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„Das Virus stoppt nicht an Grenzen“: Im Kampf gegen Corona fordern Forscher eine europaweite Strategie – Was das bedeutet

Von Christian Kunst
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Berlin. Europa braucht nach Ansicht internationaler Wissenschaftler eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung des Coronavirus. Mit offenen Grenzen könne ein einzelnes Land die Zahl der Covid-19-Fälle nicht niedrig halten, heißt es in einem Positionspapier, das internationale Wissenschaftler um die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht haben. „Wenn europäische Regierungen jetzt nicht handeln, sind weitere Infektionswellen zu erwarten, die in der Folge Gesundheit, Gesellschaft, Arbeitsplätze und Wirtschaft schädigen“, heißt es in dem Papier der Initiative „Contain Covid-19“, das bislang mehr als 330 Experten unterzeichnet haben. Aus Deutschland gehören dazu etwa die Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek, auch der sonst eher zurückhaltende Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, und Leopoldina-Präsident Gerald Haug.

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Die Forscher fordern, die Zahl der täglichen Neuinfektionen durch koordiniertes Vorgehen auf höchstens 10 pro 100.000 Einwohner und Woche zu begrenzen – in ganz Europa: „Wenn in irgendeiner Nachbarregion, in einem Nachbarland die Fallzahlen extrem hoch sind, dann ist es so, als würde man wieder und wieder neue Infektionsketten starten. Das Virus stoppt nicht an unseren Grenzen“, sagt Priesemann. „Und diese Infektionsketten laufen erst mal unerkannt los, bis sie gestoppt werden. Das heißt, die Anzahl von Neuinfektionen in diesem Land oder in einer bestimmten Region ist absolut proportional zu all den Regionen, mit denen dieses eine Land verbunden ist.“ Laut der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Prainsack von der Uni Wien zeigen Beispiele von großen Staaten wie Australien oder China, die die Mobilität innerhalb ihrer Grenzen sehr stark eingeschränkt haben, „dass sie viel besser abgeschnitten haben als zum Beispiel die USA, die zwar nach außen hin den Reiseverkehr beschränken, aber nach innen nicht stark“.

Nach Aussage von Priesemann ist eine Inzidenz von maximal zehn eine Menge, „die wir mit den Gesundheitsämtern ganz gut noch in den Griff bekommen. Wir wissen, dass wir dafür genug Tests haben. Wir wissen, dass wir auch noch einen Sicherheitsabstand haben zu den 35 oder 50, die wir ja als Obergrenze mal im Frühjahr definiert hatten. Wenn wir erst mal bei zehn sind, wenn auch alle anderen Nachbarländer bei zehn sind, wird es viel, viel einfacher.“

Die Physikerin hat den Aufruf initiiert, „weil ich denke, dass in der Wissenschaft ein wirklich sehr, sehr breiter Konsens herrscht, dass niedrige Fallzahlen nur Vorteile haben“, sagt Priesemann, die am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen forscht. Hohe Fallzahlen hätten hingegen keinerlei Vorteile. „Es lohnt sich, die Fallzahlen konsequent herunterzubringen, und dann auch wirklich sehr konsequent dort unten zu halten. Wir haben bei niedrigen Fallzahlen wesentlich mehr Freiheiten.“ Um dies zu veranschaulichen, benutzt Priesemann ein Bild, das im fußballverrückten Deutschland verfangen dürfte: „Ich versuche es manchmal zu beschreiben wie ein extrem verrücktes Fußballspiel. Da ist diese Virusmannschaft. Sie versucht, Tore zu schießen. Und dieses Fußballspiel ist verrückt. Jedes Mal, wenn die Virusmannschaft ein Tor schießt, bekommt sie bis zu drei neue Spieler. Ist es besser, gegen die kleine Mannschaft oder gegen eine große Mannschaft zu spielen? Das illustriert genau, was exponentielles Wachstum ist. Solange die Verteidiger in Überzahl spielen, ist das überhaupt kein großes Problem. Jeder Einzelne hat mehr Freiheiten. Sobald die Verteidiger in Unterzahl geraten, dann wächst die Virusmannschaft mehr und mehr. Die Verteidiger kommen nicht mehr hinterher.“ Ihre Schlussfolgerung lautet: „Wir müssen diesem Virus die Wege abschneiden. Wir müssen Infektionsketten brechen.“

Das Ziel – eine Inzidenz von maximal 10 pro 100.000 Einwohner – sei in vielen Ländern erzielt worden und könne in Europa bis spätestens zum Frühjahr auch wieder erreicht werden. Konsequente Beschränkungen hätten sich als wirksam erwiesen. Sobald es gelungen sei, die Zahl der Neuinfektionen herunterzubringen, sei eine Lockerung der Maßnahmen möglich. Sie sollten aber streng überwacht werden, etablierte Maßnahmen wie Hygieneregeln oder Kontaktverfolgung sollten beibehalten werden. Darüber hinaus müssten mindestens 300 Tests pro Tag pro eine Million Einwohner zur Verfügung stehen, um das Infektionsgeschehen langfristig auf niedrigem Niveau halten zu können. Lokale Ausbrüche erforderten ein schnelles und rigoroses Eingreifen, inklusive Reisebeschränkungen und regionaler Lockdowns. Christian Kunst/dpa