Archivierter Artikel vom 14.07.2021, 23:11 Uhr
Rheinland-Pfalz

Starkregen wird wohl zur Regel: Landtag diskutiert über die Folgen des Klimawandels

Die bangen Blicke im Mainzer Landtag galten am Mittwoch dem Himmel und den Fluten: Direkt vor den Türen der Mainzer Rheingoldhalle steigen derzeit die Wasser des Rheins Stunde um Stunde an, noch während der Debatte im Landtag gingen Katastrophenmeldungen aus der Eifel ein. „Die heutigen Starkregenereignisse zeigen uns eindrücklich die Auswirkungen des Klimawandels“, sagte Klimaschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) und rief die Menschen im Land zu Wachsamkeit und Vorsorge auf.

Von Gisela Kirschstein
Während sich die Menschen in Ahrbrück (Kreis Ahrweiler) auf den angekündigten Starkregen vorbereiteten, debattierte der Landtag in Mainz über die Folgen des Klimawandels. Eine zentrale Frage: Sind Städte und Gemeinden ausreichend vorbereitet? Foto: Thomas Frey/dpa
Während sich die Menschen in Ahrbrück (Kreis Ahrweiler) auf den angekündigten Starkregen vorbereiteten, debattierte der Landtag in Mainz über die Folgen des Klimawandels. Eine zentrale Frage: Sind Städte und Gemeinden ausreichend vorbereitet?
Foto: Thomas Frey/dpa

„Informieren Sie sich, nehmen Sie die Situation ernst“, appellierte die Ministerin an die Bevölkerung, und warnte insbesondere die Campingplatzbetreiber an den Flüssen: „Behalten Sie die Situation im Blick, und treffen Sie Vorkehrungen!“ Der Hochwassermeldedienst des Landes warnt seit Mittwoch vor stark steigenden Pegelständen an Mosel, Saar, Sauer und Rhein.

Grund ist ein Tiefdruckgebiet, das sich kaum vom Fleck bewegt und für die Jahreszeit ungewöhnlich hohe Regenmengen mit sich bringt. „Die Hauptkraft, die dahintersteckt, ist die globale Temperaturerwärmung“, betonte der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Hartenfels, schon jetzt gebe es in Rheinland-Pfalz einen Temperaturanstieg von 1,6 Grad. „Das sorgt für 5 Prozent mehr Wasserdampf in der Atmosphäre, der für mehr Extremereignisse sorgt“, erklärte Hartenfels weiter. Die Folge: „Starkregen, Hochwasser – das sind nicht mehr Einzelfälle oder Ausnahmen, sondern das wird zunehmend zur Regel.“ Die Schäden lägen schon jetzt laut Versicherern bei rund 1,7 Milliarden Euro allein für den Juni in Süddeutschland, sagte Hartenfels weiter, das sei der zweitgrößte Schadensfall in den vergangenen 20 Jahren.

Die Regenfluten führten aber auch in der Landwirtschaft zu Schäden auf den Feldern, sagte SPD-Redner Nico Steinbach. Ein Problem seien dabei die Mono-Mais-Kulturen, führte Steinbach weiter aus. Abhilfe gebe es mit Mischkulturen und Erosionsriegeln, bei denen bestimmte Pflanzen als Schutzriegel auf den Feldern gepflanzt werden. Steinbach forderte, für solche Erosionsriegel brauche es „aber auch eine gewisse Verbindlichkeit“.

Ministerin Spiegel forderte die Kommunen auf, sich fit für den Klimawandel und für solche Starkregenereignisse zu machen. Das Land hatte 2009 ein Hochwasserberatungszentrum gegründet, das den Kommunen bei der Aufstellung von Hochwasservorsorgekonzepten hilft. Rund 1100 Kommunen hätten sich bereits auf diesen Weg gemacht – nur etwa ein Viertel hat aber ein fertiges Konzept. „Die Ereignisse heute zeigen, wie wichtig solche Konzepte sind“, betonte Spiegel. Dabei gehe es um gut funktionierende Meldeketten, aber auch um Notabflusswege sowie angepasstes Bauen. Starkregen und Klimawandel müssten mitgedacht werden, wenn Nachverdichtung stattfinde oder Neubaugebiete geplant würden, mahnte Spiegel.

„In Österreich hat man verschiedene Formen von dezentralen Rückhaltebecken gebaut zur Speicherung des Regenwassers“, führte der Fraktionschef der Freien Wähler, Joachim Streit, an und empfahl eine Exkursion nach Niederösterreich – dort gebe es sogar Hochschullehrstühle zu dem Thema. Die CDU kritisierte hingegen, vor Ort werde noch immer die Pflege der Entwässerungsgräben „sträflich vernachlässig“. Das Umweltministerium habe hier seine Zusagen zur Abhilfe nicht eingehalten, klagte CDU-Abgeordneter Johannes Zehfuß.

Allein die AfD meinte, der Einfluss des Klimawandels könne per Gutachten doch „überhaupt nicht belegt werden“. FDP-Umweltexperte und Landwirt Marco Weber widersprach dieser Aussage energisch: „Ich brauche keine Studie, ich erlebe anhand meiner Arbeit, die ich täglich tue, dass sich etwas verändert – und zwar stellenweise negativ.“

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein