. Sollte am Ende des Tages Impfstoff übrig sein, bekommt auch der 30- oder 40-Jährige ohne Vorerkrankungen einen Piks.

Was ist Ihr Ziel für Rheinland-Pfalz?

Bis Ende Mai könnten wir eine Impfquote von 25 Prozent locker erreichen. Das wären also mehr als eine Million Rheinland-Pfälzer.

Welche Signale bekommen Sie aus der Politik?

Wir stoßen zwar nicht auf Widerstand. Die Landesregierung verkennt aber die gewaltige Versorgungsleistung der niedergelassenen Ärzte. Es gibt doch so gut organisierte Impfzentren mit so vielen engagierten Menschen. Man versteht aber nicht, dass diese Zentren nur eine marginale Zahl an Impfungen übernehmen können. Dem stehen mindestens 2500 Ärzte in 2000 Praxen in Rheinland-Pfalz gegenüber, in denen pro Tag 20 bis 40 Impfungen leistbar sind. Das wären 40.000 bis 80.000 Impfungen pro Tag. Und für uns ist Impfen nichts Neues. Daher sind wir sehr enttäuscht, dass uns nicht einmal ein Honorar angeboten wird, das kostendeckend ist.

„Ab sofort darf es keinen Arztbesuch mehr ohne Impfpass geben“, sagt Kassenärztechef Dr. Peter Heinz. Er will das Land schnell durchimpfen.
„Ab sofort darf es keinen Arztbesuch mehr ohne Impfpass geben“, sagt Kassenärztechef Dr. Peter Heinz. Er will das Land schnell durchimpfen.
Foto: Alexander Raths – stock.adobe.com

Die Impfzentren sind also Vergangenheit, sobald die Praxen impfen?

Ja. Denn warum sollten wir noch für 250 Euro impfen? Die Menschen werden dort auch nicht mehr hingehen, weil sie ihren Ärzten mehr Vertrauen schenken. Das wird eine Abstimmung mit den Füßen sein. Sobald wir Impfstoff in den Apotheken bestellen können, geht es rund. Spahn will das gesetzlich bald in die Wege leiten.

Es wird künftig also vor allem um Überzeugungsarbeit gehen?

Ja. Das ist bald das Entscheidende. Das bringt uns die letzten 20 Prozent, die wir für eine Herdenimmunität brauchen. Da sind wir als KV sehr ehrgeizig. Wir wollen eine sehr hohe Durchimpfung in Rheinland-Pfalz erreichen. Es wird schon bald einen Überfluss an Impfstoff geben. Und es wird der Punkt kommen, an dem die Durchimpfung langsamer voranschreiten wird. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass jeder einen Beitrag zum Erreichen der Herdenimmunität leisten muss. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass sich Menschen nicht impfen lassen und auf die Herdenimmunität warten. Impfen ist eine Bürgerpflicht. Wenn ich gesund bin und eine Impfung vertrage, sollte ich mich auch impfen lassen. Es ist mittlerweile bekannt, dass schwere Impfreaktionen so gut wie gar nicht auftreten. Der Impfstoff ist extrem gut verträglich. Es gibt also keinen Grund, ein Impfangebot nicht anzunehmen.

Sind Sie selbst geimpft?

Ich habe ein Altenheim durchgeimpft und bin dabei auch selbst mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin geimpft worden. Alle Ärzte, die sich an den Impfaktionen beteiligt haben, sind geimpft.

Was könnte Menschen noch hindern, sich impfen zu lassen?

Zu viel Bürokratie. Im Moment müssen wir bei der Impfdokumentation elf Unterschriften leisten – sieben vom Impfling, vier vom Arzt. Das ist absurd. So etwas schreckt ab. Dieses Theater werden wir in den Praxen nicht mitmachen. Ansonsten gilt: Die Impfung ist absolut harmlos. Außerdem bleibe ich dabei, dass es keinen Grund mehr dafür gibt, einen Geimpften weiter in seinen Grundrechten einzuschränken. Wenn ich mich nicht mehr infizieren kann, bin ich auch nicht mehr ansteckend. Und sollte ich als Geimpfter einen positiven Corona-Test haben, bedeutet das nicht, dass ich eine Virusschleuder bin. Das ist eine rein theoretische Debatte, die fern der Lebenswirklichkeit ist.

Das Gespräch führte Christian Kunst

Weniger Tote – wirkt der Corona-Piks bereits?

