Bad Neuenahr-Ahrweiler

Nach der verheerenden Katastrophe im Ahrtal: Die Zahl der Toten steigt und steigt

Die Bilanz der Flutkatastrophe im Ahrtal wird mit jedem Tag schrecklicher. Auch am fünften Tag danach sind in dem Katastrophengebiet im nördlichen Rheinland-Pfalz noch immer Tote geborgen worden. Ihre Zahl stieg von Sonntag auf Montag auf bereits 117. Im ebenfalls von der Regenflut stark getroffenen benachbarten Nordrhein-Westfalen wurden 46 Todesopfer gezählt.

Die Aufräumarbeiten laufen – und doch sind die Verwüstungen im Ahrtal auch Tage nach der Hochwasserkatastrophe kaum zu überblicken. Die Infrastruktur ist zerstört, darunter auch diese Brücke in Bad Neuenahr.
Die Aufräumarbeiten laufen – und doch sind die Verwüstungen im Ahrtal auch Tage nach der Hochwasserkatastrophe kaum zu überblicken. Die Infrastruktur ist zerstört, darunter auch diese Brücke in Bad Neuenahr.
Foto: dpa

Die Polizei in Rheinland-Pfalz rechnet angesichts der unfassbaren Zerstörungen außerdem mit weiteren Opfern. „In welchem Ausmaß, können wir nicht sagen“, berichtete Polizeisprecher Lars Brummer am Montag in Koblenz. Wie viele Menschen vermisst werden, sei unklar, weil Handy- und Telefonnetze nicht überall funktionieren. Zudem konnten noch nicht alle Vermisstenmeldungen abgeglichen werden.

„Wir sind insgesamt immer noch in einem vierstelligen Bereich“, sagte der Mainzer Innenminister Roger Lewentz (SPD) zu den Vermisstenmeldungen. Die Zahl der in der Katastrophe ums Leben gekommenen Menschen steige weiter an. „Und wenn Sie diese Verwüstungen hier sehen, dann können Sie sich vorstellen, dass wir noch weitere tote Menschen finden werden.“ Die Polizei habe begonnen, „Planquadrat für Planquadrat in die Häuser hineinzugehen“. Bis zu 1200 Polizeibeamte seien im Einsatz. „Wir sind eingestellt auf eine enorm lange Lage. Das wird nicht in Wochen zu bewältigen sein, sondern wir gehen von Monaten aus“, sagte der Minister.

„Wir erleben in diesen Tagen eine unfassbare Tragödie“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bei einem Besuch in Bad Neuenahr-Ahrweiler im Katastrophengebiet. Es handele sich um eine Ausnahmesituation, „die wir auch bei allen Anstrengungen vor Ort nur in einem großen nationalen Kraftakt bewältigen können“. Die Kosten für den Wiederaufbau schätzte der Innenminister auf mehrere Milliarden Euro.

In Begleitung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Lewentz machte sich Seehofer auch einen Eindruck von Hilfseinsätzen wie dem Aufbau mobiler Trinkwasseranlagen durch das Technische Hilfswerk (THW). Diese können 30.000 Liter Wasser pro Stunde aufbereiten und somit Tausende von Menschen in der Region versorgen.

Klappte das Meldesystem?

Unterdessen kommen nach der Katastrophe an der Ahr kritische Fragen zum Hochwasser-Warnsystem auf. Der Katastrophenschutz in Deutschland sei gut aufgestellt, sagte Seehofer. Bund, Länder und Kommunen müssten sich aber auch gemeinsam Gedanken machen, welche Lehren aus dem Krisenmanagement zu ziehen seien. Es wäre falsch, „in der Arroganz (zu) verharren“, dass man nichts mehr verbessern könne.

Die rheinland-pfälzische Landtagsfraktion der Freien Wähler sprach am Montag hingegen von einem „Versagen in Meldeketten“. Der Fraktionsvorsitzende Joachim Streit schloss sich dem Vorwurf der britischen Wissenschaftlerin Hannah Cloke an, die den Behörden ein „monumentales“ Systemversagen in der Flutkatastrophe vorwarf. Schon am 10. Juli und somit vier Tage vor den extrem starken Regenfällen seien beim Bund Warnmeldungen des Europäischen Hochwasserwarnsystems (Efas) eingegangen, erklärten die Freien Wähler. Cloke war am Aufbau des Efas (European Flood Awareness System) beteiligt, das nach den verheerenden Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 gegründet worden war.

