Archivierter Artikel vom 04.08.2021, 19:59 Uhr
Ahrtal

Gehen oder kämpfen? Über schwierige Entscheidungen im Krisengebiet

Rund drei Wochen nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist noch kein Ende der Aufräumarbeiten abzusehen. Die Menschen schöpfen wieder Hoffnung. Und kämpfen doch immer wieder mit den Tränen. So wie Manuela Göken. Als sie am Tag nach der verheerenden Flutwelle im Ahrtal das dpa-Foto eines Mannes auf einem Wassertank im Internet entdeckt, traut sie zunächst ihren Augen nicht. Es ist ihr Mann – Daniel Schmitz – im überfluteten Insul vor Trümmern der Katastrophe. „Das war das allerallererste Lebenszeichen, das ich von ihm hatte“, erzählt die Gastronomin vor den Trümmern ihres Hauses.

Von Ira Schaible
Foto: dpa

Telefon, Handy, Internet und die Zufahrtswege zu dem Dorf an der Ahr waren nach der Flutwelle zerstört. „Das ist das bedeutendste Foto in meinem ganzen Leben“, sagt Göken. Inzwischen funktioniert das Handynetz wieder einigermaßen, und es gibt Wasser. Die schlammigen Müllberge sind größtenteils abtransportiert, und die Bundeswehr hat eine Behelfsbrücke neben der zerstörten Bogenbrücke über die Ahr gebaut. Dazwischen stehen noch eine Reihe – provisorisch umzäunter – völlig baufälliger Häuser. Davor abgekrachte und überspülte Uferreste, die Häuser sind weg.

Am Tag der Katastrophe, am 14. Juli, ist Göken bei der Arbeit im etwa 45 Kilometer entfernten Bonn-Bad Godesberg. Zunächst kommt sie bei einer Freundin in Sinzig unter, fährt dann 24 Stunden umher, um irgendwie nach Hause zu kommen. Schließlich erreicht sie in Insul das andere Ahrufer und sieht ihren Mann vor dem gemeinsamen Haus.

Aber alles Rufen und Winken nutzt nichts – die Entfernung ist zu groß, das Wasser zu laut, alle Brücken zerstört. „Ich konnte sie nicht sehen“, sagt Schmitz. Erst Stunden später, etwa zwei Tage nach Beginn der verheerenden Regenfälle, fällt sich das Paar im höher gelegenen Nachbarort Hönningen endlich in die Arme.

„Wir haben uns wieder, alles andere ist ersetzbar“, sagt Göken jetzt. Der Keller und das Erdgeschoss des Hauses sind unbewohnbar, die Einrichtung und der Garten zerstört. „Aber unsere drei Katzen kamen nach acht Tagen zurück“, berichtet Göken. „Wir richten uns jetzt in der oberen Etage gemütlich ein.“

„In den ersten zwei Tagen hätte ich weglaufen können“, berichtet Hotelier Wolfgang Ewerts, wenige Hundert Meter weiter. „Mittlerweile bin ich überzeugt, wir schaffen das.“ Eigentlich habe er sich mit seiner Frau langsam aus dem Betrieb zurückziehen wollen, den seine Mutter 1974 mit drei kleinen Privatzimmern begründet hatte, erzählt der gelernte Koch. „Die Kraft, alles wieder aufzubauen, habe ich zunächst nicht gesehen. Jetzt habe ich sie, aber nur, weil mein Sohn mit im Geschäft ist.“ Der 28-Jährige ist gelernter Hotelfachmann, wohnt auch in Insul.

Die untere Etage des Hotels mit Küche und Speisesaal sowie der Biergarten an der Ahr sind völlig zerstört. Alles muss in den Rohbau zurückversetzt werden, aber das Gebäude kann stehen bleiben. Zunächst wurde die Rezeption abgebrochen. In den Zimmern im ersten Stock übernachteten freiwillige Helfer. „Da ist eine absolute Dankbarkeit für die Leute, die hier geholfen haben. Das hätte ich nie für möglich gehalten.“ Er habe in der Corona-Zeit noch mehrere Zehntausend Euro in das Hotel investiert und glücklicherweise eine Elementarversicherung, berichtet der 53-Jährige. Für sein neues Wohnhaus hat er sie aber nicht abgeschlossen. Erst im November ist er mit seiner Frau eingezogen. „Ein Bungalow ist zwar altersgerecht, der Nachteil ist aber: Alles steht unter Wasser.“ Drei Autos hat Ewerts auch in den Fluten verloren, „meine gesamten Bürounterlagen, Fotoalben – alles ist weg“.

Nur den Wohnwagen, den hat er retten können. Darin wollte er mit seiner Frau ihren Geburtstag feiern, er war deshalb in der Hochwassernacht zunächst nicht am Ort. Das ohrenbetäubende Getöse, das ihn dann empfing, geht ihm nicht aus dem Kopf: Wassermassen, die ganze Wohnwagen und Tanks mit sich reißen. „Was für eine Gewalt“, sagt Ewers, der in dem Flüsschen, das die Ahr normalerweise ist, als Kind schwimmen gelernt hat. Ewers hat wie die meisten hier Soforthilfe beantragt. Nur, was sind die 1000 bis 3500 Euro angesichts der Millionenschäden allein in seiner Familie? „Aber es hat ja Zehntausende getroffen“, sagt er.

