„Normalität ist erst erreicht, wenn eine Frau im Vorstand keine besondere Erwähnung mehr wert ist“, sagt Yvonne Jostes. Ihr Eintreten in den Vorstand der Westerwald Bank vor wenigen Monaten ist aber definitiv noch eine Erwähnung wert – mehr als das. Die gebürtige Sauerländerin kam von einer Sparkasse in Norddeutschland in den Westerwald. Wie erlebt sie die Region – und die Bank? Darüber sprachen wir mit ihr und Vorstandssprecher Ralf Kölbach.
Die Westerwald Bank mit juristischem Sitz in Montabaur gehört mit einer Bilanzsumme von rund 4,4 Milliarden Euro zu den größten Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland – und das mitten im Herzen des Raiffeisenlandes, jenem Landstrich, in dem Friedrich Wilhelm Raiffeisen einst die Grundsteine der genossenschaftlichen Idee legte. Das Doppelinterview im Wortlaut:
Frau Jostes, Sie sind die neue Vorständin der Westerwald Bank. Herzlich willkommen in der Region! Wie geht es denn eigentlich einer Sauerländerin oder einer zumindest temporären Norddeutschen mittlerweile im Westerwald?
Jostes: Tatsächlich sehr gut. Ich würde mich auch mehr als Sauerländerin betiteln, aber trotz alledem hat die norddeutsche Zeit sicherlich auch einen Einfluss auf mich genommen und mich auf eine gewisse Art und Weise geprägt. Ich finde, dass der Westerwald sehr viel Ähnlichkeit mit dem Sauerland hat. Sauerländer und Westerwälder sind sich tatsächlich sehr ähnlich. Ich will da mal so Begriffe wie Bodenständigkeit oder auch eine gewisse Traditionstreue nennen.

Wie sind Sie im Unternehmen aufgenommen worden?
Jostes: Sehr gut, es war wirklich eine sehr herzliche Aufnahme. Es war ein Interesse an mir als Mensch vor allen Dingen, aber es war auch eine Offenheit, mir zu berichten, wofür die Westerwald Bank steht. Das habe ich sehr genossen, zum einen diese Herzlichkeit, zum anderen auch diese Offenheit, die mich erreicht hat.
Sie waren zumindest, wir haben es gerade gehört, temporär Norddeutsche, auch in einem beruflichen Kontext, nämlich in verantwortlicher Position bei der Sparkasse Westholstein. Wie fühlt sich das denn an, wenn man von den Roten zu den Blauen, den Volks- und Raiffeisenbanken, wechselt? Das wäre früher ein Riesenthema gewesen.
Jostes: Ich glaube, das ist es gar nicht mehr. Die Überzeugung, die ich aber damals schon hatte, dass Stärke in den Regionalbanken liegt, weil einfach die Nähe zur Region vorhanden ist, die ist geblieben. Und ich glaube, dass sich Sparkassen und Genossenschaftsbanken auch gar nicht so stark unterscheiden, weil beide den Fokus auf Kundennähe haben und beiden bewusst ist, dass sie eine Verantwortung für die Region tragen.

Herr Kölbach, noch einmal die Warum-Frage: Warum eine Sauerländerin und phasenweise Norddeutsche – und dann auch noch eine von den Roten?
Kölbach: Ich könnte jetzt sagen: Warum nicht? Aber das wäre eine sehr kurze Antwort. Im Hinblick auf ihren Auftrag und ihre Mentalität sind die Sparkassen und wir uns ziemlich ähnlich. Es geht um die Region, in der man lebt und in der man Verantwortung trägt. Genossenschaftsbanken sind jedoch im Unterschied zu den Sparkassen keine öffentlichen Institute, sondern gehören ihren Mitgliedern. Primärauftrag einer Genossenschaftsbank ist die Förderung des ökonomischen Wohls ihrer Mitglieder. Die Geschäftsmodelle, getragen vom Einsatz für die Region, ähneln sich aber, und auch deshalb arbeiten wir mit den geschätzten Kolleginnen und Kollegen der Nachbar-Sparkassen letztlich zusammen für das gemeinsame Ganze – unseren Westerwald.
Warum ist es möglicherweise eigentlich immer noch ein Thema, dass eine Frau Vorständin wird? Oder ist das nur noch eine längst obsolete Wahrnehmung? Sind wir doch noch nicht so weit, wie wir uns das vielleicht selbst gern aufsagen, oder spielt das längst keine Geige mehr?
