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Mainz

Liberal, Liberia und Leaks: JuLis haben mit Tobias Huch schillernden Vorsitzenden FDP Julis VDS Piratenpartei

Eine der schillernsten Figuren im deutschen Internet engagiert sich jetzt in vorderer Reihe bei den Jungen Liberalen: Tobias Huch aus Mainz, bekannter und skandalträchtiger Internetaktivist und Unternehmer mit Wurzeln im Erotikbereich, hat den Vorsitz der JuLis Rheinhessen-Vorderpfalz übernommen.

Keine unnötigen Kompromisse? Das Credo von Tobias Huch auf der <a href="http://www.huchmedien.de/" target="_blank">Unternehmensseite </a>seiner  Firma Huch Medien. "Abends hören wir Musik und suchen zum Spaß nach Sicherheitslücken im Netz", sagt er.
Keine unnötigen Kompromisse? Das Credo von Tobias Huch auf der Unternehmensseite seiner Firma Huch Medien. "Abends hören wir Musik und suchen zum Spaß nach Sicherheitslücken im Netz", sagt er.
Foto: Screenshot

Mainz – Eine der schillerndsten Figuren im deutschen Internet engagiert sich jetzt in vorderer Reihe bei den Jungen Liberalen: Tobias Huch aus Mainz, bekannter und skandalträchtiger Internetaktivist und Unternehmer mit Wurzeln im Erotikbereich, hat den Vorsitz der JuLis Rheinhessen-Vorderpfalz übernommen.

Hält die Meinungsfreiheit auf dem Pappschild hoch: Tobias Huch als einziger Gegendemonstrant bei einer Kundgebung, die sich gegen einen Auftritt von Thilo Sarrazin als Laudator bei der Mainzer Ranzengarde aussprach.
Hält die Meinungsfreiheit auf dem Pappschild hoch: Tobias Huch als einziger Gegendemonstrant bei einer Kundgebung, die sich gegen einen Auftritt von Thilo Sarrazin als Laudator bei der Mainzer Ranzengarde aussprach.
Foto: Julia Rau

"Konsequent liberal und bestimmt nicht kleinlaut", hat sich der neue Vorstand als Motto gegeben – und der 29-jährige Huch selbst liefert das personifizierte Gegenteil von kleinlautem Auftreten. Er ist der Mann, der immer wieder für spektakuläre Prozesse und Nachrichten gut ist: Er brachte ans Licht, dass Millionen Kundendaten von T-Mobile herumvagabundierten, er machte den Schlecker-Datenskandal öffentlich, er liefert aktuell der Frankfurter Staatsanwaltschaft Hinweise zu einer Plattform, die nur aufs Mobbing von Schülern angelegt ist. Und er spricht schon vom nächsten Skandal, den er aufdecken will und der größer sein wird als der Telekom-Skandal.

Der liberale Liberianer: Huch mit Dolmetscher im Ohr in Genf, als er für Liberia an einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats teilnimmt. Liberia hat dort Beobachterstatus. "Du hast deinen Kopf auch überall mit drin", hat ein Freund das <a href="http://www.facebook.com/rheinzeitung?ref=mf#!/photo.php?fbid=10150313229100055&set=a.10150313228065055.568715.723580054" target="_blank">Bild auf seiner Facebook-Seite</a> kommentiert.
Der liberale Liberianer: Huch mit Dolmetscher im Ohr in Genf, als er für Liberia an einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats teilnimmt. Liberia hat dort Beobachterstatus. "Du hast deinen Kopf auch überall mit drin", hat ein Freund das Bild auf seiner Facebook-Seite kommentiert.

"IT-Legende" hat ihn die "Bild" gerade erst wieder bezeichnet. Heise.de nannte ihn aber auch schon "streittüchtigen Unternehmer". Als er dem Bund Deutscher Kriminalbeamter in einem Tweet wegen dessen Haltung zur Vorratsdatenspeicherung "Gestapo 2.0" vorhielt, sah er der angekündigten Strafanzeige "mit Freuden entgegen", wie er in einem Interview sagte. Die Anzeige landete im Mülleimer, sagt er. Wie schon einige andere Anzeigen und Ermittlungen gegen ihn ausgegangen sind wie das Hornberger Schießen. Den Anlass für die "Gestapo"-Vergleich hatte es am Rande eines FDP-Parteitags gegeben. Huch war dort – aber nicht als Delegierter.

