Mainz/Bad Neuenahr-Ahrweiler

Landesamt warnte vor Jahrhunderthochwasser: Wurden die Bürger im Ahrtal ausreichend alarmiert?

Der Landkreis Ahrweiler wurde bereits am späten Nachmittag des 14. Juli vor einem Jahrhunderthochwasser im Ahrtal gewarnt. Das hat eine Anfrage unserer Zeitung beim Landesamt für Umwelt ergeben, bei dem die Hochwasservorhersagezentrale angesiedelt ist.

Jahrhundertflut: Diese von European Space bereitgestellten Satellitenbilder zeigen links das Dorf Liers und die Ahr vor dem Unwetter und rechts die ganzen Ausmaße der Flutkatastrophe.
Jahrhundertflut: Diese von European Space bereitgestellten Satellitenbilder zeigen links das Dorf Liers und die Ahr vor dem Unwetter und rechts die ganzen Ausmaße der Flutkatastrophe.
Foto: GeoEye-1/2021 European Space Imaging /dpa

Dort heißt es: „Es wurde bereits am Dienstag, 13. Juli, für das Ahrgebiet die Warnklasse zwei (gelb) ausgegeben. Am Mittwoch, 14. Juli, vormittags, hat die Hochwasservorhersagezentrale die Warnklasse vier (rot, zweithöchste Warnstufe) und für die Ahrregion um 17.17 Uhr die höchste Warnklasse fünf (lila, höchste Warnstufe) herausgegeben.“ Dabei handelt es sich um eine sehr hohe Hochwassergefährdung. Erwartet wird dabei ein Hochwasser, das im statistischen Mittel frühestens alle 50 Jahre einmal eintritt. Bei dieser Warnstufe ist mit der Überflutung bebauter Gebiete in größerem Umfang zu rechnen, und der Einsatz der Wasser- oder Dammwehr ist in größerem Umfang erforderlich.

In welcher Weise und wie schnell die Kommunen aufgrund dieser dramatischen Frühwarnung Stunden vor der Flutkatastrophe reagiert haben, ist derzeit noch nicht abschließend zu klären. Eine Anfrage unserer Zeitung bei der Kreisverwaltung Ahrweiler – der Landrat übernimmt bei solchen Katastrophen die Einsatzleitung – blieb bislang unbeantwortet. Klar ist, dass nach der Warnung durch die Hochwasservorhersagezentrale die Kommunen im Ahrtal für den Katastrophenschutz verantwortlich sind. „Alle aus den Hochwasservorhersagen abgeleiteten Maßnahmen obliegen den für die Gefahrenabwehr zuständigen Stellen, zum Beispiel den Kreis- und Stadtverwaltungen“, heißt es aus dem Landesamt für Umwelt. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) hat nach eigenen Angaben bereits am Dienstag ihre Koordinierungsstelle aktiviert, „um für etwaige Unterstützungsmaßnahmen für die zuständigen Kommunen gerüstet zu sein. Darüber hat die ADD alle Kommunen im Land informiert. Die Unterstützung wurde angeboten.“

Große Verunsicherung

Am Dienstag befand sich die Warnstufe aber noch auf Gelb, es bestand also eine mäßige Hochwassergefährdung, was die Kommunen nicht sehr beunruhigt haben dürfte. Einen Tag später sprang die Warnampel jedoch bereits auf Rot, von Stufe zwei auf vier, später dann auf fünf. Nach Informationen unserer Zeitung löste diese Eskalation der Warnmeldungen bei vielen Kommunen offenbar große Verunsicherung aus. Es soll daher zu etlichen Nachfragen in Mainzer Ministerien gekommen sein.

Hintergrund für die dramatische Lage am Mittwoch dürfte auch gewesen sein, dass sich solche Starkregenereignisse sehr schwer punktgenau vorhersagen lassen. „Für Pegel mit einem kleinen Einzugsgebiet ist eine zentimetergenaue, zeitscharfe Vorhersage des Wasserstandes, wie wir sie an den großen Flüssen über den Hochwassermeldedienst verbreiten, nicht möglich“, heißt es aus dem Landesamt für Umwelt. Einerseits sei die Zeitspanne zwischen Regenereignis und Wasserstandanstieg sehr kurz, andererseits könnten „Starkniederschläge räumlich, zeitlich und mengenmäßig nicht ausreichend genau vorhergesagt werden“. Daher werde für Einzugsgebiete von weniger als 500 Quadratkilometern eine regionsbezogene Hochwasserfrühwarnung durchgeführt.

