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    Keine Rückkehr zur Paukschule der 50er Jahre

    Mainz . Das Schweigen ist gebrochen. Fast täglich offenbaren sich erneut ehemalige Internatsschüler, von Priestern und Lehrern sexuell missbraucht worden zu sein. Der katholischen Kirche werden jahrzehntelange Kartelle des Vertuschen vorgehalten. Und die deutsche Erziehungswissenschaft sieht sich vor dem Hintergrund der Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule Vorwürfen ausgesetzt, dass die Reformpädagogik der frühen 70er Jahren nicht nur Autorität zerstört hat – sondern auch die notwendige Distanz zwischen Lehrern und Schülern, was den sexuellen Missbrauch begünstigt habe.

    Mainz  – Das Schweigen ist gebrochen. Fast täglich offenbaren sich erneut ehemalige Internatsschüler, von Priestern und Lehrern sexuell missbraucht worden zu sein. Der katholischen Kirche werden jahrzehntelange Kartelle des Vertuschen vorgehalten. Und die deutsche Erziehungswissenschaft sieht sich vor dem Hintergrund der Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule Vorwürfen ausgesetzt, dass die Reformpädagogik der frühen 70er Jahren nicht nur Autorität zerstört hat – sondern auch die notwendige Distanz zwischen Lehrern und Schülern, was den sexuellen Missbrauch begünstigt habe.

    Eigentlich sollte es ein ganz normaler Fachkongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) werden, der am Montag mit über 2000 Professoren, Lehrern und Studenten in Mainz begann. Tagungsmotto und Themen waren seit langem festgelegt: "Bildung in der Demokratie" sollte im Mittelpunkt stehen, ebenso auch das ungelöste Problem, dass in Deutschland nach wie vor die Bildungschancen so sehr abhängig von der sozialen Herkunft sind wie in kaum einer anderen großen Industrienation der Welt.

    Doch spätestens nach den Horrornachrichten über die Vorkommnisse an der Odenwaldschule konnten die Wissenschaftler nicht einfach zur Tagungsordnung übergehen – gilt doch gerade diese Schule als ein Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik. Der beschuldigte Schulleiter Gerold Becker, dem vorgeworfen wird, zwischen 1972 und 1985 mindestens 33 Schüler missbraucht zu haben, war gefragter Ratgeber auch für viele andere Schulen. Sein Lebenspartner, der heute 84-jährige Hartmut von Hentig, gilt als die Ikone der deutschen Erziehungswissenschaft.

    Was tun? In einer eher gestelzt klingenden Vorstandserklärung distanzierten sich die Wissenschaftler klar gegen die "Verletzungen der psychischen, physischen und sexuellen Intimität und Integrität von Kindern und Jugendlichen", für die "keine pädagogischen Ideen, Modelle, Konzepte oder Theorien legitimierend zitiert werden" können. Gleichwohl warnen sie aber davor, die Missbrauchsfälle zum Vorwand zu nehmen, "die Demokratisierung der pädagogischen Praxen in den zurückliegenden gut dreißig Jahre in Frage zu stellen".

    Deutlich klarere Worte fand dagegen der Soziologe Oskar Negt, der den Begriff des sexuellen Missbrauchs als verharmlosend ansieht – wie es eben auch keinen sexuellen "Gebrauch" geben darf. "Das ist Gewaltverhalten und muss eindeutig so benannt werden", sagte Negt, der nach eigenem Bekunden über Jahrzehnte mit von Hentig wie Becker eng bekannt ist. Die Nachrichten hätten ihn "mit einem großen Schlag" getroffen.

    Was ihn dabei besonders schmerze, sei von Hentigs "Flucht nach vorn", bekannte Negt vor der Presse in Mainz. Bei allem Verständnis, seinen Lebenspartner schützen zu wollen – so sei es doch "unerträglich", wenn von Hentig jetzt versuche, "Opfer zu Tätern zu machen". Besonders aufgewühlt hat dabei die Pädagogen-Szene ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung" von der vergangenen Woche, in dem von Hentig seinen Lebenspartner Becker als begnadeten Lehrer bezeichnet, der nichts Böses getan habe. "Wenn überhaupt, könnte allenfalls mal ein Schüler seinen Lehrer Becker irgendwie verführt haben", schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Besuch bei dem großen Pädagogen in dessen Berliner Wohnung.

    Gleichwohl will die deutsche Erziehungswissenschaft nicht den Weg zurück zur alten autoritären Paukschule der 50er und frühen 60er Jahre gehen. Gerade die "vorbehaltlose Anerkennung von Autorität", wie sie beispielsweise der konservative Pädagoge Bernhard Bueb fordert, stehe der Entwicklung eines autonomen Kindes entgegen, das "Nein" sagen kann, wenn Ungebührliches von ihm verlangt wird – so der Mainzer Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger. Zur Erziehung gehört viel Nähe – aber auch Distanz, sagte der Münchner Erziehungswissenschaftler Rudolf Tippelt. Ohne Nähe und Empathie laufe kein Erziehungsprozess.

    Doch gegen die Überschreitung dieser Nähe bis hin zur sexuellen und körperlichen Gewalt wollen die Wissenschaftler Methoden der Prävention entwickeln. Ein fachübergreifend zusammengesetzter Arbeitskreis mit Pädagogen, Psychologen, Juristen und Theologen soll Konzepte vorlegen, die in spätestens einem halben Jahr auf einem Fachkongress vorgelegt werden sollen. Auch in der Lehrerausbildung sollen die jungen Pädagogen besser auf pubertäres Verhalten der Jugendlichen vorbereitet werden.

    Ein Problem bereitet nach wie vor die Personalauswahl bei Lehrern wie Erziehern. Internationalen Studien zu Folge haben ein Prozent aller Männer pädophile Neigungen. In Deutschland gibt es Schätzungen, wonach zwischen 50 000 bis 250 000 Männer zur Risikogruppe zu zählen sind. Es ist seit längerem bekannt, dass der Erziehungsberuf für diese Personen eine große Anziehungskraft ausübt. Bereits in der vergangenen Wahlperiode hat der Bundestag eine Neuregelung verabschiedet, wonach bei Erziehern pädophile Straftaten nicht aus dem Führungszeugnis gelöscht werden.

    Von Karl-Heinz Reith

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