Einziger Liberaler beim CDU-Empfang

Huch war auch beim Neujahrsempfang der rheinland-pfälzischen CDU mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und wunderte sich, dass er dort der einzige Liberale war. Auch andere Parteien zu besuchen, das ist nichts ungewöhnliches. sagt er, der nach einem Anlauf bei der CDU seit zehn Jahren FDP-Mitglied ist. "Nur mit der SPD Rheinland-Pfalz habe ich meine Probleme, bei den Skandalen, die da aufpoppen." Der Mainzer hat dem SPD-Ministerpräsidenten auch die Seite Zensurbeck.de gewidmet, auf der nichts anderes prangt als ein Schwarz-Weiß-Foto von Beck mit dem Schriftzug: Zensurbeck.
In der "großen" FDP soll seine Wahl an die Spitze des Bezirksverband, der bis Mitte vergangenen Jahres völlig eingeschlafen war, nicht nur auf Begeisterung gestoßen sein. Huch dürfte auch noch nicht am Ende seiner Ambitionen angelangt sein. Sein Ziele umschreibt er damit, "meine Meinung an geeigneter Stelle einbringen zu können." Posten seien dabei nicht unbedingt wichtig. Ständiger Gast der FDP-Kommission für Internet und Medien ist er schon länger. Lediglich so viel scheint klar: "Berufspolitiker werde ich nicht, ich bin Unternehmer."

Mit 18 Jahren in die Erotik-Branche

Und das schon lange. Er war selbst noch nicht lange volljährig, da hatte Huch schon eine Firma gegründet, die mit Ueber18.de ein Altersprüfsystem für Erotik- und Porno-Seiten anbot. Der Begriff "Erotikunternehmer" ist deshalb eng mit ihm verknüpft. Und das erst recht, nachdem er zum Vorkämpfer dafür wurde, dass einfach Pornografie nicht jugendgefährdend ist. "Mir hat noch kein Wissenschaftler das Gegenteil belegen können." Nachdem das Bundesverfassungsgericht seine Verfassungsbeschwerde nicht annahm, die "das Verbot der Verbreitung sogenannter einfach pornografischer Darbietungen im Internet an Minderjährige" aufweichen wollte, führt er diesen Kampf weiter: Der Fall sei anhängig beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

"Konsequent liberal" stand Huch alleine mit einem Plakat "Für Meinungsfreiheit" vor dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz, als 200 andere Menschen gegen Thilo Sarrazin als Laudator für Lars Reichow protestierten. Mit dem Strom zu schwimmen kann man Huch nicht vorwerfen.

Wünsche an den "Ehrenvorsitzenden" Brüderle

Wenn er sagt, dass die Julis der "Innovationsmotor in der FDP" sind, "auch mal unbequeme Wege gehen" und dafür auch mal versuchen müssen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, dann könnten das Worte sein, die in einem seit 28 Jahren von dem gleichen Vorsitzenden Rainer Brüderle geführten Landesverband auf gemischte Gefühle stoßen. Zumal wenn Huch die Erwartung der Jungen Liberalen an einen "klaren Weg der Verjüngung" formuliert und die FDP Rheinland-Pfalz "bald" so sieht: "Ein junges und frisches Team, welches jederzeit auf die wichtigen Erfahrungen des Ehrenvorsitzenden im Lande Rainer Brüderle zurückgreifen kann." Brüderle hat bislang nicht erkennen lassen, dass er absehbar den Vorsitz mit dem Ehrenvorsitz tauschen möchte ... Schlecht angenommen fühlt sich Huch aber nicht: Bei den Liberalen falle seine "eigene netzpolitische Kompetenz immer auf fruchtbaren Boden und Argumente werden sachlich diskutiert".