Über die bereits seit Anfang der vergangenen Woche vom Deutschen Wetterdienst ständig herausgegebenen Unwetterkarten hinaus sei vom Hochwassermeldedienst ab dem 13. Juli eine konkrete Hochwassergefährdung für die Ahrregion ermittelt worden. Das Landesamt betont aber auch: „Das dramatische Extremwetterereignis war jedoch kein klassisches Hochwasser, sondern ein Starkregenereignis über eine große Fläche in einem bislang so nicht gekannten Ausmaß. Kleine Bäche sind auf großer Fläche zu mitreißenden Fluten herangeschwollen. Bei solchen Ereignissen lässt sich nicht vorhersagen, wie schnell sich kleine Flüsse wie die Ahr füllen werden.“

Unterdessen wird immer deutlicher, welche Schäden diese Flutwelle an der Infrastruktur im Ahrtal hinterlassen hat. „Das Ausmaß ist noch nicht abschätzbar“, sagte eine Sprecherin des Landesbetriebs Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) in Koblenz. Seit Montag seien Experten mit der Schadensaufnahme beschäftigt. „Wir sind dran, haben aber noch keine Auflistung, was alles kaputt ist.“

Einen ersten Überblick über zerstörte Straßen und Brücken könne es möglicherweise Ende dieser Woche geben, sagte die LBM-Sprecherin. Prüfer seien am Ort, um zu schauen, welche Brücken saniert werden könnten oder abgerissen werden müssten. Es gebe auch noch Orte, die komplett abgeschnitten seien, dazu zähle Mayschoß im Kreis Ahrweiler.

Auch die Schäden bei der Bahn werden immer deutlicher. Allein sieben Regionalverkehrsstrecken seien so stark zerstört worden, dass sie neu gebaut oder umfangreich saniert werden müssten, teilte die Deutsche Bahn mit. Insgesamt seien Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern von den Unwetterfolgen betroffen. Rund 80 Bahnhöfe wurden der Mitteilung zufolge durch das Unwetter beschädigt.

Satellitenschüsseln für Mobilfunk

Nach dem Ausfall von mehr als 500 Mobilfunkstationen im Katastrophengebiet nahmen die Netzbetreiber mehr als 70 Prozent der Anlagen wieder in Betrieb. Nach wie vor gebe es aber an vielen Orten keinen oder nur eingeschränkten Empfang, teilte das Digitalisierungsministerium in Mainz mit. Nötig sei eine gemeinsame Kraftanstrengung der Mobilfunkunternehmen, um die Situation am Ort zu verbessern, sagte Minister Alexander Schweitzer (SPD). Der Katastrophenstab des Landes baute im Kreis Ahrweiler zwölf Satellitenschüsseln für die Bevölkerung auf. Die Zahl solle auf 35 gesteigert werden, teilte die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier (ADD) mit. Betroffene könnten sich einwählen und so einen Zugang zum Internet bekommen.

Sechs Tage nach dem Unwetter im Norden von Rheinland-Pfalz werden dort noch 170 Menschen vermisst. 122 Menschen wurden tot geborgen. In Nordrhein-Westfalen starben 47 Menschen.

Aus Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus im rheinland-pfälzischen Katastrophengebiet starteten Landesregierung und Kreisverwaltung im Ahrtal eine Impfaktion mit einem Bus. Ohne Anmeldung können sich Bewohner der Region dort impfen lassen, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. In dem Bus gibt es auch die Möglichkeit zu Schnelltests.

Die Polizei warnte unterdessen vor falschen Durchsagen im Katastrophengebiet. Es lägen Informationen vor, wonach Fahrzeuge mit Lautsprechern unterwegs seien, die polizeilichen Einsatzfahrzeugen ähnelten, teilte die Polizei in Koblenz mit. Mit diesen werde die Falschmeldung verbreitet, dass die Zahl der Einsatzkräfte verringert werde. Nach Polizeiangaben geben sich in den Katastrophengebieten zudem Rechtsextremisten als „Kümmerer vor Ort“ aus.

Zwei gute Nachrichten in all der Zerstörung: Am Dienstag endete die einstreifige Verkehrsführung der A 61 zwischen dem Autobahnkreuz Meckenheim und Autobahndreieck Bad Neuenahr-Ahrweiler, in Fahrtrichtung Ludwigshafen. Es stehen jetzt zwei verengte Fahrstreifen zur Verfügung.

Die Landesregierung hat überdies für Betroffene der Flutkatastrophe Soforthilfen bis zu 3500 Euro pro Haushalt beschlossen. Das Geld soll ohne Bedürftigkeitsprüfung schnellstmöglich über die Kreisverwaltungen ausgezahlt werden, teilte die Staatskanzlei mit. Eine Vermögensprüfung sei nicht notwendig, Spenden würden nicht angerechnet.

Bei solchen Ereignissen lässt sich nicht vorhersagen, wie schnell sich kleine Flüsse wie die Ahr füllen werden.

Aus der Antwort des Landesamts für Umwelt auf Anfrage unserer Zeitung