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    Der Aufsteiger und die Aufstockerin: Welche Forderungen haben unterschiedliche Berufsgruppen an die Politik

    Unsere Reporter Dirk Eberz, Eugen Lambrecht und Marta Fröhlich haben einen Unternehmer und eine Aufstockerin besucht, um sie zu fragen, was sie bewegt.

    Auf den brauereieigenen Hopfengarten ist der Unternehmer Jens Geimer besonders stolz.
    Auf den brauereieigenen Hopfengarten ist der Unternehmer Jens Geimer besonders stolz.
    Foto: Röder-Moldenhauer

    Der Aufsteiger

    Jens Geimer ist einer, der zupacken kann. Das merkt man schon beim Händedruck. Smartes Auftreten. Selbstbewusst. 42 Jahre. Chef von 86 Mitarbeitern. Eine junge Generation Unternehmer, die nicht nicht so recht in alte Klischees passen will. Mit flottem Schritt führt er durch die Hallen der Hachenburger Westerwaldbrauerei, der süßliche Geruch von Hopfen und Braugut liegt in der Luft. „Das riecht man irgendwann nicht mehr“, sagt Geimer lachend und verschwindet zwischen Gebirgen aus Bierkisten.

    Kein Mitarbeiter, der zusammenzuckt. Viele grüßen Geimer mit Vornamen. Man kennt sich. Manchmal seit Jahrzehnten. Der Chef war hier selbst einst Azubi. Was nicht heißt, dass es nicht auch mal richtig krachen kann. „Bei uns wird Tacheles geredet“, sagt der 42-Jährige. Westerwälder Understatement.

    Geimers Start in die Selbstständigkeit beginnt mit einem Berg Schulden. Zahlen nennt er nicht. „Aber es war schon ein Haufen Geld“, sagt er. Da ist der Betriebswirt gerade mal 34. Wie so viele Mittelständler hat sein Vorgänger Heiner Schneider, der die Brauerei in vierter Generation führt, keinen Nachfolger in der Familie gefunden. Seine Wahl fällt auf seinen ehemaligen Lehrling. Der Anruf ereilt Geimer in München. „Darüber musste ich erst einmal schlafen“, erinnert sich Geimer. Mehr als ein Jahr lässt er sich Zeit. „Ich habe alles genau durchgerechnet“, sagt er. Immer wieder. Trägt sein Konzept auch in 20 Jahren noch? Kann er die Kredite zurückzahlen?

    Steckbrief

    Jens Geimer
    Jens Geimer
    Foto: Röder-Moldenhauer

    Name: Jens Geimer

    Beruf: Unternehmer

    Alter: 42 Jahre

    Familienstand: Single

    Wohnort: Hachenburg

    Altersvorsorge: privat, vor allem aus seinem Vermögen, das in der Brauerei angelegt ist

    Welche Wunschkoalition sollte nach der Wahl an der Macht sein? Kein Kommentar

    Welche größte Sorge treibt Sie um? Deutschland geht es momentan sehr gut. Deshalb ist meine größte Sorge, dass wichtige Reformen nicht angepackt werden. 

    Was ist Ihr größter Wunsch an die Politik? Da habe ich gleich drei: Zunächst einmal die Vereinfachung unseres Steuersystems. Dann muss das Image des dualen Ausbildungssystems gegenüber dem Studium verbessert werden. Denn die jungen Leute lernen so viel mehr in der Praxis. Die Ausbildung sollte einen viel höheren Stellenwert genießen. Und Deutschland sollte viel mehr in Digital- sowie Infrastruktur investieren.

    Geimer hat die Entscheidung nicht bereut. „Ich kann gut schlafen“, sagt er. Trotz Schulden. „Ich kann ganz gut mit Zahlen umgehen. Risiken gehe ich nur dann ein, wenn ich die Konsequenzen absehen kann.“ Weitsicht und Nachhaltigkeit. Das wünscht er sich übrigens auch von der Politik. Über die laufende Legislaturperiode hinaus. Geimer nervt etwa, dass bei vielen staatlichen Projekten nicht an die Kosten gedacht wird, die in der Zukunft anfallen. „Die Politik muss viel vorausschauender agieren“, ärgert er sich. Deshalb wünscht er sich mehr Unternehmer in den Parlamenten.