„Im Moment kümmern wir uns um das, was passiert ist“, hieß es im Krisenstab im besonders schwer getroffenen Kreis Ahrweiler. Die Landesregierung hatte am Sonntag auf das rasante Tempo verwiesen, mit dem die Wassermassen alles mitgerissen hatten.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hatte in Schuld und in Adenau am Sonntag gesagt: „Alle hatten ihren Hochwasserschutz aktiviert.“ Zudem betonte sie, dass es ein sehr ausgeklügeltes Hochwasser-Meldesystem gebe. Innenminister Lewentz hatte von einer „Momentexplosion des Wassers“ gesprochen, die auch Warngerätschaften zerstört und zusammen mit Gebäuden weggerissen habe. Der Bürgermeister des von den Verwüstungen besonders stark getroffenen Dorfes Schuld, Helmut Lussi (CDU), sagte, man könne den Behörden keinen Vorwurf machen. „In so kurzer Zeit zu reagieren, ist schier unmöglich.“ Der Wasserpegel der Ahr habe 8,78 Meter erreicht – nach 3,60 Metern beim letzten Hochwasser.

Die rheinland-pfälzische Mobilitätsministerin Anne Spiegel (Grüne) forderte vom Bund direkte Mittel zur Wiederherstellung zerstörter Bahnstrecken im Katastrophengebiet. „Eisenbahnbrücken sind zerstört, Schienen unbefahrbar – bis heute sind vor allem die Ahrtalbahn und die Eifelstrecke weitgehend unbenutzbar und deshalb gesperrt“, teilte Spiegel mit. Die Wiederherstellung werde nach erster Einschätzung Monate bis Jahre dauern.

400 Millionen Euro Soforthilfe

Das alles wird unglaublich viel Geld verschlingen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Sonntag beim Besuch in dem zerstörten Dörfchen Schuld umfassende Hilfen zugesagt – jetzt will die Bundesregierung auch Taten folgen lassen. Bund und betroffene Länder wollen den von der Flutkatastrophe betroffenen Menschen und Regionen im großen Stil, schnell und unbürokratisch helfen. Dafür soll eine Soforthilfe von mindestens 400 Millionen Euro bereitgestellt werden. In Anbetracht des Ausmaßes der Zerstörung könne damit vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz akute Not gelindert werden.

Bund und betroffene Länder teilen sich die Kosten zu je 200 Millionen Euro, hieß es am Montag aus Regierungskreisen. Bei Bedarf könnten die Mittel aufgestockt werden. Schließlich hat sich die zerstörerische Flut auf Teile von Bayern und Sachsen ausgeweitet. So könnte sich bald zeigen, dass die 400 Millionen Euro nur ein erster Aufschlag waren.

Die Flutsoforthilfe, die von den Kommunen ausgezahlt werden soll, ist Teil eines großen Maßnahmenpakets, das unter Federführung von Finanzminister Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Innenminister Seehofer erarbeitet wird. Dazu wird auch ein milliardenschwerer Wiederaufbaufonds für zerstörte Infrastruktur in den Flutgebieten gehören. An diesem Fonds sollen sich neben dem Bund dann alle 16 Länder finanziell beteiligen. Neue Kredite muss der Bund laut Scholz für die Fluthilfen erst einmal nicht aufnehmen.

Im Gespräch ist, dass es dazu in den kommenden zwei bis drei Wochen eine virtuelle Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin gibt. Dabei muss neben Finanzfragen geklärt werden, ob und wie der Bundestag bei dem geplanten nationalen Kraftakt beteiligt wird. Die Grünen forderten eine schnelle Sondersitzung des Parlaments und einen Nachtragshaushalt. „Schnelles Handeln ist jetzt überlebenswichtig“, sagte der haushaltspolitische Sprecher der Grünen, Sven-Christian Kindler.

Die Mainzer Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) hat zudem für die von der Flut betroffenen Kommunen das Haushaltsvergaberecht zunächst bis Jahresende ausgesetzt. Damit können öffentliche Aufträge schneller und unbürokratischer vergeben werden.