HELFT UNS LEBEN: Spenden schenken 400 von der Flut betroffenen Familien im Ahrtal neue Hoffnung

"Meine Frau und ich sind beide über 80 Jahre und wollten schon aufgeben. Wir hatten keine Hausratversicherung. Dank Ihrer Spende können wir, wenn die Heizung wieder läuft und wenn verputzt ist, das Nötigste anschaffen.“ Diese Zeilen schrieb im November Dieter Hupperich aus Ahrbrück an HELFT UNS LEBEN, die Hilfsaktion der Rhein-Zeitung. Es sind viele solcher Schreiben und E-Mails, die jetzt, wo es auch im Ahrtal Winter wird, im Koblenzer Verlagshaus eintreffen. Alle sind geprägt von tiefer Dankbarkeit.

Von Lars Hennemann
Lesezeit: 5 Minuten

Sie sehen der Zukunft wieder zuversichtlicher entgegen: Heike und Jakob Gabriel aus Altenahr zählen zu den 400 Familien, die sich über eine Spende von HELFT UNS LEBEN freuen können. Fotos: Jens Weber
Sie sehen der Zukunft wieder zuversichtlicher entgegen: Heike und Jakob Gabriel aus Altenahr zählen zu den 400 Familien, die sich über eine Spende von HELFT UNS LEBEN freuen können. Fotos: Jens Weber
Foto: Jens Weber

Dankbarkeit an die Adresse der zahlreichen Spenderinnen und Spender, die seit der Flutkatastrophe im Juli zum Teil aus dem gesamten Bundesgebiet kleinere und größere Summen an HELFT UNS LEBEN überwiesen hatten. 4 Millionen Euro kamen zusammen, die dann in Einzelspenden zu jeweils 10.000 Euro an 400 Familien aus den Städten Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig sowie den Verbandsgemeinden Altenahr und Adenau weitergleitet wurden.

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Die Verteilung des Geldes ist schon weit fortgeschritten: 3,5 Millionen Euro sind ausgezahlt, die noch fehlenden 500.000 sollen bis Weihnachten folgen, berichtet Manfred Wyrwoll, Geschäftsführer von HELFT UNS LEBEN. Gemeinsam mit Petra Bernhard, Birgit Reiferscheid-Zupp, Sarah Fritz und Thomas Häuser hat er in den zurückliegenden Wochen und Monaten aus weit mehr als 1000 Hilfsanträgen die Empfängerinnen und Empfänger der Spenden ausgewählt. Alle haben dies ehrenamtlich neben ihren eigentlichen Tätigkeiten beim Mittelrhein-Verlag, in dem die Rhein-Zeitung und ihre Lokalausgaben erscheinen, erledigt. „Wir haben also Wort gehalten: Wir haben schnell und unbürokratisch geholfen, und das ohne Abzug. Jeder Cent kommt da an, wo er gebraucht wird“, betont Manuela Lewentz-Twer, Vorsitzende von HELFT UNS LEBEN.

Eine weitere Familie, die sich an HELFT UNS LEBEN gewandt hatte, waren Heike Gabriel und ihr Mann Jakob aus Altenahr. „Mir fehlen die Worte, wie dankbar wir für Ihre Unterstützung sind. Sie hilft uns nicht nur finanziell. Sie macht uns Mut, unser Leben wieder aufzubauen. Wir sind unendlich dankbar, am Leben zu sein. Dank Ihrer Unterstützung können wir wieder ein paar Schritte in die richtige Richtung gehen. Hoffentlich können Sie noch vielen Menschen so helfen, wie Sie uns geholfen haben“, schrieb sie am 16. November an HELFT UNS LEBEN.

Ortstermin im schwer getroffenen Altenahr: Lars Hennemann (links), Chefredakteur der Rhein-Zeitung, und Manuela Lewentz-Twer (rechts), Vorsitzende von HELFT UNS LEBEN, besuchten die Gabriels in ihrem mittlerweile entkernten Zuhause.
Ortstermin im schwer getroffenen Altenahr: Lars Hennemann (links), Chefredakteur der Rhein-Zeitung, und Manuela Lewentz-Twer (rechts), Vorsitzende von HELFT UNS LEBEN, besuchten die Gabriels in ihrem mittlerweile entkernten Zuhause.
Foto: Jens Weber

Am Freitag besuchten Manuela Lewentz-Twer und Lars Hennemann, stellvertretender Vorsitzender von HELFT UNS LEBEN, die Gabriels in Altenahr. Dabei wurde schnell klar, wie weit das Tal noch von jeder Normalität entfernt ist. „Manche Menschen verstehen das nicht. Die denken, die Flut ist jetzt vier oder fünf Monate her, also müsste das doch jetzt wieder gut sein. Aber hier ist noch lange nichts wieder gut“, sagt Heike Gabriel.

In der Flutnacht schlug die 300 Meter vom Haus entfernte, in normalen Zeiten nur 70 Zentimeter tiefe Ahr mit über neun Meter Höhe ins Haus der Familie ein. Vater und Mutter flüchteten mit Hund und Katze auf den Dachboden, wo sie bis zum nächsten Morgen ausharrten. Der 23-jährige Sohn entkam in höchster Not aus dem Keller durch ein Fenster.

