Keine Ruhe zum Todestag: Fünf Jahre ist Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl tot – seine Witwe streitet weiter

Das Grab von Helmut Kohl ist auch fünf Jahre nach dem Tod des früheren Bundeskanzlers ein Anziehungspunkt. Menschen verharren im Gedenken, manche schießen ein Foto, der Lärm der Straßen dringt nur gedämpft in den Adenauerpark in Speyer. Das grüne Idyll in der pfälzischen Domstadt strahlt Ruhe aus, doch an der Gestaltung des Grabs stößt sich die Stadtverwaltung – konkret: an Zaun und Kamera.

Von Wolfgang Jung

Helmut Kohls Grab sollen ein Zaun und eine Überwachungskamera vor Vandalismus schützen. Die Stadt Speyer sieht nun keine Notwendigkeit mehr, die letzte Ruhestätte des ehemaligen Kanzlers zu schützen, und will beides zurückbauen. Dagegen wehrt sich Witwe Maike Kohl-Richter.
Helmut Kohls Grab sollen ein Zaun und eine Überwachungskamera vor Vandalismus schützen. Die Stadt Speyer sieht nun keine Notwendigkeit mehr, die letzte Ruhestätte des ehemaligen Kanzlers zu schützen, und will beides zurückbauen. Dagegen wehrt sich Witwe Maike Kohl-Richter.
Foto: Uwe Anspach

Unmittelbar nach der Beisetzung seien die Wünsche von Witwe Maike Kohl-Richter nach einer Videoüberwachung und Umzäunung zur Verhinderung von Vandalismus „nachvollziehbar gewesen“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Nun sei es Zeit, beides abzubauen. Kohl-Richter sagte im März dazu, mit der Gestaltung vollziehe sie den Letzten Willen ihres Mannes. Ein Gespräch zwischen Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) und Kohl-Richter sei zunächst ohne Ergebnis geendet, teilte die Stadt vor wenigen Tagen mit. „Es sollte weitere Gespräche geben.“

Grundsätzlich sei es eine Ehre, dass Kohl als letzte Ruhestätte Speyer gewählt habe, sagt die Sprecherin. Kosten würden nicht anfallen, für die Stadt sei es eher eine „ideelle Verpflichtung“, Kohls Vermächtnis weiter zu tragen. Kurz nach der Beisetzung sei das Interesse am Grab sehr hoch gewesen. „Das hat naturgemäß abgenommen. Trotzdem ist mein subjektiver Eindruck, dass das Grab gern besucht wird.“ Auch an diesem Tag stehen immer wieder Menschen vor Kohls letzter Ruhestätte, deren Einfassung 2019 mit Buntsandstein neu gestaltet worden ist.

„Zum Grab ist von mir aus öffentlich alles gesagt, was es dazu öffentlich zu sagen gibt“, erklärt Kohl-Richter, „und ich will an dieser Stelle nur ergänzen, dass es traurig genug ist, dass in Deutschland jetzt auch noch das Grab meines Mannes zum Gegenstand einer wirklich pietätlosen, öffentlichen Debatte gemacht wird.“

Helmut Kohls Grab sollen ein Zaun und eine Überwachungskamera vor Vandalismus schützen. Die Stadt Speyer sieht nun keine Notwendigkeit mehr, die letzte Ruhestätte des ehemaligen Kanzlers zu schützen, und will beides zurückbauen. Dagegen wehrt sich Witwe Maike Kohl-Richter.
Helmut Kohls Grab sollen ein Zaun und eine Überwachungskamera vor Vandalismus schützen. Die Stadt Speyer sieht nun keine Notwendigkeit mehr, die letzte Ruhestätte des ehemaligen Kanzlers zu schützen, und will beides zurückbauen. Dagegen wehrt sich Witwe Maike Kohl-Richter.
Foto: dpa

Der Werdegang des Helmut Kohl

Helmut Kohl wurde am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren und starb am 16. Juni 2017 in seinem Haus im Stadtteil Oggersheim. In Mainz trat der promovierte Politologe 1969 das Amt des Ministerpräsidenten an. 1976 wechselte er in die Bundespolitik, von 1982 bis 1998 war er Kanzler.

„Helmut Kohl genießt aufgrund seiner politischen Lebensleistung bei vielen Menschen große Wertschätzung.“

Maike Kohl-Richter

Kohl gilt als einer der Architekten des modernen Europas. Vor allem er brachte die europäische Integration voran und war federführend für die Gründung der EU 1993 sowie bei der Einführung des Euro zur Jahrtausendwende. Ende 1999 räumte Kohl ein, Spenden an die CDU von mehr als 2 Millionen D-Mark nicht im Rechenschaftsbericht angegeben zu haben. Er lehnte es ab, die Namen der Spender zu nennen, weil er ihnen das Ehrenwort gegeben habe. Das brachte ihm Kritik ein.

Prozess noch nicht abgeschlossen

Zum fünften Todestag am 16. Juni dauert rund 280 Kilometer rheinabwärts von Speyer ein Prozess zwischen Kohl-Richter und Kohls Ghostwriter Heribert Schwan in Köln weiter an. Kohl-Richter will erreichen, dass eine Reihe von Zitaten aus Schwans Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ nicht mehr verbreitet werden darf. Damit wendet sie sich gegen ein Urteil des Landgerichts, das ihr bezogen auf einzelne Passagen recht gegeben hatte. Auch Schwan hatte Berufung eingelegt.

In dem Berufungsverfahren entschied das Oberlandesgericht (OLG) Köln im Juni, dass die in erster Instanz durchgeführte Beweisaufnahme wiederholt werden soll. Nun will das OLG erneut Zeugen hören – und es sei davon auszugehen, dass auch Kohls Söhne geladen würden, hieß es.

In Berlin hat mittlerweile eine vom Bundestag beschlossene Helmut-Kohl-Stiftung ihre Arbeit aufgenommen – gegen den erklärten Willen von Kohl-Richter. Sie hat eine eigene Helmut-Kohl-Stiftung gegründet – um „eine der Wahrhaftigkeit verpflichteten Geschichtsschreibung“ sicherzustellen.

Öffentliche Debatte verschoben?

„Helmut Kohl genießt aufgrund seiner politischen Lebensleistung bei vielen Menschen große Wertschätzung“, teilt Maike Kohl-Richter der Deutschen Presse-Agentur zum fünften Todestag mit. „Das ist, was ich wahrnehme und erlebe. Die öffentliche Debatte spiegelt das nicht wider.“ Diese Debatte sei ein großes Ablenkungsmanöver. „In der Tat ist also eine ehrliche Debatte über Helmut Kohl und die Inhalte seiner Politik und damit im Übrigen auch über die politischen Standpunkte seiner damaligen politischen Gegner überfällig. Sie wird von jenen verhindert, die öffentlich vorgeben, sie führen zu wollen.“

Sie sehe „mit großer Freude“ dem Tag entgegen, an dem über Kohl und seine Politik wieder inhaltlich geredet, konstruktiv gearbeitet und lebendig diskutiert werde, meint Kohl-Richter. „Dafür braucht es authentische Quellen und ein ehrliches Interesse an Inhalten.“

Deshalb habe sie „in Umsetzung des Willens meines Mannes“ die Helmut-Kohl-Stiftung gegründet. Deshalb führe sie die Prozesse über seine Memoirenarbeit weiter. Und deshalb werde sie „die dem Willen meines Mannes zuwiderlaufende Bundesstiftung“ verklagen.