    Geimer denkt immer nach vorn. Über große Zeiträume. Das fängt beim Personal an. „Ich bin bei jedem Vorstellungsgespräch dabei, weil ich auch prüfe, ob die Leute ins Team passen“, sagt der Chef. Und weil er jeden Mitarbeiter theoretisch auch noch in 10, 20 Jahren bezahlen muss. Auch in schlechten Zeiten, wenn der Laden mal nicht brummt. Immerhin: Wo viele Kollegen händeringend Nachwuchs suchen, kann er noch aus dem Vollen schöpfen. „Wir können nicht über Bewerbermangel klagen. Wir sind eine feste Marke in der Region. Die Leute wissen, was sie erwartet“, sagt Geimer.

    Zehn Auszubildende lernen derzeit bei der Westerwaldbrauerei. Die meisten kommen aus der Region. Eine andere Frage ist es, die jungen Leute auch zu halten. Geimer beklagt den Trend zur Akademisierung. Aufhalten kann er ihn nicht. Der 42-Jährige setzt deshalb auf das Duale Studium. Eine Ausbildung, die perfekt auf mittelständische Unternehmen zugeschnitten sei. „Damit sind wir gut gefahren.“

    Auch Spezialisten sind nicht immer so leicht zu gewinnen. Wie lockt man etwa einen Braumeister von München ausgerechnet in den Westerwald? „Die kostenlosen Kitaplätze sind gerade für junge Eltern ein richtig gutes Argument“, hat er festgestellt. In anderen Bundesländern werden da schnell mal bis zu 400 Euro pro Monat fällig. Das zieht. Beim schnellen Internet hingegen hapert es Geimer zufolge oft noch. Nicht in Hachenburg. Aber in vielen kleinen Dörfern in der Umgebung. Sind die abgehängt, wird's schwer, Fachkräfte mit Kindern davon zu überzeugen, aufs Land zu ziehen.

    Digitalisierung. Bei dem Stichwort kommt Geimer so richtig in Fahrt. Seit er an der Spitze der Westerwaldbrauerei steht, hat er den Betrieb komplett umgekrempelt. „Wir arbeiten mittlerweile komplett papierlos“, betont er stolz. „Alle unsere Mitarbeiter sind mit iPhones und iPads ausgestattet.“ Digitalisierung sollte auch in der Politik absolute Priorität haben. Davon ist er fest überzeugt. Spart Geld, vereinfacht Betriebsabläufe, erhöht die Effizienz. Und macht das Unternehmen bei jungen Menschen als Arbeitgeber attraktiv.

    iPad trifft Kupfersudkessel: Jens Geimers (rechts) Credo heißt Digitalisierung. Die Hachenburger Westerwaldbrauerei ist ein komplett papierloses Unternehmen. Hier sieht er auch die Politik gefordert.
    iPad trifft Kupfersudkessel: Jens Geimers (rechts) Credo heißt Digitalisierung. Die Hachenburger Westerwaldbrauerei ist ein komplett papierloses Unternehmen. Hier sieht er auch die Politik gefordert.
    Foto: Röder-Moldenhauer

    Die will er langfristig ans Unternehmen binden. Gute Leute gern bis zur Rente. „Wir setzen auf unbefristete Langzeitbeschäftigung“, sagt er. Leiharbeiter arbeiten bei ihm deshalb nicht. Zumal die Bierbranche kein zyklisches Geschäft ist wie etwa die Automobilindustrie. Grundsätzlich hält er Leiharbeit aber für sinnvoll, um Produktionsspitzen abzufangen. „Ein Unternehmen braucht Luft zum Atmen.“ Geimer selbst fühlt sich da manchmal von der Bürokratie stranguliert. „Sicherheitsbeauftragte, Kesselwärter, Strahlenschutzbeauftragte, Datenschutzbeauftragte, Hygienebeauftragte“ – vieles davon habe sicher seinen Sinn. „Aber es nimmt wirklich unglaubliche Ausmaße an und frisst Zeit“, klagt er. Dann muss er Mitarbeiter tagelang für Schulungen abstellen.

