Archivierter Artikel vom 24.03.2021, 07:21 Uhr
Odernheim am Glan

Kühe unter Obstbäumen: Uralte Agroforstwirtschaft lebt wieder auf

Nutztiere auf Streuobstwiesen, Ackerbau zwischen Bäumen: Früher weit verbreitet, sind sogenannte Agroforstsysteme heute eine Seltenheit. Warum eigentlich? Mittlerweile gibt es in Rheinland-Pfalz einige Pilotprojekte – mit ökologischen Vorteilen.

Von dpa/lrs

Bullen weiden auf einer Weideflächen, auf der Bäume wachsen. Agroforstwirtschaft heißt diese Kombination, bei der Bäume oder Sträucher auf Feldern genutzt oder Ackerbau und Tierhaltung kombiniert werden.
Bullen weiden auf einer Weideflächen, auf der Bäume wachsen. Agroforstwirtschaft heißt diese Kombination, bei der Bäume oder Sträucher auf Feldern genutzt oder Ackerbau und Tierhaltung kombiniert werden.
Foto: Thomas Frey – dpa

Ein brauner Bulle reibt sich an einem Stamm. Die Rinder weiden zwischen Nussbäumen. Etwas weiter weg picken auch Hühner unter Obstbäumen. Die Rinder halten das Gras kurz – und düngen die Bäume. Die Hühner fressen kleine Schädlinge. „Das ist ein geschlossener natürlicher Kreislauf“, sagt Hans Pfeffer vom Biolandbetrieb Bannmühle in Odernheim am Glan im Kreis Bad Kreuznach. Die Rinder liefern Fleisch, die Hühner Eier und die Bäume Obst.

Agroforstwirtschaft heißt diese Kombination. Dabei werden Baumkulturen mit Ackerbau oder Tierhaltung kombiniert. Der rheinland-pfälzische Landwirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) spricht in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Liberalen von möglichen Synergieeffekten, „die bezüglich der Flächenproduktivität, der Klimaanpassungsfähigkeit, der Ressourceneffizienz und der Bereitstellung von Umweltleistungen deutliche Vorteile gegenüber Reinkulturen aufweisen“.

Im Grunde ist Agroforstwirtschaft ein uraltes System, etwa mit landwirtschaftlicher Nutzung zwischen Bäumen in Streuobstlandschaften oder mit Nutztieren, die sich im Wald an Eicheln und Bucheckern laben. Laut dem Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft hat die Industrialisierung der Landwirtschaft diese nachhaltigen Systeme zunehmend verdrängt. Agroforstwirtschaft erschwere oft den Einsatz von Maschinen und verringere teils die Rentabilität. Zudem seien Agroforstflächen schließlich systematisch entweder in Land- oder in Forstwirtschaft eingeteilt worden.

Hans Pfeffer vom Biolandbetrieb Bannmühle in Odernheim am Glan erklärt den Aufbau einer seiner Weideflächen.
Hans Pfeffer vom Biolandbetrieb Bannmühle in Odernheim am Glan erklärt den Aufbau einer seiner Weideflächen.
Foto: Thomas Frey – dpa

Erst allmählich werden Agroforstsysteme wiederentdeckt. Laut Minister Wissing sorgen sie für „die Produktion von Nahrungsmitteln und Biomasse, Schutz von Klima, Boden und Wasser, Erhalt der biologischen Vielfalt und Schaffung abwechslungsreicher Kulturlandschaften“. Wissenschaftliche Studien belegten dies.

Pilotprojekte in Rheinland-Pfalz sind nach Wissings Worten „vielversprechend“. Als Beispiel nennt der Freidemokrat neben der Bannmühle den Hof Lebensberg in Obermoschel im Donnersbergkreis. Hier haben junge Leute im vergangenen Winter mehr als 30 000 Bäume und Sträucher auf 11 Hektar gepflanzt: Im Schutz rasch wachsender Weiden, Pappeln und Erlen, deren Holz später genutzt werden soll, gedeihen auch Nussbäume und Haselnusssträucher für künftige Nussernten. Dazwischen ist Ackerbau geplant – und düngende Rinder- und womöglich auch Schafhaltung.

„Regenerative Agroforstsysteme sorgen für eine hohe Bodenfruchtbarkeit, bieten einen Rückzugsort für Vögel und Insekten und ermöglichen, dass Nahrung auf verschiedenen Ebenen angebaut werden kann“, erklärt der Hof Lebensberg, den seit 2020 ein Team von zwölf Erwachsenen aufbaut. Weiter teilt der Betrieb mit: „Agroforstwirtschaft ist ökologischer als konventionelle Landwirtschaft. Sie bringt mehr Artenvielfalt. Möglichst viele natürliche Kreisläufe sollen sich dabei schließen.“ Auch in Rheinland-Pfalz sind häufig ökologisch wertvolle Hecken zugunsten großer konventioneller Äcker verschwunden – Agroforstsysteme sollen die Landschaft wieder kleinteiliger strukturieren.

Positiv können diese laut Minister Wissing auch im Kampf gegen Bodenerosion und Hochwasser wirken. Quer auf Hängen angelegte Gehölzstreifen könnten bei Starkregen den Bodenabtrag und die Fließgeschwindigkeit von Wasser verringern: „Damit reduzieren sich die Abflussspitzen in den Endpunkten der Einzugsgebiete, in denen sich häufig Siedlungsgebiete und dadurch hohe Schadenspotenziale befinden.“

Hans Pfeffer pflanzt auf einer seiner Weideflächen Nussbäume an.
Hans Pfeffer pflanzt auf einer seiner Weideflächen Nussbäume an.
Foto: Thomas Frey – dpa

Hans Pfeffer, der seine Bannmühle vor fast drei Jahrzehnten gekauft hat, kennt auch dieses Thema. Nach einer Analyse von Höhenlinien seiner Hänge hat er je nach Geländeneigung teils weit geschwungene Rinnen gezogen und daneben Bäume gepflanzt. „Damit hat das Wasser die dreifache Zeit zum Versickern und wird auch auf trockenen Stellen abgegeben“, erklärt der Landwirt. Die Produktivität der abschüssigen Weiden steige, für Rinder müsse weniger zugefüttert werden. Ein Teil der Bäume hier sind Nussbäume. Wenn sie einst nicht mehr gut tragen, lassen sich mit ihnen als Schnittholz wohl noch gute Preise erzielen. „Nussbäume sind für Bauern oft eine Altersvorsorge“, sagt Pfeffer.

Viele Vorteile also – warum sind Agroforstsysteme trotzdem selten? Der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft nennt mehrere Nachteile: relativ hohe Start- und Bewirtschaftungskosten, langfristige Kapital- und Flächenbindung durch die vergleichsweise langsam wachsenden Gehölze sowie mögliche Konkurrenz zwischen Bäumen und Ackerpflanzen um Licht, Nährstoffe, Wasser und Wuchsraum. Wissing weist zudem auf „ungünstige rechtliche Rahmenbedingungen“ hin. Dazu gehöre, dass eine finanzielle Förderung für Agrarforstwirtschaft nicht immer einfach zu bekommen sei.