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Flörsheim-Dalsheim

Fachwerk, Feigen und Fleckenmauer

Ganz im Süden von Rheinhessen, in der hügeligen Landschaft aus Weinreben und von rotem Mohn eingerahmten Feldern, liegt Flörsheim-Dalsheim. In der von der Sonne verwöhnten Gegend ist die Blüten- und Blumenpracht in den Gärten wie ein Feuerwerk der Farben explodiert. Üppiger als sonst stehen große Hortensienbüsche und Rosenstöcke zwischen Feigenbäumen mit prallen Früchten.

Blick auf die Augenwaide in Flörsheim-Dalsheim.  Fotos: Heidrun Braun/Rheinland-Pfalz Tourismus
Blick auf die Augenwaide in Flörsheim-Dalsheim. Fotos: Heidrun Braun/Rheinland-Pfalz Tourismus
Foto: Heidrun Braun

Die Gassen des Weinorts sind durch schmale Durchgänge zwischen den Häusern, den sogenannten „Reilchen“, verbunden. Der Name stammt aus der Franzosenzeit und wurde vom „petite ruelle“ für „kleine Gasse“ auf Rheinhessisch eingedeutscht. Alle Wege führen zur Fleckenmauer, die im 15. Jahrhundert rund um den Flecken Dagolfesheim aus unbehauenen Kalksteinen erbaut wurde und heute die älteste Stadtbefestigung Rheinhessens ist. Sie ist 1100 Meter lang, bis zu zehn Meter hoch und hat sieben Türme.

Als sie im 19. Jahrhundert ihre Funktion verlor und der um sie gezogene Wall eingeebnet wurde, nutzten die Bewohner die Gunst der Stunde. Sie bauten ihre Häuser direkt an die Mauer und sparten so die Kosten für eine Wand. Bei den öffentlichen Fleckenmauer-Führungen, von Mai bis Oktober an jedem Samstag um 17 Uhr geht es nicht nur an der Mauer entlang, sondern auch hinauf auf den Wehrgang. Er ist nur rund einen Meter breit und hatte früher kein Geländer. Die Wachposten mussten schon munter bleiben, um nicht herunterzufallen. Die Aussicht von der hier zehn Meter hohen Mauer reicht über die Dächer und Kirchtürme weit ins Land. Der Turm der katholischen Kirche ist zu großen Teilen im romanischen Stil erhalten geblieben.

Der Dreißigjährige Krieg, Hungersnot, die Pest und der pfälzische Erbfolgekrieg des französischen Sonnenkönigs setzten den Orten schwer zu und vernichteten die meisten Spuren aus der Zeit vor 1600. Im Ortsteil Nieder-Flörsheim gibt es neben dem sehenswerten Kapellenrathaus noch einige der seltenen Fachwerkbauten aus dem 16. Jahrhundert zu sehen, die an dem aufwendig angebrachten Schnitzwerk zu erkennen sind.

Rheinhessen hat nicht nur eine lange Tradition als Weinanbaugebiet, sondern auch in der Landwirtschaft. Im 19. Jahrhundert wurde es üblich, das Vieh in Ställen zu halten. Diese waren aus Holz gebaut, was sich bald als Nachteil und Gefahr erwies. Das Holz faulte im Stallklima schnell, war ein Hort für Krankheitserreger, und bei einem Brand gab es kaum eine Chance, diesen zu löschen. Das brachte den Gutsbesitzer Best aus Osthofen auf die Idee, einen Gewölbestall zu errichten. Der pfälzische Maurermeister Franz Ostermayer perfektionierte diese Stallbauten nach dem Vorbild der Kreuzgewölbe in Klosterbauten und schulte viele Maurer aus der Region. So entstanden in Rheinhessen viele Ställe, die statt Holzdecken wunderschöne Gewölbe aus Stein erhielten. Da die Ställe nun aussahen wie kleine Kirchen, nannten sie die Bauern auch „Kuhkapellen“.

Kuhkapelle in der Augenwaide in Flörsheim-Dalsheim.
Kuhkapelle in der Augenwaide in Flörsheim-Dalsheim.
Foto: Heidrun Braun

Viele der ehemaligen Ställe in Rheinhessen sind heute Straußwirtschaften, Restaurants oder Veranstaltungsräume, aber die wenigsten haben ständig geöffnet. In der Alzeyer Straße 36 gibt es eine solche Kuhkapelle, die außer montags und an Feiertagen in der Saison täglich geöffnet hat. In der als Stall gebauten und später, als die kleine Viehhaltung im 20. Jahrhundert unrentabel geworden war, im ehemaligen Winzerhof als Kelterhaus genutzten Kuhkapelle sind heute viele schöne Dinge für Haus und Garten zu sehen. Sie ist ein Verkaufsraum der Augenwaide, die mit ihrem traumhaft gestalteten Gartenmarkt den Vorstellungen von einem kleinen Paradies sehr nahe kommt. Bei Kaffee, Eisschokolade und selbst gebackenem Kuchen sitzen die Gäste zwischen Blumen, Sträuchern und Gräsern auf der Wiese am Teich unter Sonnenschirmen. Hühner, Schweine und Schafe sind bei einem Rundgang durch den Streichelzoo zu sehen.

Flörsheim-Dalsheim ist eine Station des Trullo-Radweges. Er passiert viele Trulli, die weiß zwischen den Reben hervorblitzenden Weinbergshäuschen. Sie erinnern an die Bauweise der apulischen Trulli, und es wird angenommen, dass die ersten von italienischen Arbeitern als Schutzhütten im Wingert gebaut wurden. Wie jedes Jahr am dritten Junisonntag startet am 17. Juni um 10 Uhr die Trullo-Radwanderung durch die Weinlagen der Verbandsgemeinde Monsheim und der pfälzischen Gemeinde Bockenheim. An vielen Stationen gibt es Vorträge, Kunst, Kinderprogramm sowie Weine und regionale Schlemmereien. Heidrun Braun

Weitere Informationen: Rheinhessen-Touristik, Friedrich-Ebert-Straße 17, Ingelheim am Rhein, Telefonnummer 06132/441.763, www.rheinhessen.de, www.floersheim-dalsheim.de, www.trullo-radwanderung.de.

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