Leben mit Hochbegabung
Mutter und Tochter: „Wir passen nicht ins Klischee“
Sandra Bludau (links) und Enya Bludau sind hochbegabt. Beide kennen das Gefühl, anders zu sein. Sandra Bludau zweifelt in ihrer Kindheit an sich selbst, eckt mit ihrem Wissen als Jugendliche oft an. Ihre Tochter behält ihre Talente oft für sich. Sie sind sich einig: In das Hochbegabten-Klischee passen sie nicht rein.
Hannah Klein

Ein Mathe-Ass oder ein künstlerisches Genie sein, das bedeutet hochbegabt sein – zumindest in der Vorstellung vieler. Warum das nicht immer so ist und welche Herausforderungen ein Leben mit Hochbegabung mit sich bringt – auch als Erwachsene.

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Kluge Wunderkinder, blitzschnelle Rechner und kreative Künstler: Wer an Hochbegabung denkt, hat schnell diese Bilder im Kopf. „Wir passen nicht ins Klischee“, sagt Sandra Bludau. Dabei schaut sie ihre Tochter an. Enya Bludau besucht die neunte Klasse, ist 13 Jahre alt, hochbegabt – Sandra Bludau ist es auch. Doch statt von spektakulären Rekorden, Wettbewerben und herausragenden Leistungen sprechen beide von Selbstzweifeln. Manchmal ist da das belastende Gefühl, anders zu sein.

Enya Bludaus Hochbegabung wird bereits im Kleinkindalter festgestellt. Sandra Bludau lebt 38 Jahre lang in Unwissenheit über ihre intellektuelle Begabung. Erst durch ihre Tochter beginnt sie, auch bei sich genauer hinzusehen, ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Was sich seither verändert hat und welche Herausforderungen ein Leben mit Hochbegabung mit sich bringt.

Plötzlich ist das Thema Hochbegabung präsent

„Es war schön, jemanden zu haben, der gleich fühlt“, sagt Enya Bludau. Oft fühlt sie sich allein, als Außenseiterin. Im Kindergarten findet sie keinen Zugang zu den Gleichaltrigen, in der Grundschule wagt sie einen Klassensprung. Ihre Fähigkeiten zeigt sie nicht immer, das sagt ihre Mutter. „In der Schule muss sich Enya anpassen, im Kindergarten auch. Zu Hause durfte sie immer so sein, wie sie ist.“ Eine Kinderärztin macht die Familie auf die Schnellentwicklung aufmerksam, Enya Bludau ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Mit viereinhalb wird sie getestet.

Sandra Bludau erinnert sich: „Damals hatte ich noch keine Berührungspunkte mit dem Thema Hochbegabung. Erst, als bei Enya die Hochbegabung bestätigt wurde, habe ich angefangen, zu lesen wie verrückt. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr kam das Thema Vererbung ins Spiel, also habe ich mich gefragt: Wie ist das eigentlich bei mir?“ Und je mehr die junge Mutter liest, desto sicherer ist sie: „Das muss so sein, das kann nicht anders sein.“ Doch da ist eine Frage, die sie nicht loslässt.

„Das hat viel mit meiner Identität gemacht. Ich habe meine gesamte Biografie hinterfragt.“
Sandra Bludau (45)

„Was ist, wenn du versagst?“ Eigentlich ist das Testergebnis irrelevant, das weiß Sandra Bludau. Doch die Angst vor der Gewissheit ist präsent. Insgeheim vermutet die damals 38-Jährige bereits, was sich wenig später durch einen Test bestätigt: Sie ist hochbegabt. „Das hat viel mit meiner Identität gemacht. Ich habe meine gesamte Biografie hinterfragt“, sagt die heute 45-Jährige.

Zwei Schritte vor und einen zurück: So beschreibt die Strombergerin Sandra Bludau ihre Kindheit. Ruhig, schüchtern, unauffällig, angepasst: So beschreibt sie ihr kindliches Ich. „Ich habe mich als Kind immer sehr zurückgenommen.“ Trotz Fleiß und guter Noten redet sie sich klein, erkennt ihre Fähigkeiten nicht an. „Wenn ich gute Noten bekommen habe, dachte ich immer: Ich kann was. Im nächsten Moment kam dann aber der Gedanke: So gut ist das doch nicht.“

Sandra Bludau ist 45 Jahre alt, mit 38 erfährt sie von ihrer Hochbegabung. „Das hat viel mit meiner Identität gemacht. Ich habe meine gesamte Biografie hinterfragt", sagt sie.
Hannah Klein

Hochbegabung ist zu ihrer Schulzeit kein Thema. Damals orientiert sie sich an ihren Freundinnen. Die gehen nach der Grundschule alle auf die Realschule. Sandra Bludau tut es ihnen gleich – trotz Gymnasialempfehlung. „Ich habe als Kind immer einen sicheren Anker gesucht. Wenn man unsicher ist, geht man da hin, wo man sich sicher fühlt“, sagt sie. Aus eigener Erfahrung und durch ihre Tochter weiß sie: Wenn man keine Bezugsperson hat, die einen bestärkt und begleitet, ist es für hochsensible Hochbegabte schwierig.