    Stattdessen könne es der Staat seinen Angestellten einfacher machen, indem er die kalte Progression abmildert. Dann bliebe ihnen mehr Geld in der Tasche. „Ich finde grundsätzlich, dass unser Steuersystem deutlich vereinfacht werden könnte“, sagt er. „Ob für Privatleute oder Unternehmen.“ Am liebsten wäre ihm die Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Oder ein Drei-Stufen-Modell.

    Selbst das traditionelle Deputat gilt mittlerweile als geldwerte Leistung. Sorgt aber immerhin für gute Laune im Betrieb. Jeder Mitarbeiter erhält sieben Kisten Hachenburger pro Monat. Und das Feierabendbier, bei dem sich jeder Mitarbeiter in der Küche frei bedienen kann, geht schon fast als Teambuilding durch. Geimer setzt sich gern dazu, um den Arbeitstag sacken zu lassen oder um sich auszutauschen. Ohnehin verlaufen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit für den Unternehmer fließend. Immer im Dienst.

    Denn der 42-Jährige wohnt direkt am Firmengelände und ist in ein paar Schritten am Platz. Daher ist er auch schnell zur Stelle, wenn etwas anliegt. Dann fragt er sich schon manchmal: „Eigener Chef, ist man das wirklich?“ Eine 40-Stunden-Woche hat er jedenfalls nie. Und auch Urlaub gönnt er sich nur rund zehn Tage pro Jahr. Jammern will er aber nicht. Im Gegenteil. „Das macht mir Spaß.“

    Eigentum verpflichtet eben. Auch nach Feierabend. Für den privaten Jens Geimer bleibt da wenig Raum. Der Unternehmer ist irgendwie immer auch Repräsentant seiner Marke. Bei der Dorfkirmes, im Restaurant oder im Supermarkt. Neuerdings natürlich auch als Vizepräsident der IHK Koblenz. Und vielleicht auch bald in der Politik? Da würde er sich gern mehr engagieren, räumt er ein. Theoretisch. Praktisch hält er sich in der Öffentlichkeit lieber zurück

    Nicole R. hat nicht viel Geld zum Leben. Doch meckern will die 39-Jährige nicht.
    Nicole R. hat nicht viel Geld zum Leben. Doch meckern will die 39-Jährige nicht.
    Foto: Eugen Lambrecht

    Die Aufstockerin

    Rund 20 Millionen Deutsche verfolgten das TV-Duell. Nicole R. war nicht darunter. Als Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) über Flüchtlinge und soziale Probleme diskutierten, über Erdogan und Trump sprachen, schaute sie gerade einen Science-Fiction-Film, in dem Tom Cruise gegen eine weltweite Alieninvasion kämpft. Nicole R. hat mit Politik nicht viel am Hut – und macht daraus kein Geheimnis. „Das ist nicht meine Welt“, sagt sie. „Ich gehe eh nicht wählen.“ Nie. In ihren 39 Lebensjahren kein einziges Mal. Nicht aus Frust. Nicht aus Trotz. Nicht, um denen da oben oder wem auch immer einen Denkzettel zu verpassen. Die Frau mit dem dunklen Haar und den großen Augen geht nicht zur Wahl, weil sie meint: „Ich hab doch eh keine Ahnung.“