Jostes: Ich glaube, solange Frauen in Vorständen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, wird ihre Berufung in Vorstandspositionen auch einfach viel stärker wahrgenommen. Und ich glaube auch, dass das tatsächlich kein reines Bankenthema ist. Das ist branchenübergreifend. Wenn ich auf meine Rolle in meiner täglichen Arbeit schaue, dann kann ich nur sagen, dass dieses Rollenbild Frau-Mann-Geschlechtereinordnung für mich gar keinen großen Unterschied macht. Denn wenn es um Führung geht, dann geht es um Persönlichkeit, dann geht es um Haltung und dann geht es um Erfahrungswerte, die jemand mitbringt. Ich glaube aber trotzdem, dass es wichtig ist, dass wir Vorbilder und Sichtbarkeit schaffen, gerade für junge Frauen. Damit sie sehen, dass solche Positionen auch erreichbar sind. Wirkliche Normalität ist erst erreicht, wenn eine Frau im Vorstand keine besondere Erwähnung mehr wert ist.

Was bedeutet für Sie ganz grundsätzlich auch im Sinne des Erfolges, des Fortbestandes, der Zukunft einer Institution wie der Westerwald Bank Regionalität? Wie bekommt man diesen Begriff strategisch plastisch?
Jostes: Ich könnte jetzt sagen, plastisch gesehen ist Regionalität eine Adresse oder vielleicht eine Filiale, die wir irgendwo im Geschäftsgebiet haben. Das wäre in meinen Augen aber tatsächlich zu kurz gesprungen. Ich verstehe unter Regionalität eher, dass wir die Menschen, die Unternehmen und die Besonderheiten der Region verstehen. Das ist für mich im Grunde das ausschlaggebende Kriterium. Und Regionalität heißt für mich auch, dass wir Entscheidungen nicht aus einer großen Entfernung treffen. Wir verstehen, welche Auswirkungen unsere Entscheidungen auf das Leben vor Ort haben. Wenn es der Region gut geht, dann geht es auch uns gut.
Wie beständig ist das im Zeitalter von Internet, Social Media und KI? Es vergeht gefühlt keine Woche, ohne dass nicht auch im Bereich der Finanzdienstleistungen eine neue Bank, ein neuer Dienstleister, etwas Hybrides auf allen Displays auftaucht und sagt „Komm zu uns, von Anchorage bis Wellington/Neuseeland, mehr brauchst du nicht“.
Jostes: Ich glaube, als regionale Bank haben wir Zukunft, wenn wir es schaffen, beides zu kombinieren. Also wenn wir zum einen die persönliche Nähe haben, aber zum anderen die digitale Leistungsfähigkeit damit verbinden. Und man muss vielleicht mal differenzieren: Es gibt sicherlich einfache Bankgeschäfte, die müssen schnell, unkompliziert und digital funktionieren. Und dann gibt es aber auch Entscheidungen, die schwerwiegender sind. Und bei solchen Entscheidungen wünschen sich manche vielleicht weiterhin den persönlichen Kontakt und den direkten Austausch. Unsere Rolle sehe ich in solchen Momenten vor allem darin, den Menschen bei diesen schwierigen Entscheidungen zuzuhören, ihre Situation zu verstehen und gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Braucht man für all das eine kritische Untergröße? Stichwort: Bilanzsumme. Sowohl bei den Sparkassen als auch bei den Volksbanken ist das Thema Fusionen durchaus ein großes ...
Jostes: Eine tatsächliche kritische Untergröße will ich gar nicht nennen. Die gibt es in meinen Augen auch nicht, weil ich glaube, dass nicht allein nur die Größe über die Zukunftsfähigkeit einer Bank oder eines Institutes entscheidet. Entscheidend ist eher, ob ein Institut wirklich dauerhaft profitabel ist, ob es regulatorisch entsprechend auch leistungsfähig und ob es entwicklungsfähig ist. Ich glaube, das sind die wesentlichen Punkte und nicht die Größe.
Kölbach: Es gibt ja auch im geografischen Westerwald noch einige kleinere Genossenschaftsbanken – und die sind erfolgreich. Das zeigt schon, dass die Größe hier nicht wirklich entscheidend ist. Zu diesen Banken haben wir selbstverständlich ein Verhältnis auf Augenhöhe im Sinne der genossenschaftlichen Idee. Und wer sind wir, dann zu sagen, diese Banken seien nicht überlebensfähig? Der Flaschenhals heutzutage ist eher das Thema Regulatorik, weil kleine Banken überproportional viel in diese Bürokratie investieren müssen. Und das Thema Personal: Wohin zieht es junge Menschen? Haben Jugendliche auch Perspektiven? Das sind eher die Themen, mit denen Kleinere oft stärker kämpfen als Größere.