Ihren Schulabschluss auf der Realschule absolviert Sandra Bludau als Klassenbeste. Letztendlich entscheidet sie sich doch dazu, auf ein Gymnasium zu wechseln. „In der elften Klasse habe ich zum ersten Mal Anerkennung für mein Wissen erhalten. Auf der Realschule war ich einfach nur die Streberin.“ Als Erste in der Familie macht Sandra Bludau ihr Abitur. Mit ihrer Abschlussnote hätte sie Psychologie studieren können. Selbstzweifel hindern sie. „Das habe ich mich zu der Zeit nicht getraut. Ich war überfordert und dachte, dass ich das allein nicht schaffe.“ Also entscheidet sie sich für eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester.

Sie weiß zu viel, fühlt zu viel

Während ihrer Ausbildung eckt sie oft an: Die Schwestern im Krankenhaus versuchen, sie klein zu halten. „Eine Lehrerin hat mal gesagt: Du redest so viel und du weißt so viel, das macht manchen Kolleginnen Angst“, erinnert sich Sandra Bludau. Außerdem kommt sie in dieser Zeit an ihre Grenzen, zu sehr leidet sie mit den Kindern, spürt den Schmerz – beispielsweise bei der Blutentnahme – selbst. „Dieses Mitgefühl hat mich stark behindert.“ Die Ausbildung schließt Sandra Bludau trotzdem erfolgreich ab, fängt danach ein Sprachenstudium an. Doch noch während des ersten Semesters merkt sie: „Ich muss etwas mit Menschen machen.“ Heute hat die 45-Jährige ein Doppeldiplom als Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin, arbeitet auf dem Jugendamt.

Die starke Empathiefähigkeit: Auch heute noch kann die sehr anstrengend sein. „Manchmal würde ich das intensive Mitfühlen gern abstellen“, gesteht Sandra Bludau. In ihrem Beruf kann diese Fähigkeit aber hilfreich sein: „Ich spüre Schwingungen sehr schnell, das ist manchmal wie hellsehen. Es gibt Situationen, in denen mir total klar ist, was passieren wird – das wirkt auf andere manchmal unheimlich. Deshalb bin ich, glaube ich, so gut in meinem jetzigen Beruf.“

Eigene Fähigkeiten akzeptieren

Letztendlich zeigte der Hochbegabungstest genau das, was Sandra Bludau ihre Berufswahl erschwerte – und was sie ihr Leben lang nicht so recht einordnen konnte: „Ich war in allen Fächern gut, in keinem aber ein extremer Überflieger“, sagt sie. Die 45-Jährige ist in ihren Fähigkeiten breit aufgestellt, es gibt kein Extrem. Heute setzt sie diese Fähigkeit bewusst ein. „Das hilft mir oft, weil ich mich in alles sehr gut einarbeiten kann.“

Die Strombergerin ist vielseitig interessiert, will vieles ganz genau wissen, egal ob Handwerk oder Gartenarbeit. „Man könnte meinen, du hast das studiert“, lauten da manchmal die Kommentare. Nicht alle in Sandra Bludaus Umfeld können mit ihrem Wissen umgehen. „Viele fassen das als anstrengend auf, als wolle ich mich profilieren“, erzählt sie. Manchmal beobachtet sie sich selbst von außen: „Dann merke ich, dass ich anderen zu viel rede, bremse mich und nehme mich zurück. Auch wenn ich aufgeregt bin, rede ich mich schnell in Feuer und Flamme.“

„Ich will mich nicht mehr verstecken und – vor allem für Enya – ein Vorbild sein.“
Sandra Bludau (45)

Offen mit ihrer Hochbegabung umzugehen, das ist für Sandra Bludau ein Prozess. Mittlerweile spricht sie im Freundeskreis und im Elterngesprächskreis des Koblenzer Kinder-Colleges, den sie seit einigen Jahren leitet, immer offener darüber. Auf der Arbeit wissen nur wenige Kolleginnen Bescheid. „Hochbegabt zu sein, ist eigentlich nichts, wofür man sich schämen muss. Das Gefühl hat man aber manchmal.“ Die 45-Jährige hat sich fest vorgenommen, selbstbewusster mit dem Thema umzugehen: „Ich will mich nicht mehr verstecken und – vor allem für Enya – ein Vorbild sein.“

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