    An einem grauen Septembertag steht Nicole R. mit verschränkten Armen und einer Zigarette im Mund vor einem Kosmetikstudio in der Koblenzer Altstadt. Seit Anfang des Jahres arbeitet sie hier. Obwohl sie im rund 30 Kilometer entfernten Emmelshausen wohnt. Die 39-Jährige massiert Füße, schneidet Nägel, behandelt Hornhaut. Dreimal die Woche. Für 530 Euro im Monat. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie noch nie ins Ausland gereist ist. Dass sie ihrem Sohn kein Taschengeld geben kann. Dass sie arbeitet und trotzdem Hartz IV bezieht, weil der Lohn aus ihrer Teilzeitstelle zum Leben nicht reicht. Die alleinerziehende Mutter sieht das so: „Es ist besser als gar nix. Ich bin froh, dass ich überhaupt morgens aufstehen und mein Leben leben kann.“

    Steckbrief

    Nicole R.
    Nicole R.
    Foto: Eugen Lambrecht

    Name: Nicole R.

    Beruf: Kosmetikerin

    Alter: 39 Jahre

    Familienstand: Alleinerziehend

    Wohnort: Emmelshausen

    Altersvorsorge: Als Geringverdienerin wird sie im Alter wohl auf Grundsicherung angewiesen sein. Darüber macht sie sich momentan aber noch keine Gedanken.

    Welche Wunschkoalition sollte nach der Wahl an der Macht sein? Ich beschäftige mich nicht mit Politik. Es ist halt so, wie es ist. Ich gehe eh nicht wählen.

    Welche größte Sorge treibt Sie um? Keine Ahnung. Ich bin mit allem zufrieden!

    Was ist Ihr größter Wunsch an die Politik? Ich stelle keine Ansprüche. So bin ich halt.

    Nicole R. ist Aufstockerin. Und so wie ihr geht es 1,2 Millionen Menschen in Deutschland: Sie sind auf Geld vom Amt angewiesen – trotz Arbeit. Beim Jobcenter muss Nicole R. jeden Cent und jede noch so kleine Ausgabe genau erklären. Von der guten Wirtschaftslage profitiert sie nicht. Vielmehr gehört sie zu den Verlierern in Deutschland. Die 39-Jährige ist das, was Politik und Medien als abgehängt bezeichnen. Sie ist Teil einer Gruppe, der Experten eine besondere Anfälligkeit für Populismus attestieren. Die Aufstockerin lebt an der Armutsgrenze in einem reichen Land – und zählt deshalb zu den Sorgenkindern.

    Doch was sind ihre Sorgen? Ihre Ängste? Ihre Wünsche und Hoffnungen an die Politik? Nicole R. sitzt im Kosmetikstudio, wartet auf die ersten Kunden des Tages und grübelt nach Antworten. „Keine Ahnung“, sagt sie zögerlich und ergänzt: „Ich bin mit allem zufrieden!“ Nach einem Augenblick der Stille fällt ihr dann doch noch etwas ein: „Meinen Renault Clio hätte ich gern wieder. “

    Die Hunsrückerin hat sich an die Armut gewöhnt. Sie kennt nichts anderes. Ihre Mutter war krank, überfordert, arbeitslos. Und Nicole R. das Mädchen, das sich selbst überlassen wurde. Nach der Hauptschule begann sie eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Doch mit dem Leistungsdruck kam sie nicht zurecht – und schmiss nach kurzer Zeit wieder hin. Mit 18 wurde sie Mutter eines Jungen. Fünf Jahre später bekam sie eine Tochter. Und noch einmal fünf Jahre später Depressionen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Hunsrückerin keinen Partner, kein Geld, keine Perspektive. Dafür Schulden in Höhe von 40.000 Euro. Eines Tages war sie so verzweifelt, dass sie das Jobcenter um mehr Geld anpumpte. Ihr Sachbearbeiter winkte ab. Nicole R. ging nach Hause und heulte. Sie dachte ans Aufgeben. An einen Schlussstrich. An den Tod.

