Archivierter Artikel vom 23.09.2021, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Das absolute Feindbild: Schutzmaßnahmen wie Masken werden zum Symbol der Unterdrückung

Es ist ein Unbehagen, das sich breitmacht. Der Sitznachbar im Zug: demonstrativ ohne Maske. Ein Kunde beim Bäcker: ohne Mund-Nasen-Schutz, ohne Abstand, aber mit wütenden Worten zur Corona-Politik. Was tun? Diese Frage stellen sich viele seit mehr als einem Jahr immer wieder. Und nun, nach dem Verbrechen von Idar-Oberstein, wohl noch mehr.

Von Sophia Weimer

Symbolbild
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Foto: dpa

Die Gräben scheinen tief. Zwischen denen, die sich unterdrückt fühlen von den Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Und denen, die die gemeinsamen Regeln einhalten, um sich und andere zu schützen. Es geht um Impfungen, Verschwörungstheorien und um Masken.

Für die Sozial- und Rechtspsychologin Pia Lamberty sind die Gegner der Corona-Politik nichts vollkommen Neues. „Dieses verschwörungsideologische Milieu war aus meiner Sicht vorher eher lose verstreut. In der Pandemie hatte man auf einmal ein gemeinsames Feindbild“, sagt Lamberty, die Geschäftsführerin beim Center für Monitoring Analyse und Strategie (CeMAS) ist. „Corona hat diese Szene vereint.“ Die Maske an sich sei ja etwas Neutrales. „Das ist eine Schutzmaßnahme, und die wurde eben in der Pandemie zum absoluten Feindbild stilisiert von verschwörungsideologischen Kräften, von rechtsextremen Kräften“, erklärt Lamberty. „Sie ist nun ein Symbol einer scheinbaren Unterdrückung auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite eben auch eine Form, dass man sich selbst als scheinbarer Widerstandskämpfer inszenieren kann.“

Für viele Bürgerinnen und Bürger fühlt sich die Stimmung seit Monaten aufgeheizt an. Anfangs der Pandemie hatten Soziologen die Idee, dass Corona die Menschen demütig machen und zusammenschweißen könnte. Davon spüren viele heute wenig. Ist die Gesellschaft gespalten in Corona-Leugner und andere? „Gesellschaften sind nie komplett vereint, es gibt immer Subgruppen. Und ich glaube, Corona hat das einfach noch mal sichtbarer gemacht“, ist Lamberty überzeugt. Schon vor der Corona-Pandemie hätten sie und ihre Kollegen Studien angefertigt: „Und da konnte man schon sehen, dass der Verschwörungsglaube mit einer gesteigerten Gewaltbereitschaft einhergeht.“

Wenn man jetzt über das Verbrechen in Idar-Oberstein spreche, müsse man auch darüber sprechen, wie viel Gewalt es in den vergangenen eineinhalb Jahren schon gab. „Die Angriffe auf die Presse, die Angriffe auf Impfeinrichtungen, Aggressionen im Supermarkt, in Arztpraxen, mobile Impfteams, die Polizeischutz brauchen – da ist die ganze Zeit etwas in der Gesellschaft, was so aus meiner Sicht aber nie ernst genug genommen wurde.“

Auch die Sicherheitsbehörden sehen eine Radikalisierung unter Kritikern der Corona-Politik. Mittlerweile werden auch Teile der „Querdenken“-Bewegung vom Verfassungsschutz beobachtet. Da die Szene sehr vielfältig ist, wurde eine eigene Kategorie mit dem Namen „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ geschaffen. Damit darf der Inlandsgeheimdienst Daten zu bestimmten Personen aus der Szene sammeln. Grund für den Schritt sei nicht etwa die Kritik an den Corona-Maßnahmen, wie Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang betonten, sondern die Radikalisierung von Teilen der Bewegung. Für Lamberty wäre ein erster Schritt eine Politik, „die sich klar äußert zu ,Querdenken‘ als Problem und das nicht als Kritik verharmlost.“

Wie aber reagiert man nun, wenn jemand die Maske nicht trägt oder sogar aggressiv auftritt? „Ich glaube nicht, dass jeder jetzt in einer unmittelbaren Gefahr ist. Es ist wichtig, sich das klarzumachen“, sagt Lamberty. „Man kann was sagen – aber die eigene Sicherheit sollte man dabei immer auch im Blick behalten.“ Die Frage sei aber auch, wer die Maskenpflicht durchsetzen soll. „Ist das wirklich etwas, was man von einer Kassiererin erwarten kann? Oder braucht es da nicht vielleicht andere Ansätze?“ Das könne etwa eine Security-Person im Laden sein. Bislang seien die Menschen damit oft alleingelassen. „Diese Tat wirkt nicht nur darin, dass ein Mensch sterben musste, sondern sie macht auch etwas mit der Gesellschaft.“ Sophia Weimer