Was macht auch in Krisenzeiten Erfolg aus? Kann man sich ihm gründlich und wissenschaftlich nähern? Auf der Suche nach einer Antwort befasst sich die neueste Folge des „Business Talk“ mit dem großen Soziologen und Wirtschaftsforscher Max Weber.
Was würde Max Weber sagen?
Jeder, der neu ist, verändert ein Team, indem man als jemand Neues hinzukommt – wie hat Frau Jostes begonnen, das Team zu beeinflussen?
Kölbach: Die Kollegen Kurtseifer, Tillmanns und ich sind ja schon sehr lange dabei. Unsere addierte Vorstandszeit liegt bei etwa 60 Jahren. Diese Erfahrung ist wichtig. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist aber auch wichtig, dass eine neue Perspektive hinzukommt. Frau Jostes hat vom ersten Tag an Fragen gestellt. Und diese Fragen helfen jetzt schon, Prozesse zu verbessern. Sie tut uns gut.
Sie sind in eine besondere Region gewechselt. Hat Ihnen vor dem Wechsel zur Westerwald Bank Friedrich Wilhelm Raiffeisen und sein Gedankengut etwas gesagt?
Jostes: Sein Gedankengut war mir schon bekannt. Mit der Vorbereitung auf meinen Wechsel habe ich mich dann noch mal intensiver mit seinem Werdegang beschäftigt. Seit meinem ersten Tag bei der Westerwald Bank ist dieses Interesse noch einmal gewachsen, weil wir genau in der Region tätig sind, in der Friedrich Wilhelm Raiffeisen gelebt und die Grundlagen der genossenschaftlichen Idee gelegt hat. Darauf können wir wirklich stolz sein. Sein bekanntestes Zitat, „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“, erlebe ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder. Niemand muss Herausforderungen allein bewältigen. Die besten Ideen und die besten Lösungen entstehen gemeinsam.
„Ich glaube, solange Frauen in Vorständen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind, wird ihre Berufung in Vorstandspositionen auch einfach viel stärker wahrgenommen. Und ich glaube auch, dass das tatsächlich kein reines Bankenthema ist. Das ist branchenübergreifend.“
Yvonne Jostes, Mitglied des Vorstandes der Westerwald Bank
Jetzt sind aber trotzdem die Zeiten so, wie sie sind. Zu ungebremstem Optimismus besteht im Moment zumindest selten Anlass. Was wünschen Sie sich persönlich, aber auch beruflich für bessere Stimmung?
Jostes: Ich bin ein Mensch, der sehr optimistisch durchs Leben geht. Ich glaube, wir brauchen wieder mehr Verlässlichkeit, aber auch den Glauben an unsere eigenen Stärken – daran, dass wir selbst etwas erreichen können und dass wir stark genug sind. Das ist das, was mir persönlich aktuell einfach fehlt. Deutschland verfügt über leistungsfähige Unternehmen und starke Regionen. Es herrscht sicherlich bei vielen Menschen und bei vielen Unternehmen gerade eine große Unsicherheit, und wenn wir von Investitionen sprechen, dann brauchen wir Vertrauen. Ich finde aber auch, wir dürfen Herausforderungen nicht kleinreden. Wir müssen darüber sprechen, und wenn wir darüber sprechen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir vor allen Dingen auch klar kommunizieren müssen.
Kölbach: Was sicher fehlt, ist eine Versachlichung der Diskussion. Die Diskussion rund um die ökonomische Lage ist stark emotionalisiert. Die sozialen Medien treiben die Leute vor sich her, hetzen sie teilweise gegeneinander auf. Viele Menschen bewegen sich in Blasen, die sich voneinander abschotten. Objektiv gesehen ist das Land unverändert sehr stark und die Menschen sind gut ausgebildet. Der Mittelstand ist sehr stark, auch die Großunternehmen in Deutschland sind viel stärker, als es manchmal aussieht. Unsere Unternehmen und Menschen konnten und können sich anpassen. In der Politik ganz oben fehlt ein auch emotional geprägtes Zielbild einer positiven Vision von Deutschland. Ein gesunder Patriotismus gehört dazu.
Eine abbezahlte Wohnimmobilie ist eine gute Altersvorsorge. Dabei wird der Traum von den eigenen vier Wänden immer teurer. Eigenkapital ist der Schlüssel dazu, schreibt Stefan Siebert von der LBS Süd. Ein Bausparvertrag kann die Basis sein.
„Eigenkapital ist der Schlüssel zum Wohneigentum“
Ein Thema, bei dem man viel Vertrauen braucht, ist Wohneigentum. Wer kann sich denn in Zukunft insbesondere in Deutschland Bauen und Wohnen noch leisten?