    Doch Nicole R. schaffte es, sich wieder aufzurappeln. Sie machte eine Therapie, nahm Medikamente und meldete sich an einer Kosmetikschule im Kreis Mayen-Koblenz an. Das Jobcenter finanzierte ihr die Ausbildung. Es war ein harter Weg voller Selbstzweifel und Versagensängste. Umso stolzer war die alleinerziehende Mutter, als sie die Lehre erfolgreich abschloss.

    Die meisten Absolventinnen machten sich selbstständig, eröffneten ihre eigenen Kosmetikstudios. Für Nicole R. war das keine Option. Bis heute denkt sie: „Ich glaub, ich bin da nicht so der Typ zu.“ Und selbst wenn, würde ihr das Kapital für eine Existenzgründung fehlen. Nicole R. hoffte deshalb auf eine Festanstellung und schrieb Dutzende Bewerbungen. Lange Zeit erfolglos. Bis ein Koblenzer Kosmetikstudio der Hunsrückerin Ende 2016 eine Teilzeitstelle anbot.

    Seitdem geht es bergauf, erzählt die 39-Jährige. Zwar ist sie noch immer verschuldet, die Psyche noch immer etwas labil, und ausgerechnet ihr geliebter Renault Clio fiel einem Kabelbrand zum Opfer. Doch Nicole R. fühlt sich ein Stück weit angekommen – und vor allem angenommen. Ihre Chefin akzeptiere sie so wie sie ist, zeigt sich die 39-Jährige dankbar. Dadurch habe sie neues Selbstvertrauen getankt. Mittlerweile schmeißt sie den Laden sogar allein, wenn die Chefin außer Haus ist. Aus finanzieller Sicht rentiert sich der Job zwar nicht. Vor allem wegen der Fahrerei. Würde Nicole R. nicht dreimal die Woche Füße behandeln und stattdessen im Bett liegen bleiben, stünde ihr wohl unterm Strich sogar mehr Geld zur Verfügung als jetzt. Aber die Hunsrückerin sieht darin kein Problem: „Mir macht die Arbeit Spaß. Und das ist doch das Wichtigste.“

    Füße massieren, Nägel schneiden, Hornhaut behandeln: Nicole R. (39) pendelt für ihre Teilzeitstelle dreimal die Woche von Emmelshausen nach Koblenz. Trotz Job bekommt sie Hartz IV.
    Füße massieren, Nägel schneiden, Hornhaut behandeln: Nicole R. (39) pendelt für ihre Teilzeitstelle dreimal die Woche von Emmelshausen nach Koblenz. Trotz Job bekommt sie Hartz IV.
    Foto: Eugen Lambrecht

    Die größte Stütze im Leben der 39-Jährigen ist ihre ältere Schwester. Von ihr bekam Nicole R. einen Golf, als der Renault den Geist aufgab. „Das ist meine Mutti“, sagt die Hunsrückerin. Ihre Finanzen werden von ihrer Schwester verwaltet. Nicole R. kennt nicht einmal den genauen Betrag, den sie vom Jobcenter erhält. Alle zwei Wochen gibt ihr die Schwester 240 Euro. Von dem Geld muss sie sich und ihren Sohn ernähren, das Auto betanken und Kleidung kaufen. Reicht das? Nicole R. schaut verschämt zu Boden: „Das ist schon arg wenig. Aber ich stelle keine Ansprüche.“

    Ansprüche stellt sie auch nicht an die Politik. „So bin ich halt“, sagt die 39-Jährige. Und: „Das ist vielleicht auch mein Manko.“ Die Aufstockerin denkt nicht an die Zukunft. „Ich lebe im Hier und Jetzt“, sagt sie. Sie beschäftigt sich weder mit neuen Jobmöglichkeiten noch mit ihrer Altersvorsorge. Klar würde sie gern mehr verdienen, unabhängig vom Jobcenter sein, vielleicht mal nach Ibiza fliegen. „Das wär was.“ Aber momentan sei es okay, wie es ist.