Diese Kurve macht Hoffnung: In Deutschland sterben gerade weniger Menschen an und mit dem Coronavirus. Machen sich bereits die Impfungen bemerkbar? Zugegeben, im internationalen Vergleich gehört Deutschland nicht zu den Musterschülern, was das Impfen gegen Corona angeht. Israel, Großbritannien und die USA sind uns weit voraus. Doch auch hierzulande geht es voran, vor allem bei den besonders gefährdeten Senioren. Von den Pflegeheimbewohnern haben bereits rund zwei Drittel die zweite Dosis erhalten. Bezogen auf alle Deutschen sind zwar erst einige Prozent geimpft, die hohen Raten bei den Senioren könnten aber schon Wirkung zeigen – nicht nur bei der Zahl der Todesfälle.

So fällt auf, dass die vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldete Sieben-Tage-Inzidenz bei den Menschen ab 80 Jahren mittlerweile deutlich niedriger ist als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Trotz stagnierender oder sogar steigender Fallzahlen in der Gesamtbevölkerung steckten sich unter den Hochbetagten zuletzt immer weniger nachweislich mit dem Virus an. RKI-Präsident Lothar Wieler wertet diese Entwicklung als wahrscheinliche Folge des Impfens.

Eine weitere prägnante Entwicklung gibt es bei den Toten und Schwerkranken. Auf den Intensivstationen hat sich die Lage entspannt: Hier werden aktuell 2859 Covid-19-Patienten (Stand Montag, 15.30 Uhr) behandelt – Höchststand waren 5700 im Januar 2021. Zudem sterben immer weniger Menschen mit oder an Corona. So meldeten die Behörden in den Bundesländern 34 Todesfälle binnen 24 Stunden, wie aus den RKI-Zahlen von Montag hervorgeht. Das ist der niedrigste Wert seit dem 1. November (29 Fälle), wobei die Montagswerte generell niedriger sind als an anderen Wochentagen.

Mittlerweile sehe man den Effekt der Impfungen, ist Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, überzeugt. Er verweist auf die sinkenden Fallzahlen bei den über 80-Jährigen und die hohen Impfraten in Pflegeheimen.

Auch Uwe Janssens, Präsidiumsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), glaubt, dass die Impfungen Wirkung zeigen – allerdings nicht so deutlich, wie die aktuell niedrigen Todeszahlen suggerieren könnten. „Wir sind bei den Impfungen – vorsichtig gesagt – relativ weit hinten“, sagt Janssens. Da Deutschland erst vor etwa zwei Monaten mit dem Impfen begonnen habe und die Zahl der verimpften Dosen erst jüngst deutlich stieg, könne die Auswirkung auf die Todeszahlen noch nicht so stark sein. Tatsächlich sind auch viele Hochbetagte noch gar nicht geimpft. Bei Menschen ab 80 Jahren haben erst etwas mehr als ein Drittel eine erste Impfdosis bekommen.

Der niedrige Wert bei den Corona-Toten ist laut Janssens eher auf den Lockdown und die dadurch über Wochen gesunkenen Infektionszahlen zurückzuführen. Wichtig zu wissen: Die Zahl der Toten hinkt der Entwicklung bei den Fallzahlen stets erheblich hinterher. Das RKI zitiert Forschungsergebnisse, denen zufolge zwischen Symptombeginn und Tod mehr oder weniger zwei Wochen vergehen. Die Zahl der Neuinfektionen hatte Anfang 2021 über mehrere Wochen abgenommen und Mitte Februar die tiefsten Werte erreicht. Es war also zu erwarten, dass auch die Todeszahlen fallen.

Auch wenn die Corona-Todeszahlen derzeit relativ niedrig sind: Die Zahl gemeldeter Neuansteckungen stagnierte zuletzt und scheint nun wieder merklich zu steigen. Watzl geht davon aus, dass die Fallzahlen bis zum Sommer weiter nach oben gehen: „Wir werden uns aus dieser Welle nicht rausimpfen können.“ Wichtig sei aber, nicht nur auf die Inzidenz zu schauen. „Wir machen keinen Lockdown, weil die Inzidenz hoch ist, sondern weil die Leute sterben und das Gesundheitssystem überlastet ist“, erklärt Watzl. Auf Sicht werde das mit dem Impfen unter Kontrolle zu bekommen sein. Marc Fleischmann

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