Seither versuchen sie, ihr Haus wieder herzurichten. Sie hatten Glück, im Gegensatz zu vielen Nachbarn rissen ihre Öltanks im Keller nicht. Ihr Haus ist deshalb nur relativ geringfügig mit Schadstoffen belastet. Immerhin das hat eine erste Beprobung ergeben. Aber es steht in der „blauen Zone“, in der dennoch nur unter Auflagen wiederaufgebaut werden darf. Wie genau? Man weiß es noch nicht. „Wir schauen immer nur auf den nächsten Tag“, sagt Heike Gabriel. Und: „So wie uns geht es vielen anderen. Wir wollen nicht als jemand Besonderes erscheinen.“

Das bis zur Flut schmucke Neubaugebiet sei ein „Geisterdorf, in dem niemand mehr wohnt“. Die Polizei fährt Streife, um etwa zu verhindern, dass – wie schon geschehen – Metalldiebe die noch verbliebenen Kupferrohre aus den Häusern reißen. Die Gabriels wollen sich von aller Unsicherheit nicht beirren lassen und haben von der Spende von HELFT UNS LEBEN Material für den Wiederaufbau gekauft. Bei den Nachbarn sieht es weniger gut aus: „Das Haus soll noch fallen, das auch, das auch, das auch“, sagt Jakob Gabriel und zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Ohne freiwillige Helfer wären die Gabriels nicht wenigstens an den Punkt gekommen, an dem sie heute stehen. „Als die Helfer zum Aufräumen kamen und der erste Schlag in meine Fliesen ging, war das wie ein Stich ins Herz. ich selbst hätte das nicht gekonnt“, sagt Heike Gabriel unter Tränen. Ihr Mann ergänzt: „Wir sind allen, die hier waren, sehr dankbar. Auch diese Menschen nehmen ja die Eindrücke von hier mit in ihr Leben und müssen sie verarbeiten.“

Auch Lorenz Müller aus Bad Neuenahr-Ahrweiler hat in einem Schreiben an HELFT UNS LEBEN seiner Dankbarkeit Ausdruck verliehen: „Ich habe vor Freude einige Tränen vergossen, und, was viel schlimmer ist, ich habe den Verein unterschätzt. Das werde ich nie mehr tun. Diese Unterstützung werde ich nie vergessen“, schreibt er. Jutta Kreuzberg aus Dernau beschreibt ihre Eindrücke in einer E-Mail so: „In meinem ganzen Chaos hatte ich den Antrag auf Hilfe schon fast vergessen. Dann kam die Nachricht, dass Ihr Vorstand beschlossen hat, uns etwas zu spenden. Und einige Tag später habe ich auf mein Konto geschaut und konnte es kaum glauben.“ Von den 10.000 Euro, sagt Kreuzberg solle ein Teil dazu verwendet werden, das Zimmer ihres im Heim lebenden Vaters neu auszustatten. Den Rest wolle sie sparen, bis sie wieder mehr Klarheit im Leben hat: „Wir müssen erst wieder eine Heimat finden. Seit vielen Jahren lesen wir die Rhein-Zeitung und kennen HELFT UNS LEBEN. Wer hätte gedacht, dass wir einmal dabei sein werden …“

In Dernau wird HELFT UNS LEBEN noch aus weiteren Mitteln des Vereins eine Sonderaktion umsetzen: Die Ortsgemeinde bekommt einen Bauwagen zur Einrichtung einer Waldkindergartengruppe finanziert. Bei einem ersten Besuch im Oktober hatte Manuela Lewentz-Twer dies bereits angekündigt (wir berichteten). Jetzt ist der Bau des rund 85.000 Euro teuren Wagens bereits weit fortgeschritten. Er soll noch zügig vor Weihnachten geliefert werden, die offizielle Übergabe könnte im Januar stattfinden.

„Zügig“ – das ist überhaupt weiterhin eines der zentralen Stichworte im Ahrtal. Die 4 Millionen Euro, die HELFT UNS LEBEN gesammelt hat, sind überall eine hoch willkommene Unterstützung. Insgesamt braucht das Tal aber weitaus mehr. Rund 15 Milliarden Euro sollen aus staatlichen Töpfen von Bund und Land fließen. Sollen. Der Prozess gestaltet sich allerdings zäh. Die Anträge sind kompliziert, zur Freigabe der Mittel nötige Gutachter gibt es zu wenige. Es ist mindestens das zweite Mal, dass sich die Menschen im Tal im Stich gelassen fühlen: „Wir haben am 14. Juli innerhalb von 20 Minuten unser gesamtes Hab und Gut verloren“, schreibt Elke Pouschert-Schneider aus Ahrweiler an HELFT UNS LEBEN. Und weiter: „Da wir nicht gewarnt wurden, konnten wir uns nur selbst aus der Erdgeschosswohnung retten. Sieben Sekunden später, und wir hätten es nicht überlebt.“ Die Spende von HELFT UNS LEBEN helfe sehr beim Neustart: „Sie tragen dazu bei, dass wir wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können. Vielen, vielen Dank!“

Den Blick nach vorn richten auch viele Gewerbetreibende – sofern sie das aktuell können. Aufgeben wollen sie nicht. Exemplarisch für sie schreibt Familie Papageorgiou von der Taverna Sirtaki aus Altenahr: „Vielleicht bekommen wir die Wiedereröffnung im Sommer oder Herbst hin. Im Moment sieht es zwar noch nicht danach aus, aber irgendwie müssen wir uns ja Ziele setzen.“ Die Unterstützung durch HELFT UNS LEBEN sei eine große Hilfe.

Manuela Lewentz-Twer verspricht den Gabriels zum Abschied: „Wir würden gern nächstes Jahr wiederkommen, um zu sehen, wie es Ihnen geht.“ Beide freuen sich und sprechen eine Einladung aus. Dann entsteht eine Pause. In die hinein Jakob Gabriel schließlich sagt: „Mal sehen, welche Häuser dann noch stehen ...“

Lars Hennemann