    Nicole R. ist keine, die meckert. Außer in der letzten Woche im Monat. Wenn die Kasse leer ist. Und der Kühlschrank auch. „Da werd ich schon mal zickig“, räumt sie ein. Ihr Sohn versucht sie dann zu beruhigen, verspricht: „Mama, irgendwann kauf ich dir ein Haus.“ Schön wär’s, denkt die 39-Jährige. Nicht wegen des Hauses, das will sie gar nicht. Sondern weil sie sich wünscht, ihr Sohn würde mal so viel verdienen, dass er sich eines leisten könnte. Sie kann es nicht. Und sie hat sich damit abgefunden, dass sich daran wohl nichts mehr ändern wird. Am 24. September können mehr als 60 Millionen Menschen einen neuen Bundestag wählen. Nicole R. wird keine von ihnen sein.


    SPD

    • gleiches Geld für Leiharbeiter und die Stammbelegschaft
    • gesetzliche Rente auf dem heutigen Niveau bis 2030 stabilisieren
    • Managergehälter begrenzen
    • keine Rente mit 70
    • Solidarrente deutlich über der Grundsicherung nach einem langen Berufsleben
    • Einkommen aus Arbeit und Kapital wieder gleich besteuern, indem die Abgeltungsteuer abgeschafft wird.
    • keine Vermögensteuer
    • Erbschaftsteuerreform mit weniger Ausnahmen

    CDU/CSU

    • Mindestlohnregelung unbürokratischer machen
    • Schritt in die Selbstständigkeit erleichtern
    • Arbeitszeit flexibler machen und es mehr Frauen ermöglichen, sozialversicherungspflichtig zu arbeiten
    • Spitzensteuersatz für Singles auf 60 000 Euro Jahreseinkommen anheben
    • Solidaritätszuschlag ab 2020 schrittweise abschaffen
    • keine Vermögensteuer

    Grüne

    • Grundfreibetrag für kleine und mittlere Einkommen erhöhen
    • Spitzensteuersatz soll für Singles oberhalb eines zu versteuernden Einkommens von 100 000 Euro steigen.
    • steuerfinanzierte Garantierente oberhalb der Grundsicherung für alle, die  den größten Teil ihres Lebens rentenversichert waren, gearbeitet, Kinder erzogen oder Menschen gepflegt haben.

    FDP

    • Alle Sozialleistungen in einem Bürgergeld an einer staatlichen Stelle zusammenfassen
    • Maximalarbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche anheben
    • Minijobgrenze auf 530 Euro anheben
    • Belastungsgrenze für Steuern und Sozialabgaben im Grundgesetz festschreiben
    • Altersbegrenzung für Renteneintritt abschaffen
    • Soli abschaffen
    • keine Wiedereinführung der Vermögensteuer und keine weitere Verschärfung der Erbschaftsteuer
    • Die FDP spricht sich klar für Leiharbeit aus.


    Linke

    • solidarische Mindestrente von 1050 Euro netto im Monat
    • Recht auf Erwerbsarbeit
    • Hartz IV abschaffen und durch Mindestsicherung von 1050 Euro ersetzen
    • Vermögensteuer von 5 Prozent auf alle Vermögen oberhalb von 1 Million Euro
    • Reichensteuer von 60 Prozent ab 260 000 Euro, 75 Prozent auf Einkommen oberhalb von 1 Million Euro
    • zu versteuernde Einkommen unter 12 600 Euro im Jahr sollen steuerfrei bleiben.
    • 12 Euro Mindestlohn

    AfD

    • Rente nach einer Arbeitszeit von 45 Jahren
    • Arbeitslosengeld I soll an die vorangegangene Arbeitsdauer gekoppelt werden.
    • gesetzliche Obergrenze von 15 Prozent Leih- und Werksvertragsarbeitern innerhalb eines Unternehmens
    • Mehrwertsteuer soll um 7 Prozent gesenkt werden.
    • Kleine und mittlere Einkommen sollen durch die Erhöhung des Grundfreibetrags entlastet werden.
    • Gegen Vermögensteuer

    Rheinland-Pfalz
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