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Lidl will Haltungsart auf der Verpackung ausweisen: Ein wegweisender Schritt für den Einzelhandel?

Wo die Politik bislang versagt hat, richtet's nun womöglich der Markt: Mitten in die Diskussion um ein lange überfälliges staatliches Tierschutzlabel platzte der Discounter Lidl jüngst mit der Nachricht, ein eigenes Label zur Fleischkennzeichnung einführen zu wollen. Schon ab April sollen die Kunden auf allen Frischfleischprodukten der Eigenmarke die Haltungsart erkennen können.

Aktuell stammen etwa 98 Prozent des in Deutschland verkauften Fleischs aus Massentierhaltungen.
Aktuell stammen etwa 98 Prozent des in Deutschland verkauften Fleischs aus Massentierhaltungen.
Foto: dpa

Das vierstufige System ähnelt dem bei Eiern. Dabei kennzeichnet Stufe eins die Stallhaltung nach gesetzlichem Mindeststandard, Stufe zwei gewährt dem Tier 10 Prozent mehr Platz, Stufe drei einen Auslauf ins Freie, Stufe vier steht für biologische Haltung. Damit geht der Lebensmittelhändler einen wichtigen Schritt in Richtung Transparenz. Der Kunde kann selbst entscheiden, welche Art der Haltung er favorisiert – und sogar erkennen, inwiefern sie sich auf den Preis niederschlägt.

Der plötzliche Vorstoß der Privatwirtschaft kommt unerwartet – und aus einer Richtung, die überrascht: von einem Händler im Niedrigpreissegment. Kein anderer deutscher Lebensmittelhändler zeichnet Fleisch in der Frischetheke bislang derart aus, eine gesetzliche Pflicht dazu besteht nicht. Schon im kommenden Jahr sollen 50 Prozent des gesamten Frischfleischsortiments bei Lidl mindestens mit Stufe zwei – also mehr Platz für die Tiere – gekennzeichnet sein. „Unser Ziel ist es, langfristig die Stufe eins, Stallhaltung nach gesetzlichem Standard“, komplett zu eliminieren“, sagte Lidl-Einkaufsleiter Jan Bock gegenüber dem Deutschlandfunk.

Aktuell stammen etwa 98 Prozent des in Deutschland verkauften Fleischs aus Massentierhaltungen, die meisten erfüllen lediglich die gesetzlichen Mindeststandards, betont die internationale Vereinigung Slow Food, die sich für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft einsetzt.

Mit seinem Vorstoß reagiert der Discounter auf drängende Wünsche der Kunden in Deutschland: Die Mehrheit lehnt Massentierhaltung ab – auf Nachfrage zeigen sich knapp 90 Prozent bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn es aus artgerechterer Tierhaltung stammt. Unter welchen Verhältnissen die Tiere bis zu ihrer Schlachtung leben, lässt sich bis dato an der Fleischtheke nicht erkennen – um verbindliche Richtlinien für die Kennzeichnung wird seit Jahren gestritten.

Bereits in ihrer bisherigen gemeinsamen Regierung wollte die Große Koalition ein staatliches Tierwohllabel einführen. Pläne, die der geschäftsführende Bundesa-grarminister Christian Schmidt (CSU) dafür schon vor einem Jahr vorgestellt hatte, wurden bis zur Bundestagswahl aber nicht umgesetzt. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte Union und SPD auf, in einem neuen Koalitionsvertrag eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht festzuschreiben. Es sei „ein Armutszeugnis für die Bundesregierung“, dass einzelne Handelsketten selbst diesen Schritt gehen müssten, sagte er. Auch die Umweltorganisation Greenpeace und ökologische Erzeugerverbände fordern eine verpflichtende Haltungskennzeichnung. Was die neue Regierungskoalition in Sachen Tierschutz auf den Weg bringt, wird man abwarten müssen.

Dass nun ausgerechnet Discounter eine Vorreiterrolle spielen, erntet selbst von deren ärgsten Kritikern Applaus: „Es ist etwas in Bewegung geraten“, konstatiert Stephanie Töwe von Greenpeace. Freilich: Die Haltungsbedingungen der Tiere ändern sich durchs Etikett noch nicht. Immerhin können Käufer sich künftig aber zwischen Fleisch aus mehr oder weniger tierfreundlicher Produktion entscheiden.

Lidl-Konkurrent Aldi bietet schon seit Mitte Januar in ersten Regionen unter dem Label „Fair & Gut“ Geflügelprodukte aus Ställen an, die Hähnchen mehr Platz, Stroh im Stall, Zugang zu frischer Luft und gentechnikfreies Futter bieten. Beim Preis und den zu erfüllenden Kriterien bewege sich das Angebot „zwischen Fleisch aus konventioneller Tierhaltung und Biofleisch“, betont der Discounter. Auch Vollsortimenter haben längst den Wert der Label für sich entdeckt. Edeka arbeitet seit Jahren mit der Umweltschutzorganisation WWF zusammen und kennzeichnet Eigenmarkenprodukte, die die ökologischen Standards der Organisation erfüllen, mit deren Panda. Bei Rewe steht das Pro-Planet-Label für Waren mit „positiven ökologischen oder sozialen Eigenschaften“. Ausgerechnet bei Fleisch sind die Vollsortimenter aber zurückhaltender als die Discounter.

Für den Marketingexperten Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Vallendar reagieren die Handelsketten mit den Angeboten auf die veränderte Haltung der Konsumenten: „Die Verbraucher erwarten mehr Engagement des Einzelhandels beim Thema Tierschutz. Sie wollen beim Einkauf kein schlechtes Gewissen haben und dafür nicht viel tiefer in die Tasche greifen.“

Nicole Mieding/dpa

Unterschiedliche Haltungsbedingungen in deutschen Ställen

Die Bundesregierung will die Haltungsbedingungen für Nutztiere verbessern. Der Blick auf die verschiedenen Labels zeigt, wie nötig einheitliche Standards sind.

Milchkühe: Wie viel Platz eine Kuh im Stall hat, ist für konventionelle Betriebe nicht vorgeschrieben, in der biologischen Landwirtschaft sind sechs Quadratmeter Standard. Weidegang ist nur von den Bioverbänden (Demeter, Naturland, Bioland) vorgeschrieben, Demeter verbietet zudem, die Kühe zu enthornen.

Masthühner: In konventionellen Betrieben leben 26 Tiere auf einem Quadratmeter, nach 30 Tagen werden sie geschlachtet. Die diversen Biosiegel garantieren eine Mastzeit von 81 Tagen und limitieren die Zahl der Tiere pro Stall auf 4800.

Legehennen: Der Auslauf ins Freie ist nur für die ökologische Haltung vorgeschrieben. Dort leben auch nur halb so viele Tiere pro Qua-dratmeter (sechs statt elf), pro Stall ist die Zahl der Tiere auf 3000 statt 6000 begrenzt.

Mastschweine: Spaltböden sind in der ökologischen Landwirtschaft generell verboten, ebenso ist Einstreu wie Stroh in den Ställen und Auslauf vorgeschrieben. Das Kupieren von Schwänzen und das Kastrieren von Ferkeln ohne Betäubung sind verboten. Das Platzangebot ist für Bioschweine knapp doppelt so hoch (1,3 statt 0,75 Quadratmeter).

Quelle: Bundesministerium für Ernährung; mehr zu Haltungs-bedingungen und Einkaufshilfen unter www.tierwohl-staerken.de

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