Jostes: Fatal ist es, wenn sich nur noch Menschen mit einem entsprechend hohen Einkommen Eigentum leisten können. Was junge Familien belastet, ist das Thema der hohen Baukosten, aber auch gestiegene Finanzierungskosten. Und gleichzeitig fehlt, wenn wir auf die Region schauen, Wohnraum. Vielleicht muss man deswegen das ganze Thema Wohnen auch einfach noch ein bisschen breiter denken. Also nicht nur in Richtung Neubau, sondern vielmehr auch das Thema Erwerb von bestehenden Immobilien und Modernisierung dieser Immobilien fokussieren. Wenn wir auf den Markt schauen, dann werden in Zukunft schon aufgrund des demografischen Wandels immer mehr ältere Immobilien auf den Markt kommen.
Ich habe kürzlich mit einer Sparkasse gesprochen, die sagte, von den Bausparverträgen müsse der gedankliche Staub herunter. Was halten Sie davon?
Jostes: Ich finde das Modell als Ergänzung gar nicht schlecht, weil es einfach eine gewisse Sicherheit mitbringt. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, sondern es geht um die optimale Lösung für unsere Kundinnen und Kunden. Und da wird es Situationen geben, wo das Modell Bausparvertrag der richtige Ansatz ist, und es gibt vielleicht auch Kundinnen und Kunden, wo das Modell Bausparvertrag dann wiederum nicht der richtige Ansatz ist. Das wiederum macht dann entsprechend die individuelle Beratung aus.
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Was ist das erste oder das nächste größere Projekt, was Sie in der Bank angehen möchten?
Jostes: Ich habe in den ersten Monaten viele Gespräche geführt, viel zugehört und mir erst einmal ein Bild von der Westerwald Bank und von den Menschen gemacht. Und wenn es jetzt um Zukunftsbilder geht, dann bin nicht ich allein der ausschlaggebende Faktor. Jetzt geht es darum, gemeinsam Zukunftsbilder zu schaffen. Veränderungen nicht um des Veränderns willen, sondern Veränderungen, um uns noch stärker zu machen – das muss das Zielbild sein.
Wir haben schon über die Westerwälder gesprochen: klar in der Ansage, verlässlich, bodenständig. Warum passt Yvonne Jostes vor diesem Hintergrund besonders gut in den Westerwald?
Kölbach: Ich nenne drei Eigenschaften. In der Tat die Bodenständigkeit, gekoppelt mit der Fähigkeit, aktiv zuzuhören. Sie kann sich der Sache unterordnen, und sie kann aktiv auf Menschen zugehen. Wir arbeiten alle zusammen für die gemeinsame Sache. Das ist der genossenschaftliche Gedanke, passt aber auch in die Region. Das Team ist der Star. Und dann ist es auch das Thema Leistungswille. Im Westerwald sind wir leistungsorientiert, ohne unnötig viel darüber zu reden. Das passt sehr gut zusammen.
Auch über das Menschliche hinaus?
Kölbach: Wir haben erfolgreiche Jahre hinter uns. Frau Jostes ist hinzugekommen mit dem Zielbild der Bank, dass wir den Generationenwechsel starten, das Erreichte weiter stabilisieren und ausbauen. Das ist der zentrale Punkt. Die Kultur der Bank, die Art, wie wir sind, hat unsere Westerwald Bank in den letzten Jahren erfolgreich gemacht. Und wir wollen noch erfolgreicher werden.
Im Podcast „RZ Business Talk“ sprechen Ralf Kölbach und Lars Hennemann regelmäßig über Wirtschaftsthemen. Alle Folgen unter www.rhein-zeitung.de/podcast
Jostes, Kölbach und die Westerwald Bank
Yvonne Jostes ist seit Juni Mitglied des Vorstandes der Westerwald Bank, zuständig für die Bereiche Privatkundengeschäft, medialer Service & Vertrieb und Kompetenzzentrum Immobilien. Zuvor war sie zuletzt als Verhinderungsvertreterin im Vorstand der Sparkasse Westholstein tätig. Vorherige Stationen waren unter anderem die Sparkasse Emsland, die S-Kreditpartner GmbH in Berlin und die Sparkassen Arnsberg-Sundern und Meschede-Eslohe. Ralf Kölbach gehört dem Vorstand schon seit 2013 an, seit Oktober 2022 ist er sein Sprecher. Er verantwortet die Bereiche Firmenkundengeschäft, gewerbliche Immobilienfinanzierung, Personal, Vertriebssteuerung sowie Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Die Westerwald Bank (Bilanzsumme: 4,4 Milliarden Euro) beschäftigt rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat fast 83.000 Mitglieder. Sie betreibt 18 Filialen im geografischen Westerwald. red











