40.000
Aus unserem Archiv

Kulturgeschichte: Über den Zusammenhang von Tattoos und Verbrechen

Um zu verstehen, warum viele Bürger tätowierte Polizisten als problematisch empfinden, ist eine kleine Zeitreise vonnöten: 1908 veröffentlichte der Wiener Architekt und Designtheoretiker Adolf Loos einen Aufsatz mit dem Titel „Ornament und Verbrechen“. Zeit seines Lebens bekämpfte Loos polemisch den Jugendstil. Bauwerke, Kleider und Innenräume wurden mit ornamentalen Mustern versehen; ein Graus für Loos, der stattdessen das Klare und Schnörkellose bevorzugte. Nicht nur auf Wänden, sondern auch auf der Haut.

Plakat zum Vortrag Ornament und Verbrechen von Adolf Loos gestaltet.
Plakat zum Vortrag Ornament und Verbrechen von Adolf Loos gestaltet.

Das Ornament beziehungsweise die Tätowierung war für Loos ein Rückfall in vormoderne Zeiten, im Prinzip gar die Wiederkehr des Wilden in die gezähmte europäische Kultur. In konsequenter Kleinschreibung konstatiert Loos: „der papua schlachtet seine feinde ab und verzehrt sie. er ist kein verbrecher. wenn aber der moderne mensch jemanden abschlachtet und verzehrt, so ist er ein verbrecher oder ein degenerierter. der papua tätowiert seine haut, sein boot, sein ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. er ist kein verbrecher. der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter.“

Der noch vor 110 Jahren übliche kolonialistische Blick auf den Fremden, den Papua, mag heute verwundern, interessant aber ist die These dennoch. Der Fremde wird in seiner Kultur und seiner Natur verortet, frei nach dem Motto „Andere Länder, andere Sitten“, der Europäer aber, der diese Bräuche und Gepflogenheiten übernimmt, wird als kriminell bezeichnet, weil diese Lebensweise dem zivilisierten und industrialisierten Menschen unangemessen ist.

Loos geht noch einen Schritt weiter: „es gibt gefängnisse, in denen achtzig prozent der häftlinge tätowierungen aufweisen. die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.“ Wer tätowiert ist, ist kriminell oder wird es werden. Schwer zu sagen, wie ernst das Pamphlet gemeint ist, prägend aber war es. Es spiegelt einen Zeitgeist wider, der bis heute nicht völlig verschwunden zu sein scheint, wie die aktuelle Studie über tätowierte Polizisten zeigt.

Wir leben nicht mehr im Jahr 1908, ein tätowierter Polizist ist genauso gut oder schlecht wie ein nicht-tätowierter, und dennoch existiert auch 2018 offenbar noch der von Loos hergestellte Zusammenhang zwischen Tätowierung und Kriminalität. Als würde der Verbrechensbekämpfer durch ein Tattoo selbst zum Verbrecher werden. Es ist Teil des kollektiven Bewusstseins. Unzählige Szenen hält die Filmgeschichte bereit, in denen Figuren, die man für moralisch integer hielt, plötzlich ihre Tattoos bloß legen und sich so als Kriminelle zu erkennen geben.

Wohl deshalb ist ein Doppelstandard in der öffentlichen Meinung vorherrschend: Sind Tattoos heute zwar omnipräsent – bald ist derjenige besonders, der nicht tätowiert ist – und in allen Gesellschaftsschichten beliebt, werden sie bei Polizisten noch immer nicht gern gesehen. Loos glaubte, die „evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande“. Das heißt, der moderne Mensch löst sich aus seinem ursprünglichen Natur- und Kulturzusammenhang und verzichtet auf Tätowierungen. In gewisser Weise hat Loos recht: Das Tattoo ist Ausdruck einer vormodernen Sehnsucht. Sogar gewisse Stammesbräuche kehren wieder, wenn sich Menschen die Namen von Verstorbenen oder Kindern in den Leib einschreiben lassen. Letztendlich ist dies der Wunsch nach Verbindlichkeit in Zeiten radikaler Verunsicherung, das Verlangen nach etwas Analogem im Digitalen. Bei tätowierten Polizisten wird das nicht anders sein. Wolfgang M. Schmitt

Rheinland-Pfalz Extra
Meistgelesene Artikel
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
  • Lokalticker
  • Regionalsport
  • Newsticker
Das Wetter in der Region
Sonntag

8°C - 19°C
Montag

6°C - 16°C
Dienstag

4°C - 16°C
Mittwoch

7°C - 18°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

Anzeige
Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!