Die Geräusche, die Kälte, die Dunkelheit: „Ich hab gedacht, das war es jetzt“, sagt Maria Günzel aus dem besonders getroffenen Altenahr-Altenburg. Auch ihr kommen die Tränen, wenn sie von der Nacht zum 15. Juli erzählt, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang auf dem Dachboden ihres Hauses verbracht hat – rund 250 Meter von der Ahr entfernt.

„Das Wasser stieg immer weiter, wir haben irgendwann die Dachluke aufgemacht und sind hoch“, berichtet er. Nur ein paar Anziehsachen hätten sie mitgenommen, wichtige Papiere lagen auf dem Dachboden. „Alles andere ist weg und existiert nicht mehr“, sagt Wolfgang Günzel, der wie einige im Hochwassergebiet von seinem Arbeitgeber erst mal freigestellt worden ist. Sie hätten versucht, einiges zu waschen, „aber auch nach zweimaligem Waschen roch das immer noch nach Öl“.

Nur acht Häuser in dem Ortsteil mit seinen rund 500 Einwohnern seien unbeschädigt davon gekommen. Darunter eines von Maria Günzels Schwester, das etwas höher liegt. Ihr Elternhaus dagegen musste schon abgerissen werden, einer Reihe anderer Häuser steht das noch bevor. Überall sind noch die Folgen der braunen Wasserflut zu erkennen – die meterhohen Müllberge aus Kindersachen, voll eingerichteten Wohnwagen, Bäumen, Stofftieren, zermalmtem Hab und Gut verschwinden erst nach und nach.

Rolf Gasner, dessen Familie auch mit mehreren Häusern betroffen ist, schildert beim Schlammschippen seine Eindrücke von einer Bürgerversammlung in dem evakuierten Ortsteil, die kürzlich stattgefunden hat. „Wir haben Angst, dass die Politik uns vergisst.“ Denn Altenburg werde im Gegensatz etwa zu Schuld oder Bad Neuenahr-Ahrweiler fast nie erwähnt.

Alleingelassen habe er sich schon in der Katastrophennacht gefühlt: „Wir standen oben auf dem Dach und haben gerufen“, erzählt er ganz ruhig. „Es kam keine Rettung.“ Die ersten Hubschrauber seien erst am Donnerstagmittag gekommen – wegen der Wetterverhältnisse konnten sie nicht früher starten. „Erst als die Hubschrauber kamen, wurde mir klar, dass wir jetzt evakuiert werden“, sagt der Fahrlehrer. Er muss bald wieder arbeiten und sucht eine Wohnung. „Aber jeder sucht jetzt eine Wohnung.“ Auch seine beiden Onkel Bernd und Gerd sind außerhalb des Ortes getrennt voneinander untergekommen – ihrem Elternhaus droht der Abriss.

Die Geräusche der zerstörerischen Ahrfluten lassen auch Bianca Wurst nicht mehr los, die die Horrornacht allein mit ihrer Katze auf dem Dachboden im wenige Kilometer entfernten Schuld verbracht hat. „Da sind Gastanks vorbeigetrieben und Autos, in denen noch Leute saßen“, erzählt sie – nach wie vor sichtlich schockiert. „Das Haus hat gewackelt.“ Ihr Mann Christoph sagt: „Ein Stapler ist mit Kawumm in die Ecke des Hauses gespült worden.“ Zwar standen Wasser und Schlamm meterhoch im Keller, aber das Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert hat die Flut besser überstanden als so mancher neue Bau in der Nachbarschaft – auch wenn das Baufahrzeug eine ganze Ecke eingerissen hat. Anfang des 19. und des 20. Jahrhunderts sei sein Elternhaus schon einmal starken Hochwassern ausgesetzt gewesen, berichtet Wurst. Diesmal allerdings seien so viele Trümmerteile mitgerissen worden. Die hätten das Wasser an Brücken aufgehalten und meterhoch gestaut – sicherlich ein Grund für die letztlich gut acht Meter hohe Welle, meint er.

„Wir sind innerhalb von zehn Minuten getrennt worden“, erinnert sich seine Frau Bianca. Als die Wassermassen kamen, war sie noch schnell ins Haus zurückgelaufen, um einige wichtige Unterlagen und die Portemonnaies zu holen. Ihr Mann musste sich in dem Moment vor dem an ihm vorbeitreibenden Scheunentor und dem Traktor in Sicherheit bringen. „Diese Bilder kriegt man nicht mehr aus dem Kopf“, sagt er. „In der ersten Woche habe ich keine Stunde am Stück geschlafen.“ Trotzdem: „Wir hängen beide an dem Haus und bleiben – erst mal“, sagt Bianca Wurst.

Wolfgang Günzel hat zum Glück auch eine Elementarversicherung, rechnet aber damit, dass es bis zu zwei Jahre dauert, bis er mit seiner Frau in das Haus in Altenburg zurück kann. Hotelier Ewerts sagt: „Mein Ziel ist, höchstens in einem Jahr wieder am Start zu sein.“ Göken und Schmitz wohnen zur Miete und denken ans Weggehen. „Unser Baby war unser Garten“, sagt Göken. „Ich habe jeden Stein geliebt und wusste genau, wo jede Pflanze herkam.“ Übrig ist davon nichts: Die Wassermassen haben alles mitgerissen und nur Schlamm zurückgelassen. Ira Schaible