"Schock" bei den Piraten

Es sind oft Argumente, die auch von der Piratenpartei sein könnten. Zwar gesteht er den Piraten Verdienste zu: "Sie haben ohne Zweifel im positiven Sinne den Blick der breiten Öffentlichkeit auf die Netzpolitik gelenkt." Allerdings sieht er sie auf ein Fachgebiet verengt – wogegen die sich heftig und in der öffentlichen Wahrnehmung meist erfolglos wehren. Huch saß unter den Zuhörern, als die Piraten in Bingen ihren ersten Bundesparteitag abhielten – und berichtet gerne vom "Schock, wie unkoordiniert so etwas ablaufen kann." Schließlich bot er sich sogar für die Zählkommission an, als es dort nach seinem Geschmack kein Vorankommen gab. Eine Schmach, die die Piraten dann doch lieber abbogen.
Allerdings schreckt er auch nicht davor zurück, den Piraten bei deren ureigensten Themen öffentlich vorzuhalten: "Holt euch erstmal Fachwissen." Es ging um IP-Adressen und Vorratsdatenspeicherung, er verteidigte FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ("eine bewundernswerte Verteidigerin der Freiheits- und Bürgerrechte"). Sein Credo: "Als liberaler Mensch, der fest von unserer Sozialen Marktwirtschaft überzeugt ist, kann meine Heimat nur die FDP und die Jungen Liberalen sein." Er schiebt nach: "Der Wechsel vieler Piraten zu den Jungen Liberalen bestätigt mich nur noch mehr darin." Der Wechsel vieler Piraten zu den JuLis? "Wir haben bei uns in Rheinland-Pfalz einige", behauptet er.

UN-Akkreditierung in Genf

Fasziniert vom Politikbetrieb ist Huch im Kleinen wie im Großen: So hat ihm Engagement für Liberia eine UN-Akkreditierung eingebracht, mit dem er das Land schon im Menschenrechtsrat in Genf vertreten hat. Das ist der Rat, in dem Israel mit großem Vorsprung am häufigsten am Pranger steht und die USA inzwischen ihren Beobachterstatus aufgegeben haben. Huch hat die ständige Vertretung Liberias in Genf aufgebaut, erzählt Huch. "Von der Akkreditierung über Stempel bis zum Telefonanschluss und dem Briefpapier." Die Vorgeschichte klingt abenteuerlich, aber Abenteuer scheint eng mit der Person Huch verknüpft: Mit einem Geschäftspartner habe er beim Abendessen besprochen: "Man muss was in West-Afrika machen." Um Geld gehe es, er unterstützt nach seinen Angaben die Ärtzte-Stiftung Heartt. Im März, so kündigt er an, "werde ich runterfliegen, um zu schauen, wo geholfen werden kann." Aber es gehe eben auch um Kontakte und Hilfe bei Logistik. Er kennt jetzt die Präsidentin, sitzt unter Diplomaten aus aller Welt. "Das ist mein Hobby. Eine Win-Win-Situation." Geschäftliche Kontakte in das Land, das sich nach Jahren des Bürgerkriegs weit hinten auf dem Korruptionsindex findet, gibt es aber bisher nicht, sagt er.

Verfassungsbeschwerde wegen Porsche

Der Mäzen Huch – auch eine Frage des Alters? Wenn er sagt, "ich werde 30, da wird man ruhiger", meint er was anderes: Huch wird demnächst einen Audi A5 fahren und sich dafür von seinem Porsche trennen. Als der sichergestellt wurde, hatte Huch einmal Verfassungsbeschwerde einlegen und Schadenersatz wollen. Diese Geschichte findet sich in unter der schier endlosen Trefferliste, wenn man seinen Namen googelt. Die Polizei hatte die Teilnehmer der 72-stündigen Luxus-Rallye „Rushh Drive 2008“ ausgebremst und die 63 Luxuswagen noch vor dem Start sichergestellt – Huchs Porsche darunter. Huch kämpfte für Bürgerrechte in eigener Sache – auch hier "konsequent liberal" und "bestimmt nicht kleinlaut".

Lars Wienand

Rheinland-Pfalz
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